Analytischer Freigeist. Das „Out-of-the-Box-Thinking“ am Hasso-Plattner-Institut und das internationale Arbeitsumfeld dort kommt Erwin Böttinger entgegen. Foto: Andreas Klaer
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Gesundheitsforschung Potsdam In Deutschland einzigartig

Stefanie Schuster

Erwin Böttinger leitet seit 2017 das Digital Health Center am Hasso-Plattner-Institut der Uni Potsdam. Für ihn ist Potsdam ein Ort der Zukunft.

Die Backsteinbauten in der Rudolf-Breitscheid-Straße 187, die wie ein „U“ den gut sortierten Innenhof mit hellgrauem Pflaster, Kuschelrasen und hübsch beschnittenen Bäumen umfassen, haben bodentiefe Fensterfronten. Nur wenige Studenten huschen lautlos mit ihren Laptops die Treppen hoch, die Bürotüren schirmen die großen Räume dahinter ab. Hinter einer dieser Fensterfronten sitzt Erwin Böttinger in einem ziemlich leeren Büro an einem sehr aufgeräumten Schreibtisch. Von ihm geht sportliche Energie aus; das stahlgraue Hemd hat dieselbe Farbe wie seine Augen.

Schwerpunkt personalisierte Medizin

Auch wegen der Ruhe ist der gebürtige Franke Böttinger vor dreieinhalb Jahren zurückgekommen nach Deutschland. Der Professor für Digital Health mit dem Schwerpunkt Personalized Medicine leitet seit 2017 das Digital Health Center am Hasso-Plattner Instiut (HPI). In Bayern hatte er Medizin studiert, einige Jahre an der Uni-Klinik Nürnberg gearbeitet und war 1987 in die USA gegangen. Dort forschte er unter anderem an den Harvard-Universitätskliniken in Boston und dem National Cancer Institute, zuletzt in New York City, wo er das Charles Bronfman Institute for Personalized Medicine gründete.

2015 jedoch kehrte Böttinger zurück nach Deutschland. Ein Grund war der Ruf, als Vorstandsvorsitzender des Berlin Institute of Health auch in Europa Weichen zu stellen. An der Charité erhielt er zudem einen Lehrstuhl für Personalisierte Medizin. Es sei ein langer Entscheidungsprozess gewesen, sagt Böttinger, doch er bereue nichts. „Als Inhaber eines deutschen und eines amerikanischen Passes hat es mich immer gereizt, beide Welten miteinander zu verbinden“, sagt der Wissenschaftler. „Deutschland hat bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems erheblichen Aufholbedarf und befindet sich derzeit an einem sehr spannenden Punkt.“ Ein anderer Grund für seine Rückkehr war die Familie. Erst vor Kurzem starb seine Mutter nach schwerer Krankheit. Da habe er auch sehen können was passiere, wenn man zu wenig Digitalisierung in den Krankenhäusern nutze, sagt Böttinger etwas verbittert. Vier Mal in drei Monaten sei sie wegen derselben Krankheit in dasselbe Krankenhaus eingeliefert worden. „Jedes Mal kam eine Sozialarbeiterin ans Bett und fragte nach der Pflegestufe und den Vorerkrankungen. Jedes Mal!“ Kostbare Zeit musste man damit verschwenden, immer wieder dieselben Sachverhalte zu Protokoll zu geben. Dabei könnte längst vieles schneller, reibungsloser, kostengünstiger ablaufen im deutschen Gesundheitssystem, würden die Schnittstellen zwischen Medizin und Technik richtig geschaltet. Davon ist Böttinger überzeugt.

Böttinger schwärmt vom HPI und der Uni Potsdam

Seit Oktober 2017 ist der Wissenschaftler damit befasst, im Auftrag des Plattner-Instituts und der Universität Potsdam ein Digital Health Center aufzubauen, das die Forschung und Lehre am Institut bündelt und Wissenschaftler sowie Akteure aus den Bereichen Medizin und IT zusammenbringen soll. Seit dem vergangenen Jahr bietet das HPI auch den englischsprachigen Masterstudiengang Digital Health an. Er richtet sich an Informatik- und Medizinstudierende, die künftig an der Schnittstelle zwischen IT, Informatik und Medizin arbeiten möchten. Ein Berufsbild dafür gebe es noch gar nicht, sagt Böttinger – aber auf jeden Fall weltweit großen Bedarf.

28 Studierende hat der neue Studiengang zum Beginn im Wintersemester aufgenommen. Sie kommen aus aller Welt. In vier Semestern sollen sie lernen, wie man den Bedarf der Patienten mit den Möglichkeiten der digitalen Technik so verzahnt, dass Ärzte und Apotheker daraus die nötigen Erkenntnisse ziehen, um schnellstmöglich ihre Leiden lindern zu können. Böttinger schwärmt von den Möglichkeiten, die HPI und Uni Potsdam den Studenten bieten: „So eine Verbindung finden sie in ganz Deutschland nicht noch einmal!“ Oxford und Stanford sind seine Vorbilder. Er selbst hat begonnen, seine internationalen Netzwerke nach Potsdam hinein zu knüpfen: Erst im vergangenen März gab das HPI bekannt, dass man mit dem New Yorker Universitätsklinikum Mount Sinai ein neues Digital-Health-Forschungsinstitut gegründet habe; Böttinger ist einer der beiden Leiter. Die Hasso-Plattner-Stiftung stellt für das neue Institut in den nächsten fünf Jahren 15 Millionen US-Dollar bereit.

Dem Pionier geht es sehr um Internationalität

Es sei eine große Hilfe, dass das HPI privatrechtlich organisiert sei, sagt Böttinger. Die Art, Entscheidungen zu treffen, das „Out-of-the-Box-Thinking“, das man dort praktiziere und das internationale Arbeitsumfeld liege seinem Denken erheblich näher als jenes, das sonst an deutschen Unis üblich wäre. Überhaupt geht es dem Pionier der Verbindung von Biomedizin und Digitalisierung sehr um Internationalität. Daher verlangt der Studiengang, anders als andere Unis, auch ein C1-Zertifikat im Englischen als Teilnahmevoraussetzung. „Da die Unterrichtssprache Englisch ist, können wir viele exzellente Studierende aus nicht-deutschsprachigen Regionen herholen.“ So gebe es jetzt hier Studierende aus Nigeria, Indien und Südafrika, alle mit ausgezeichneten Abschlüssen.

Erwin Böttinger ist ehrgeizig: „Wir wollen die Champions und die Vorreiter der Zukunft ausbilden, um sie dann in die Welt zu entlassen, wo sie die drängenden Herausforderungen angehen – und lösen!“ Die Probleme sind vielfältig, so der Forscher: „Die großen Herausforderungen in Südafrika sind nicht Diabetes, Bluthochdruck und Alzheimer, sondern Aids, Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten.“ Auch die Anforderungen an die Digital Health seien dadurch ganz andere. „In Ländern wie Südafrika sehen wir aber durch die Technik große Chancen, um überhaupt erst den Zugang zur Gesundheitsversorgung herzustellen.“ Das sei in Deutschland noch kein Problem, aber in den Flächenländern, wie in Brandenburg, wird es zunehmend schwieriger, freie Stellen zu besetzen und Ärzte zu gewinnen. „Und darauf müssen wir reagieren.“ Die Politik müsse dringend mit allen Akteuren sprechen und die Vorteile und Chancen der Digitalisierung für das Gesundheitssystem erkennen.

„Prävention wird künftig eine deutlich größere Rolle spielen,“ erwartet der Forscher. „Mehr Unterstützung im Selbstmanagement, neue Ansätze, wie auch Menschen mit chronischen Erkrankungen länger im häuslichen Umfeld bleiben können.“ Das gehe nur mithilfe der Technik.

Wer krank ist, hat keine Zeit

Bei der Frage nach der Datensicherheit räumt Böttinger ein, dass es in der digitalen Welt keine 100-prozentige Sicherheit gebe. Aber auch Mercedes garantiere keine Unfallfreiheit. „Natürlich müssen sensible Gesundheitsdaten bestmöglich geschützt werden, aber die Diskussion um die Datensicherheit darf nicht dazu missbraucht werden, wichtige Entscheidungen zu vertagen und Fortschritt zu verhindern.“ Böttinger zitiert Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU): „Das Thema Gesundheit wird von gesunden, mittelalterlichen, weißen Männern dominiert.“ 

Wer gesund ist, habe viel Zeit, sich mit möglichen Risiken zu beschäftigen. Wer krank ist, habe diese Zeit aber nicht, sondern benötige die bestmögliche Versorgung und wäge die Sicherheitsbedenken gegen den Nutzen ab: „Dann ist die Bereitschaft, die Daten nutzbar zu machen, sehr viel höher“, sagt Böttinger.

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