Den Wandel gestalten. Die Amtsinhaberin Susanne Stürmer sieht die Filmuni teilweise der Zeit ein Stück voraus. Foto: PNN / Ottmar Winter
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Filmuniversität Potsdam "Der Zeit ein Stück voraus"

Die amtierende Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg, Susanne Stürmer, tritt am Montag 27. Mai erneut zur Wahl an. Warum sie das Amt noch einmal gereizt hat, wie sie über ihre Mitbewerber denkt und was der Wandel in der Filmbranche für die Hochschule bedeutet, erklärt sie im PNN-Interview.

Frau Stürmer, was hat Sie daran gereizt, noch einmal als Präsidentin der Filmuniversität zu kandidieren?
 

Die vergangenen sechs Jahre haben mir viel Freude gemacht. Ich mag die Arbeit mit den sehr unterschiedlichen und großartigen Menschen an der Hochschule – und wir haben in der Zeit zusammen viel geleistet. Das beflügelt. Auch bin ich der Meinung, dass eine gewisse Kontinuität an der Hochschule wichtig ist. Wir haben eine Menge angeschoben, sind 2014 Deutschlands erste Filmuniversität geworden. Aber die Profilbildung einer Universität ist nicht in fünf Jahren erledigt, da stecken wir noch mittendrin. Ich möchte, dass der eingeschlagene Weg weitergegangen wird.

Ihnen ist die Lust also noch nicht vergangen?

Nein, absolut nicht.

Gar kein Interesse an einer neuen Tätigkeit?

Nein, das Schöne ist, dass die Arbeit an der Hochschule selbst sehr abwechslungsreich ist. Allein die umgreifenden Veränderungen in der Filmlandschaft bringen jeden Tag etwas Neues. Und das in einer Geschwindigkeit, dass man als Hochschule aufgerufen ist, vorneweg zu schreiten. Insofern muss ich mich nicht nach Neuem umschauen. Ich gestalte gerne den Wandel mit.

Zu ihrem Filmuni-Start 2013 haben Sie sich gefragt, inwiefern Sie und die Filmuni zusammenpassen. Wie lautet nun Ihre Antwort?

Ja, das passt. Ich denke, wir haben bisher eine gute Zeit miteinander gehabt. Es gibt aber auch nicht die eine Filmuni, wir sind ein sehr heterogenes Haus.

Bei der Transformation von der Kunsthochschule zur Universität hat es anfänglich auch Widerstände gegeben.

Weniger Widerstände als vielmehr die Sorge, ob jetzt alle nur noch forschen müssen – und die Filmarbeit und die Künste dabei zu kurz kommen. Ich denke, es ist deutlich geworden, dass es darum nicht geht. Unsere Hochschule lebt durch den Film. Der Film steht im Mittelpunkt und alle künstlerischen Aktivitäten und alle Forschungsaktivitäten bei uns gehen vom Film aus. Das ist unser gemeinsames Verständnis an der Hochschule. Zudem ist das Interesse an der Forschung stetig gewachsen – ohne zu Lasten anderer Dinge zu gehen. Eine erfreuliche Entwicklung.

Es gibt zwei weitere Bewerber für das Präsidentenamt. Was können Sie besser als Ihre Herausforderer?

Ich kenne die beiden gar nicht. Insofern steht es mir nicht zu, das zu beurteilen.

Sie wurden 2013 einstimmig gewählt. Haben Sie nicht auch die Sorge, dass es diesmal anders ausgehen könnte?

Eine Wiederwahl ist ein ganz normaler Prozess, das gehört zur Hochschule dazu. Ich finde es auch bereichernd, mich selbst nun nach der ersten Amtszeit damit zu beschäftigen, was war und was sein soll.

Und was wird, wenn Sie durchfallen?

Ich konzentriere mich mit meinen Gedanken auf eine zweite Amtszeit. Ich habe schon sehr früh an der Hochschule erklärt, dass ich gerne weitermachen möchte.

Was wäre das nächste wichtige Vorhaben in einer neuen Amtszeit?

Es wird nicht um einen nächsten großen Coup gehen, sondern darum, das besondere Profil unserer Hochschule weiter auszufüllen. Es wird zum Beispiel auch darum gehen, wie die Studiengänge zusammenarbeiten, und darum, wie das Konstrukt Bachelor-Master austariert und weiter verbessert werden kann. Darin liegt noch viel Potenzial. Zudem werden wir beim Thema Forschung dranbleiben – auch was die Forschung in den Künsten anbelangt. In den Bereichen Wissenschaft und Kunst, Technologie und bei den filmischen Inhalten haben wir ein riesiges Betätigungsfeld. In der Unterstützung der künstlerischen Forschung und auch der akademischen Karrierewege in den Künsten würde ich gerne in Deutschland insgesamt Durchbrüche sehen, diese Felder sind noch nicht so gut entwickelt wie in der klassischen Wissenschaft.

Die Filmuni wächst weiter. Das neue Haus 6 in der Marlene-Dietrich-Allee ist kaum noch zu übersehen. Was wird die Hochschule damit gewinnen?

In erster Linie zusätzlichen Raum, gerade auch für die Studiengänge mit größerem Technikbedarf, wie zum Beispiel Sound, Filmmusik oder Animation. Das neue Haus geht mit neuen technologischen Möglichkeiten einher. Hinzu kommen Lehrräume beispielsweise für das Schauspiel. Und natürlich die große Mensa, bisher haben wir ja nur ein Provisorium. Wir rechnen damit, Ende 2020 fertig zu sein. Es ist ein hochkomplexes Gebäude, nach dessen Fertigstellung die technischen Räume und Soundstudios erst noch implementiert werden müssen. Das wird die Qualität der Arbeit an der Hochschule noch einmal deutlich voranbringen.

Sollen die Studierendenzahlen auch wachsen?

Wir sind in meiner Amtszeit bereits stark gewachsen, von 580 Studierenden im Jahr 2014 auf jetzt über 800. Ich denke, diese Zahl sollte nicht wesentlich weiter steigen. Wir definieren uns über inhaltliche Qualität und nicht über Quantität. Bei uns lebt die Lehre sehr stark von einem guten Betreuungsverhältnis. In den vergangenen Jahren war eine Expansion nötig, das kam vor allem durch die neuen Studienangebote. Dabei sollte es nun erst einmal bleiben.

Was geben Sie den Studierenden mit auf den Weg?

Dass sie ihre Zeit an der Uni nutzen sollen, bei uns haben sie großen kreativen Freiraum. Man kann herausfinden, was einem liegt. Zum anderen gibt es bereits viele Angebote zur Verbindung mit der beruflichen Praxis. Viele Absolventinnen und Absolventen verlassen die Hochschule bereits mit ihren späteren Teams. Denken Sie beispielsweise an die Teams um Andreas Dresen oder Jakob Lass, die kennen sich größtenteils schon von der Hochschule.

Gibt es den klassischen Filmemacher überhaupt noch?

Natürlich, aber das Berufsbild hat sich stark gewandelt. Filmische Inhalte haben sich maximal aufgefächert von Short-Form-Inhalt über serielle Entwicklungen bis hin zum Langfilm. Das spiegelt sich natürlich bei uns in der Ausbildung wider. Es gibt darüber hinaus zahlreiche Experimente etwa im Bereich der virtuellen Realität, also wie man im virtuellen Raum erzählt oder Sound im 360-Grad-Raum als Beispiele. Dazu kommen interdisziplinäre Forschungsprojekte wie beispielsweise mit den Archäologen der Humboldt Uni oder dem Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung. Den klassischen 90-Minüter gibt es unverändert, aber andere Formate spielen eine zunehmend stärkere Rolle. Und heute ist es oft ein und dieselbe Person, die sich mit diesen unterschiedlichen Formen und Inhalten beschäftigt, sowohl bei uns als auch in der Branche.

Also keine brotlose Kunst?

Nein. Wir befragen regelmäßig unsere Alumni, dabei sehen wir, wie sich das Berufsfeld auffächert: Der Bereich Kino geht als Betätigungsfeld relativ zurück, Fernsehen ist recht stabil und der ganze Bereich Neue Medien ist stark gewachsen. Inzwischen verdienen viele unserer Absolventinnen und Absolventen damit ihr Geld und generell ist die Situation sehr gut. Das hat etwas mit der Entwicklung der Branche zu tun und natürlich auch mit der Qualität unserer Ausbildung.

Ist diese Ausbildung angesichts des schnellen Wandels überhaupt noch zeitgemäß?

Absolut. Ich würde sogar sagen, in Teilen auch der Zeit ein Stück voraus, wenn ich an die vielen Experimentierfelder denke. Dabei betreten wir immer wieder Neuland.

2013 hatten Sie gesagt, dass die Filmuni zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist – gilt das immer noch?

Der Medienstandort Babelsberg ist nach wie vor perfekt für uns, es gibt hier eine gute Entwicklung und Zusammenarbeit mit den Studios und Produktionsfirmen und auch mit den anderen Hochschulen. Wir sind eine nachgefragte Partnerin. Also gilt nach wie vor: zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder besser noch: zur richtigen Zeit der richtige Ort.

Google & Co sitzen aber woanders …

Google ist gar nicht das Maß der Dinge für uns. Viele andere Partnerinnen kommen gerne auch bei uns vorbei, gerade laden wir wieder ein zu unserem jährlichen Projektforum im Juni.

Sie gelten als schnell und effizient – hat man es da in dem eher trägen Gremienladen Universität nicht besonders schwer?

Nein, und zwar deswegen nicht, weil ich die Sinnhaftigkeit sehe. Hochschule muss sehr partizipativ und demokratisch funktionieren und auch das Verwaltungshandeln folgt Regeln, schließlich arbeiten wir mit öffentlichen Geldern. Ich weiß aber auch, wie die Welt draußen tickt. Insofern bin ich, glaube ich, eine gute Übersetzerin.

Was haben Sie aus der Filmwirtschaft für die Hochschule mitgebracht?

Ein gutes tragendes Netzwerk, das ich in den letzten Jahren an der Hochschule mit vielen weiteren Partnerinnen und Partnern aus den unterschiedlichsten Bereichen weiter ausgebaut habe. Natürlich ist es wichtig, dass man in der Leitung einer Filmhochschule auch vom Film kommt.

Sie gelten als hartnäckig, hat Ihnen das an der Filmuni geholfen?

Ich würde Hartnäckigkeit als Einsatz und Verantwortung beschreiben. Die Kolleginnen und Kollegen und die Studierenden an der Hochschule arbeiten alle mit Herzblut an ihren unterschiedlichen Projekten. Das ist immer wichtig. Die anderen müssen merken, dass es einem ernst ist, dass man mit Herzblut dabei ist. Das steckt hoffentlich an, so kann man gemeinsam etwas aufbauen.

Ihr Vorgänger Dieter Wiedemann hat die Hochschule ganze 18 Jahre geführt – ist eine solche Dauerregentschaft eine Option für Sie?

Ich finde Kontinuität grundsätzlich gut – und dafür ist eine Amtszeit zu kurz. Aber natürlich ist an Hochschulen auch der Wechsel wichtig. Über eine dritte Amtszeit habe ich sicherlich noch nicht nachgedacht.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller


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Susanne Stürmer (55) ist seit 2013 Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“. Von Oktober 2011 an hat sie die Professur „Produktion Neuer Medien“an der Hochschule inne. Stürmer ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende des media.net Berlin-Brandenburg. 2016 wurde sie als Vertreterin des Landes Brandenburg in den ZDF-Fernsehrat entsandt. Zudem ist sie Mitglied der Schiedsstelle der ARD ­Landesrundfunkanstalten. Die Findungskommission des Landeshochschulrates hat dem Senat der Filmuni Hubertus von Amelunxen, Karin Mairitsch und Susanne Stürmer zur Präsidenten-Wahl vorgeschlagen. Der Führungsposten an Deutschlands einziger Filmuniversität ist zum 1. Oktober 2019 neu zu besetzen. Die Hochschule nannte als Wahltermin den 27. Mai. 

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Karin Mairitsch © Ludwig Schedl

Die Kandidatin Karin Mairitsch (Jahrgang 1968) ist Bildende Künstlerin, Dozentin, Autorin und Herausgeberin von Fachbüchern im Bereich Medien, Gesellschaft und Kunst. Sie kann auf eine rege nationale und internationale Ausstellungs- und Performancetätigkeit zurückblicken. Auch war sie an verschiedenen Hochschulen der Schweiz und Österreichs in Führungspositionen und der Lehre tätig. 

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Hubertus von Amelunxen © picture alliance / dpa

Hubertus von Amelunxen (Jahrgang 1958) in Bad Hindelang, ist Kunstwissenschaftler mit dem Schwerpunkt der Geschichte und Theorie der Fotografie. Seit 2003 ist von Amelunxen Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und seit 2005 Rektor der École européenne supérieure de l’image Angoulème/Poitiers in Frankreich.

Hubertus von Amelunxen gestaltete verschiedene internationale Ausstellungen. Bis zum Juli 2013 war er Präsident der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.

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