Wissenschaft Elite-Uni ist kein Selbstläufer

Wenig Zuspruch für Vorschlag zu Elite-Unis an der Universität Potsdam / „Besser exzellente Fächer fördern“

Wenig Zuspruch für Vorschlag zu Elite-Unis an der Universität Potsdam / „Besser exzellente Fächer fördern“ Von Jan Kixmüller Der von der SPD diskutierte Vorschlag, das deutsche Bildungssystem mit Elite-Universitäte nach US-Vorbild aufzuwerten, stößt an der Universität Potsdam nur auf wenig Gegenliebe. Der Rektor der Universität, Prof. Wolfgang Loschelder, hält die Diskussion für unseriös und angesichts der gegenwärtigen Lage der Hochschulen in Deutschland für zynisch. „Sie lenkt von den eigentlichen Problemen ab – und soll dies vielleicht auch“, sagte Loschelder gestern den PNN. Elite-Universitäten könne man nicht künstlich erzeugen: „Wissenschaftliche Exzellenz entwickelt sich im freien Wettbewerb der Hochschulen.“ Besonders ärgerlich findet Loschelder, dass die Forderung den Eindruck vermittele, es fehle in Deutschland bislang an wissenschaftlicher Höchstleistung. Dem sei nicht so, das eigentliche Problem würden vielmehr in den unzulänglichen Ressourcen liegen, die der Staat der Wissenschaft zubilligt. Prof. Werner Jann vom Lehrstuhl für Verwaltung und Organisation hält ebenso wenig von dem Vorschlag. „Mit mehr Geld für einige wenige Unis werden die Probleme in Deutschland nicht gelöst, eher im Gegenteil“, so Jann. Der ganze Bildungs- und Forschungssektor habe zu wenige Finanzmittel – nicht nur staatliche Mittel, es fehle auch privates Geld. Jann gibt zu bedenken, dass in Deutschland der Großteil der Studierenden aus gut verdienenden Mittel- und Oberklassefamilien komme, diese aber nicht bereit seien, Beiträge für ihre Universitäten zu leisten. Zudem kümmere sich das System zu wenig um die schwächeren Studierenden, die Folge sind die hohen Abbrecherquoten. Spitzenforschung finde in Deutschland in der Regel an Forschungseinrichtungen wie etwa den Max-Planck-Instituten statt. Dafür müsse mehr Geld zur Verfügung gestellt werden, wenn man mehr Weltklasse-Forschung bekommen möchte: „Aber nicht, indem man es irgendwelchen Elite-Hochschulen nachwirft, sondern indem verschiedene Einrichtungen darum konkurrieren: Konkurrenz ist der wichtigste Muntermacher“, so Jann. Für den Menschenrechtler Prof. Eckart Klein offenbart die aktuelle Debatte in „erschreckender Weise“ das Unverständnis der Politik für die Belange der Hochschulen. Nachdem durch „zum größten Teil unsinnige Reformen“ die Unis an sinnvoller Arbeit gehindert und zudem „kaputtgespart“ worden seien, eröffne man nun eine neue Diskussionsfront, um vom eigenen Versagen abzulenken. Klein mahnt ein radikales Umdenken in der deutschen Bildungspolitik an: „An jeder Universität sollten die Besten forschen und lehren, jede Universität sollte Eliten ausbilden und daher Elite-Universität sein.“ Dass die deutschen Hochschulen keine Nobelpreisträger mehr hervorbringen, liege nicht zuletzt an ihrer mangelnden Ausstattung. Deutschland brauche keine Spezialgründungen: Wenn es eine Umkehr in der Bildungspolitik gäbe, würden die deutschen Hochschulen ihre frühere Weltgeltung wieder gewinnen. Prof. Caroline Fery vom Institut für Linguistik hält Elite-Unis in Deutschland aus finanziellen Gründen für nicht realisierbar. Sie schlägt vielmehr ein Modell vor, in dem besonders leistungsstarke Fachbereiche an ausgewählten Unis unterstützt werden. Dies sei besser, als einzelnen Hochschulen in ihrer Gesamtheit herauszuheben. Der Germanist Prof. Joachim Gessinger, der auch Landesvorsitzender von Bündnis90/Die Grünen in Brandenburg ist, schlägt in die gleiche Kerbe. Der Vorschlag packe das Problem von der falschen Seite an: „Wir brauchen keine neuartigen Hochschulen, sondern eine bessere Förderung des jetzt schon vorhandenen Potenzials.“ Dem Wirtschaftsexperte Prof. Wilfried Fuhrmann geht die Idee der SPD von „falschen, wissenschaftsfremden“ Vorstellungen aus; sie führe in die falsche Richtung. Wissenschaftliche Bildungs- und Erkenntnisprozesse lassen sich nach seiner Meinung nicht von machtzentralen Verwaltungen betriebswirtschaftlich und effizient steuern. Die Studierendenvertreter an der Uni halten die Elite-Hochschulen ebenfalls für einen falschen Vorstoß. „Es sollte eher darauf geachtet werden, dass mehr junge Menschen an die Hochschulen gehen“, sagte AStA-Vorsitzender Martin Bär den PNN. Dies sollte ohne Einschränkungen durch Gebühren oder soziale Selektion geschehen. „Wir brauchen nicht mehr Spitzenkräfte sondern eine breite Bildungsbasis“, forderte Bär. Der Physiker Prof. Jürgen Kurths begrüßt hingegen das Bekenntnis zu den Elite-Hochschulen. Diese würden für die Wissenschaft genauso zwingend benötigt wie etwa in der Musik oder im Sport: „Föderale Gleichverteilung hilft dabei überhaupt nicht.“ Auch Historiker Prof. Manfred Görtemaker favorisiert den Vorschlag. Einrichtungen, die Eliten ausbilden, würden benötigt. „Eine Demokratie ist nur dann zukunftsfähig, wenn sie über eine Elite verfügt“, betonte Görtemaker. Auf die Frage, ob die Universität Potsdam das Zeug zur Elite-Uni habe, meinte Görtemaker, dass die Potsdamer Alma Mater auf Dauer nur eine Existenzberechtigung habe, wenn sie „anders und zumindest teilweise besser“ ist als die benachbarten großen Berliner Hochschulen. Potsdam müsse sich als forschungsorientiert und leistungsbezogen verstehen, „durchdrungen vom Geist, eine Elite-Universität zu sein oder werden zu wollen“. Allerdings könne so etwas nicht erzwungen oder gar politisch angeordnet werden, sondern müsse allmählich wachsen. „Die Universität selbst muss sich in vielen Bereichen noch erheblich bewegen, um dem Anspruch einer elitären Einrichtung zu genügen“, so Görtemaker. „Bisher ist oft nicht einmal der Wille dazu erkennbar.“ Ein hervorragendes Potenzial – vor allem bei den interdisziplinären Naturwissenschaften, der Softwaresystemtechnik, den Kognitionswissenschaften und den Jüdischen Studien – bescheinigt Prof. Jürgen Kurths der Uni Potsdam. Daraus eine Elite-Einrichtung zu machen, sei allerdings kein Selbstläufer. Sowohl das Land, der Bund und nicht zuletzt die Uni selbst müssten dafür Prioritäten setzen. „Das würde natürliche Einschnitte bedeuten und dafür braucht es Mut, Visionen und Durchsetzungskraft“ , sagte Kurths. Auf die Erfolge der Uni Potsdam verweist auch Prof. Fuhrmann. Wenn man den wissenschaftliche Wettbewerb entscheiden lasse, für Ausfinanzierung sorge und die Bürokratie reduziere, dann sei Potsdam für die Studierenden die richtige Wahl und für die internationale Wissenschaft der richtige Standort. Der AStA lehnt Potsdam als möglichen Standort einer Elite-Uni durchweg ab. Aufgrund des neuerlichen Haushaltsdefizits von 8,5 Millionen Euro habe die Uni nicht die Ressourcen zu einer solchen Umwandelung. Für die Region wäre es zudem ein fatales Zeichen, nur die Besten zuzulassen und die übrigen Studienanfänger Brandenburgs abzuweisen. Auch der Soziologe Prof. Erhard Stölting sieht angesichts der Armut des Landes nicht die geringste Chance für eine Elite-Anstalt in Potsdam. Zudem würden solche Einrichtungen die motivierende Konkurrenz in der Wissenschaft unterbinden. Sollte es tatsächlich Elite-Hochschulen in Deutschland geben, so erwartet Prof. Werner Jann die Uni Potsdam nicht darunter. Dann würden eher große Namen wie Humboldt oder München gehandelt. In bestimmten Bereichen aber sei Potsdam heute schon ganz vorne. Die Kooperation mit den Geo-Wissenschaften oder der Klimaforschung liefere Exzellenz, die Leibnitz-Preise würden für sich sprechen. Auf dieses hohe Potenzial weist auch Prof. Gessinger hin. „Wenn ein Teil des für Elite-Hochschulen angedachten Geldes in die Sanierung der vorhandenen Strukturen gesteckt würde, und Berlin-Brandenburg ein kooperativen Hochschulverbund hätte, könnten wir eine qualitativ hochwertige Ausbildung für viele Studierende anbieten. Womit sich das Thema „Eliten“ von selbst erledige. Lesen Sie außerdem: Die Interviews in voller L?nge

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