Das HPI lud zum ersten Digital Health Forum in Potsdam. Foto: obs/HPI/Kay Herschelmann
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Digital Health Forum Das HPI will die Zukunft der Medizin mitgestalten

Richard Rabensaat

Am Hasso-Plattner-Institut wurde beim ersten Digital Health Forum über den Einsatz von Computern in der Medizin diskutiert. Für den Leiter des HPI steht fest: Es gibt deutlichen Verbesserungsbedarf.

Potsdam - Digitale Behandlungsmethoden sind unschlagbar, wenn es darum geht, seltene Krankheiten zu erkennen und zu analysieren – oder ein ganz individuelles Heilmittel zu finden. Das war eines der Ergebnisse der Wissenschaftler beim ersten Digital Health Forum am Hasso-Plattner-Institut (HPI). Seit zwei Jahren konzentriert sich das HPI mit mittlerweile drei Lehrstühlen auf digitale Medizin und Gesundheitsbeobachtung. „Unser Bild von Gesundheit und Behandlungsmethoden ist über Jahrtausende geprägt worden. Aber da steht mit der Digitalisierung ein großer Wandel an“, sagte Erwin Böttinger vom HPI Digital Health Center. Der kommende Systemwechsel in der Medizin würde sich auch beim einzelnen Menschen niederschlagen. Denn durch die Auswertung von großen Datenmengen – Stichwort Big Data – ließen sich völlig neue Erkenntnisse über Krankheitsverläufe und Behandlungsmethoden generieren. Das sei heute erst in Ansätzen erkennbar.

Isaac Kohane von der Harvard Medical School, mit der das HPI eine Partnerschaft verbindet, nennt zwei plastische Beispiele. Für ein schon bei der Geburt an Muskelschwund erkranktes Kind fanden Ärzte keine Therapiemöglichkeiten. Dem Kind ging es fortwährend schlechter. Erst die Analyse seiner Gene und ein Genvergleich konnte den speziellen Gendefekt ausfindig machen, der den Muskelschwund verursachte. Als dieses Gen behandelt worden war, entwickelte sich das Kind so, wie es seinem Alter entsprach. Möglich war die Behandlung nur, weil bei der Sequenzierung von Genen in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt worden sind.

Kostete die Sequenzierung von Genen früher viele Millionen Dollar, so ist sie heute schon für wenige hundert Euro möglich. Dadurch sind entsprechende Therapien auch bei Krankheitsfällen möglich, für die früher keine Krankenkasse gezahlt hätte. Und die Genomanalyse eröffnet noch weitere Möglichkeiten. Die rein analytische Auswertung von großen Datenmengen kann auch ohne medizinische Untersuchung und Analyse zu Erkenntnissen über Krankheiten und deren Heilungschance führen. Kohane berichtet aus den USA, wo aus einem Datenpool von 40 Millionen Patienten eine Behandlungsmethode für eine seltene Krankheit ausschließlich aus der Analyse der eingespeicherten und strukturierten Daten gewonnen wurde. Es fand sich genau ein Patient, dessen Krankheitsbild dem gesuchten entsprach und für den schon eine Heilmethode gefunden worden war. Die Informatiker, die sich auf die Suche nach der Therapie gemacht hatten, hatten keine medizinischen Vorkenntnisse, allein die Auswertung der Daten ermöglichte die Heilung.

Daten in der Cloud

Um solche Therapieerfolge herbeiführen zu können, müssen allerdings große Datenmengen zur Verfügung stehen. In England läuft deshalb derzeit das 100.000 Gene Project. Dabei wird die entsprechende Anzahl von Genen vom Nationalen Gesundheitsdienst zusammen mit verschiedenen Partnern sequenziert. Dann sollen die Daten über eine Cloud für die allgemeine Auswertung zur Verfügung gestellt werden. Dies soll ermöglichen, seltene Krebsarten und Infektionskrankheiten schneller zu erkennen und gezielter zu behandeln.

Deutscher Perfektionismus bremst Forschung

Einer derartigen Sammlung und Auswertung von Daten stünden in Deutschland datenrechtliche Bedenken und der deutsche Perfektionismus entgegen, gibt Böttinger zu bedenken. Es könne jedoch nicht sein, dass Google, Facebook und Netflix Datenmengen in nie geahntem Ausmaß sammeln und auswerten würden, dies jedoch im Interesse der Gesundheit nicht möglich sei. Zumal Google ja auch an der Entwicklung von Devices und Apps für die Messung von Gesundheitsparametern arbeite und im medizinischen Bereich forschen würde. Hier will das HPI mithalten und entsprechende technische Entwicklungen erforschen und auf den Markt bringen.

Die Zukunft der Medizin

Christoph Meinel, Direktor des HPI, betont die Bedeutung, Apps und andere digitale Anwendungen im Gesundheitsbereich zu erforschen, die für die Zukunft der Medizin immer wichtiger würden. Erstmals gebe es daher derzeit am HPI einen Masterstudiengang, in der Fachrichtung Digital Health, an dem sowohl Mediziner wie Informatiker teilnehmen könnten. Der jeweils fehlende Teil des fremden Fachwissens würde den Studenten in komprimierten Grundkursen vermittelt.

Ziel sei es, bei der Entwicklung des Digital-Health-Fachbereiches mit der Industrie und Wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen zu arbeiten und so an der Zukunft der Medizin mitzuwirken. Denn immer noch seien 20 Prozent der Krankheitsdiagnosen Fehldiagnosen, immer noch dauere es im Schnitt siebzehn Jahre von der Erforschung einer medizinischen Therapiemöglichkeit bis zu deren praktischer Anwendung in der alltäglichen Behandlung. Hier gebe es deutlichen Verbesserungsbedarf, so Meinel.

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