Eine U-Bahn der Linie 5 in Berlin. Foto: dpa/Fabian Sommer
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„Tickets und Tarifsysteme sind viel zu kompliziert“ Ampel plant tiefgreifende ÖPNV-Reform

Christian Latz

Den Boom aus dem 9-Euro-Ticket will die Regierung dauerhaft nutzen. SPD und Grüne sehen die Landesverkehrsminister und die Verkehrsverbünde in der Pflicht.

Eine Woche nach der Einführung des Neun-Euro-Tickets hat Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) tiefgreifende Reformen für einen dauerhaft attraktiveren öffentlichen Personennahverkehr in Deutschland angekündigt. „Wir müssen die Chancen nutzen, mehr Menschen für den ÖPNV zu begeistern“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Unser ÖPNV-Angebot sollte verständlicher, einheitlicher und damit kundenfreundlicher werden.“

Wissing sprach sich für nutzerfreundliche Nahverkehrs- Apps und einfachere Tarife aus. Außerdem müssten kleinteilige Strukturen aufgebrochen werden. „Einheitliche Tarife, verkehrsverbundübergreifende Angebote, das ist auch für die Kundinnen und Kunden ein echter Mehrwert“, sagte der Minister. „Menschen leben nicht in Tarifzonen. Menschen wollen von A nach B. All die technischen Dinge, die im Hintergrund eine Rolle spielen, müssen für die Nutzer unsichtbar werden.“

Mit dem Neun-Euro-Ticket können in den Monaten Juni, Juli und August bundesweit alle Nahverkehrszüge genutzt werden. Am ersten Wochenende nach der Einführung ist es zu teils übervollen Zügen gekommen. „In den Hauptreisezeiten war die Nachfrage auf den Hauptstrecken so stark, dass Züge nicht abfahren konnten“, sagte Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn. Teilweise sei die Fahrradmitnahme ausgesetzt worden.

Bei der Deutschen Bahn hieß es vor der erwarteten Rückreisewelle am Montag nur: „Wie erwartet gab und gibt es regionale Spitzen im Fahrgastaufkommen, insbesondere zu touristischen Zielen.“ Überregional werde insgesamt ein stabiler Bahnbetrieb verzeichnet.

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Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD im Bundestag, Dorothee Martin, sagte dem Tagesspiegel: „Leere Züge hat am Pfingstwochenende niemand erwartet. Der Start des Neun-Euro-Tickets ist ein Riesenerfolg.“ Dass es nun eine Grundsatzdebatte über die Zukunft des ÖPNV gebe, begrüße sie. „Tickets und Tarifsysteme sind gerade in vielen Flächenländern noch zu kompliziert und müssen vereinfacht und vereinheitlicht werden. Hier sehe ich vor allem die Landesverkehrsminister mit ihren Verkehrsverbünden in der Pflicht“, sagte Martin.

Die BVG will das 9-Euro-Ticket nicht fortsetzen

Ähnlich äußerte sich der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Stefan Gelbhaar: „Die Verkehrsverbünde müssen mehr Busse und Bahnen bereitstellen und an gemeinsamen einfachen Ticketpreisen arbeiten“, sagte er dem Tagesspiegel. Bis 2030 sei eine Verdopplung der Fahrgastzahlen nötig, um die Klimaziele von Paris zu erreichen.

Am Pfingstwochenende nutzten viele Menschen Busse und Bahnen. Foto: Georg Wendt/dpa Vergrößern
Am Pfingstwochenende nutzten viele Menschen Busse und Bahnen. © Georg Wendt/dpa

SPD-Politikerin Martin hält dafür eine „soziale Ausgestaltung von Ticketpreisen“ für nötig. „Der Bund muss sich bei der ÖPNV-Finanzierung noch mehr engagieren, aber auch die Länder und Kommunen sind gefordert.“

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) hält man wenig von der Fortsetzung des bundesweit einheitlichen Tarifangebots. Intern besteht die Sorge, dass dem Unternehmen dauerhaft hohe Einkünfte durch Touristen aus dem Bundesgebiet verloren gehen könnten.

Grundlage für die Annahme ist die Auswertung zum „Deutschland-Abo“, mit dem im vergangenen Jahr ÖPNV-Abonnenten zwei Wochen lang deutschlandweit den Nahverkehr nutzen konnten. Dabei habe sich eine „deutlich stärkere Nutzung in Metropolen und vor allem Berlin“ gezeigt, schrieb kürzlich die Berliner Senatsverkehrsverwaltung in einem Bericht an das Abgeordnetenhaus. Ausgeglichen wurden die Ausfälle damals wie heute nicht.

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