Keine Angst, am Aschermittwoch ist alles vorbei! Foto: WDR/Thomas Kost
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Tatort-Kritik Tanzmaschinchen

Oliver Dietrich

Der Kölner Tatort "Tanzmariechen" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) thematisiert einen Mord im Karnevalsmilieu. Nur für Jecken geeignet.

"Bei uns dreht sich ja alles um Karneval. Als Pösel, da kennt man nichts anderes." Martina Pösel (Milena Dreissig) resigniert: Karneval ist der Kitt, der ihre Familie zusammenhalten sollte - und sie nun zerstört. Erst bringt sich ihre 16-jährige Tochter Evelyn um, indem sie von der Südbrücke in den Rhein springt, dann scheitert der kleine Bruder auch noch im Aufnahmetest als Büttenredner. Für Evelyn war das bereits zu viel: Ständig unter Druck des karnevalverrückten Vaters Rainer Pösel (Tristan Seith) - der seine Tochter per Kaiserschnitt am 11.11. auf die Welt holen ließ - , dann wurde sie noch von ihrer Tanzgruppe "De Jecke Aape" gemobbt - auch noch auf dem Gipfel ihrer Karriere, als Tanzmariechen, die Prinzessin des Karnevals. An dem lässt der Kölner Tatort kein gutes Haar: Autor Jürgen Werner und Regisseur Thomas Jauch inszenieren den Film als die hässliche Fratze des Karnevals. 

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Worum geht's?

"So, Mädels, beim Einmarsch auf die Bühne Blick zum Publikum - und lächeln!" Tanztrainerin Elke Schetter (Katja Heinrich) regiert ihre Karnavalstruppe mit eiserner Faust, Spaß ist da fehl am Platze. Und am Ende der Vorstellung gibt es Schelte, dass die Ohren wackeln und die Tanzmariechen reihenweise kollabieren oder in den Rhein springen, weil sie sich schlecht und schändlich fühlen. Kein Wunder also, dass Elke Schetter kurz vor Saisonbeginn erschlagen im Karnevalsclub aufgefunden wird. Und mit der Beliebtheit ist es auch nicht weit her: Motive gibt es zuhauf. Zum Beispiel beim Bauunternehmer Kowatsch (Herbert Knaup), der Präsident des Karnavalsvereins, der ebenso die Knute walten lässt wie die Trainerin - zwei sich hassende Egozentriker. Außerdem gibt es da noch die Dauerfehde zwischen Saskia (Sinja Dieks) und Annika (Natalia Rudziewicz), wer denn nun das bessere Tanzmariechen ist - zwei eiskalte Engel. Aber auch Familie Pösel ist mordsmäßig schlecht drauf: Die ist nämlich stinksauer auf den Verein, der ihre Tochter in den Suizid getrieben haben soll. Viel zu ermitteln also für die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär). 

Worum es wirklich geht

Darum, dass der Karneval kein Zuckerschlecken ist, sondern eiskaltes Showbusiness, das für das eigene Geltungsbedürfnis über Leichen geht. Und dass die Hochburg Köln auch nur ein Sammelbecken von Wahnsinnigen ist, die die fünfte Jahreszeit viel, viel, viel zu ernst nehmen. Das bekommt besonders Ballauf zu spüren, der diesem "Pappnasengedöns" nichts abgewinnen kann. Das ganze Spektakel jedoch Fasching zu nennen - nein, da ist die rote Linie überschritten: "Sag noch einmal Fasching zu einem, der dich nicht so lieb hat wie ich, und du bist in Köln ein toter Mann", belehrt ihn Gerichtsmediziner Roth (Joe Bausch). Ganz ähnlich geht es uns hier auch: Wer den Karneval nicht lebt, der wird an diesem Film keine Freude haben. 

Sollte man den Tatort gucken?

Wer am Aschermittwoch Tränen vergießt, weil wieder alles vorbei ist, der kommt um den Tatort nicht herum. Für alle anderen gilt: Nee, der Film lohnt sich nicht. Man kann es nämlich auch übertreiben mit dem ganzen Karneval. Zumal der Tatort ja auch das 20-jährige Dienstjubiläum der beiden Ermittler markiert: Das muss selbstverständlich in einem lokalpatriotischen Feuerwerk enden. Das ist allerdings auch das Hauptproblem des Films: Der ist nämlich nicht mehr als ein Querschnitt aus zwanzig Jahren Ballauf und Schenk. Betroffen gucken, reichlich Gesellschaftskritik, kumpelhafte Kommissare und die unverzichtbare Milieustudie. Genau wie dieser eine Tatort fühlt sich der Kölner Querschnitt seit Dekaden an. Da wurde sich irgendwie ganz doll bemüht, alles so wie immer zu machen - und genau das kommt dabei raus: Nicht mehr als Durchschnitt. Gäääähn!  

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