Grosny in Luzern: Die Kommissare Flückiger und Ritschard sind sich uneinig. Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler
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Tatort-Kritik Krieg macht vieles kaputt

Oliver Dietrich

Der Schweizer Tatort "Kriegssplitter" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) holt den Tschetschenien-Konflikt ins Heute. Leider ein wenig unausgegoren.

Tschetschenien ist überall. Auch für Nurali Balsiger (Joel Basman): Der wurde als Kind in die Schweiz adoptiert, mittlerweile hat er Frau und Kind und eine Karriere in einer Bank; mit seiner Heimat Grosny hat er nichts mehr zu tun - bis auf einmal seine Zwillingsschwester Nura (Yelena Tronina) vor der Tür steht - und eine Waffe im Gepäck hat. Auf einmal ist der Tschetschenien-Konflikt ganz nah. Und das ausgerechnet in der Schweiz, dem Symbol des ach so friedlichen Miteinanders. Die Drehbuchautoren Stefan Brunner und Lorenz Langenegger servieren einen Thriller um Schuld und Sühne, vor der es kein Entrinnen gibt. So ganz will das Konzept jedoch nicht aufgehen. 

Worum geht's?

"Der Krieg macht vieles kaputt", seufzt Ena Abaev (Natalia Bobyleva). Vor Jahren ist sie aus Tschetschenien geflohen, weil sie das Elend nicht mehr aushielt. Auf der Flucht begegnete sie ihrem Ehemann Ruslan, lange hielt die Ehe nicht, beide leben aber noch in Luzern. Doch dann kommt ihnen ein ganz besonders schmieriges Exemplar von Journalist auf die Spur - und enttarnt ihren Exmann als den tschetschenischen Kriegsverbrecher Ramzan Khazhkanov: Der wird auch von der russischen Regierung gesucht, die ihn für einen Terroristen hält. Kurz darauf ist der Journalist tot, nach einem Sturz vom Balkon eines Hotels, in dem sich ausgerechnet gerade Kommissar reto Flückiger (Stefan Gubser) zu einem Schäferstündchen aufhält. Doch auch die junge Tschetschenin Nura will Khazhkanov finden: Er soll ihre Mutter als "schwarze Witwe" in einem Terroranschlag in den Tod getrieben haben. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, der getrieben ist von Rache und Vergeltung. 

Worum es wirklich geht

Darum, welche ideologischen Verblendungen ein Krieg anrichtet - und das man nie davor sicher ist. Tschetschenien ist überall: Es nützt gar nichts, so weit wie möglich zu verschwniden, da die Vergangenheit einen irgendwann wieder einholt. Dabei ist das Gefühl von Sicherheit allenthalben subjektiv. Auf die Seite einer Partei schlägt sich der Tatort dennoch nicht, ob die Russen oder die Tschetschenen die schlimmeren Finger sind, das wird nicht erklärt - und das ist auch nicht notwendig. 

Sollte man den Tatort gucken?

Ja, wenn man dem Film die eine oder andere dramaturgische Schwäche (Regie: Tobias Ineichen) verzeiht. Damit nämlich die Verstrickungen aufgehen, wird zu viel dem Zufall überlassen - das nagt an der Authentizität. So taugt der Tatort allenfalls als pazifistisches Manifest, in dem Gewalt immer zu Gegengewalt führt und  die Menschen gegeneinander aufgewiegelt werden. Immerhin, die Stimmung und die Bilder funktionieren: Und auch die Schweiz taugt offenbar als verletzliches Spiegelbild der Freiheit. 

 

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