So geht das nicht: Anschiss vom Chef fürs neue Ermittlerteam. Foto: BR/Olaf Tiedje
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Tatort-Kritik Gisbert forever

Oliver Dietrich

Der neue Franken-Tatort "Der Himmel ist ein Platz auf Erden" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) kommt mit einem Ermittlerteam, das auf ganzer Linie überzeugt. Mehr davon, bitte!

Was haben sie geweint, die Zuschauer: Als Fabian Hinichs im Münchner Tatort "Der tiefe Schlaf" von 2012 in seiner Rolle als nerviger Assistent Gisbert Engelhardt weggemeuchelt wurde, obwohl er sämtliche Sympathien auf sich zog, hagelte es Protest. Nee, der Gisbert war so ein Guter, und dann auf einmal als Nebenrolle auf dem Seziertisch - das geht für das Tatort-Publikum gar nicht, also her mit dem Auschrei. Lebendig hat das Gisbert nicht gemacht, aber immerhin für seine Rückkehr gesorgt: Hinrichs, der übrigens gerade seinen Umzug nach Potsdam vorbereitet, ist jetzt nicht mehr nur Assistent, sondern Ermittler. Als Felix Voss startet er jetzt, ebenfalls für den Bayrischen Rundfunk, in Nürnberg. 

Gleich vorweg: Kein schlechter Einstieg für ein neues Ermittlerteam, das der Premium-Regisseur Max Färberböck, der ja bereits den schwarz-bösartigen Tatort "Am Ende des Flurs" verantwortete, hier ins Rennen schickt. Ein Meister seines Fachs, dieser Tausendsassa, und auch im aktuellen Fall, der es als Pilotfolge ja ohnehin schwer hat, gelingt ihm der Coup: "Der Himmel ist ein Platz auf Erden" überzeugt durch eine komplexe Figurenzeichnung, pointierte Dialoge und Potenzial zum Weitererzählen. 

Und es gibt keinerlei Schnickschnack - sondern klassisch eine Leiche zum Anfang. Professor Christian Ranstedt wird erschossen in seinem Auto aufgefunden, mitten im Wald - in einer Idylle, die von einem Schuss zerfetzt wird. Der Fahrersitz ist zurückgeschoben, es finden sich Frauenhaare, Tod im schönsten Moment quasi: zwei Kugeln im Kopf, eine im Beifahrersitz. Aber wo ist die Begleiterin? Hat sie den Tod zu verantworten? Und wenn nicht - warum gelang ihr die Flucht? Es wäre doch ein Leichtes gewesen, sie ebenfalls niederzustrecken. 

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In das augenscheinlich perfekte Familienleben des Professors stürzen die beiden Ermittler Voss und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) geradezu hinein. Ehefrau Julia Ranstedt (Jenny Schily) zerbröselt praktisch bei der Nachricht vom Tod ihres Mannes, Regisseur Färberböck verwandelt dieses Trauma jedoch zu einem Aufhänger für die Figurenzeichnung. Voss (norddeutsch, nett, Nerd) im Duett mit Ringelhahn (cholerisch, chaotisch, charismatisch) finden sich zu einem Duett zusammen, das von Anfang an funktioniert und die nötige Tiefenschärfe aufweist. Während man den beiden zusieht, fallen wie von selbst die Kartenhäuser der Rahmenhandlung zusammen. Der ermordete Professor war wohl mehr Womanizer als Familienmensch, außerdem involviert in ein geheimes Rüstungsprojekt, das er in der Uni leitete - diese aberwitzige Blödsinnsidee funktioniert jedoch im Plot, man mag es kaum glauben. Der Fokus liegt eben auf der Entwicklung der Figuren - und da liegt er prima. 

Überhaupt sind es die Zwischentöne, die diesen Tatort so fesselnd und sehenswert machen. Selten wurde in einen Tatort so viel Sendezeit investiert, um Figuren einfach mal ins Leere starren zu lassen - und gestarrt wird weiß Gott viel in diesem Film. Aber selbst diese inszenatorische Leere funktioniert so gut, dass zu keiner Zeit ein Handlungsvakuum entsteht. Und auch wenn die Auflösung doch recht plakativ gerät, verzeiht man das diesem Tatort, der viel mit stimmigen Bildern (Kamera: Felix Cramer) wettmachen kann. Auf jeden Fall sehenswert! 

Oliver Dietrich gehört auch zu denen, die das Bild des toten Gisbert nicht losgelassen hat. Da hilft nur eins: durchatmen, lächeln, und die Wiederkehr zelebrieren. Willkommen zu Hause, Fabian Hinrichs! 

 

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