Tatort-Kritik Die scheinbare Endgültigkeit des Verschwindens

Oliver Dietrich

Der Franken-Tatort "Das Recht, sich zu sorgen" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) ist eine morbid-schöne Erzählung über das, was nach dem Abschied bleibt

Es ist eine Idylle, in der das Gasthaus steht, ganz einsam am Wald, inmitten der schönen Natur. In diesem Haus wird die Gastwirtin Andrea Schwinn von ihrer Tochter Steffi (Barara Prakopenka) tot aufgefunden, erwürgt. Der Vater ist verschwunden, irgendwo im Wald, ein Jäger. Niemand zweifelt daran, dass er der Täter war. Auch sonst gibt es da niemanden: "Der hat keine Freunde", sagt Steffi. "Der Wald ist sein Freund und sonst niemand." Und da ist wirklich niemand: Die Familie ist völlig pleite, niemand geht in den Gasthof, überhaupt niemand kommt mehr zu ihr. 

Dieselbe bleierne Einsamkeit schwebt auch im Institut für Anatomie an der Uni Würzburg, das von Professorin Mittlich (Sibylle Canonica) geleitet wird. Dort lagern die Toten, Körperspender haben sich selbst der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Ihre Skelette werden in Kisten gelagert, fein durchnummeriert - doch dem jungen Doktoranden Philip (Nils Strunk), der mal wieder die Nacht in der Anatomie verbracht hat, fällt auf, dass einer der Schädel nicht zum Skelett passt: Sein Alter ist jünger als der Rest des Skeletts. Für die Professorin eine Katastrophe: Sie schaltet den Nürnberger Polizeipräsidenten Kaiser (Stefan Merki) ein, mit dem sie befreundet ist. 

Und vor der Tür des Polizeipräsidiums harrt währenddessen eine Frau (Tessie Tellmann) aus, die ihren Sohn sucht. Die Polizei kann ihr nicht helfen, und will es auch gar nicht. Verschwinden ist keine Straftat. Und als sie ein Schild aufstellt, "Suchen Sie meinen Sohn!", und ihr Zelt aufbaut, soll sie geräumt werden. Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) ist außer sich: Jeder habe das Recht, sich zu sorgen, ohne gleich aus dem Sichtfeld entfernt zu werden. Sie ist die einzige, die mit der Frau redet. 

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Es sind drei Geschichten, die Autorin Beate Langmaack für den nunmehr zweiten Franken-Tatort - nach dem grandiosen Einstieg im vergangenen Jahr - um Kommissarin Ringelhahn und Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) strickt, die aber alle irgendwie miteinander zu tun haben. Wenn auch nicht direkt: Die Kernfrage ist doch, wie es sich mit einem Verlust lebt, mit der Unsicherheit, mit der scheinbaren Endgültigkeit des Verschwindens. Das ist selten in einem Film so gut gelungen wie in diesem, der auch durch seine hohe Plausibilität lebt, die keiner ausschweifenden Gesten bedarf. Alle Beteiligten müssen sich mit etwas abfinden, was besser nicht stattgefunden hätte, verdammt dazu, weiterzuleben. 

Regisseur Andreas Senn lässt die Geschichte mit einer schaurig-schönen Nuance erzählen, die immer etwas Melancholisches trägt, aber auch etwas Morbides. Wie liebevoll etwa Ringelhahn mit den Toten umgeht - mal hält sie ehrfürchtig ein Herz und sieht es fast verliebt an, mal streichelt sie einen Schädel -, das hat etwas Faszinierendes, das sich kraftvoll in den Duktus der Geschichte einreiht. Vielleicht sind die drei Geschichten fast schon etwas zu viel Erzählstruktur für lumpige 90 Minuten, aber dieser Tatort lässt einen nicht so schnell wieder los. Was der Franken-Tatort mit seiner Pilotfolge versprochen hat, das hält er auch ein: Ein Ermittlerpaar, wie es menschlicher nicht sein könnte, und mit Geschichten, die einfach nur nahegehen. Genau so sollte der perfekte Tatort sein. 

Oliver Dietrich freut sich über einen Tatort, in dem keine einzige Waffe gezogen wird und keine actionreichen Verfolgungsjagden stattfinden. Und über einen gelungenen Film. 

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