Ermitteln in der Irrenhaussiedlung: Janneke und Brix. Foto: HR/Degeto/Bettina Müller
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Tatort-Kritik Auf gute Nachbarschaft

Oliver Dietrich

Der Frankfurter Tatort "Wendehammer" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) spielt auf surreale Weise mit Schizophrenie. Hervorragend!

"Herr Abendroth ist ermordet worden!" Völlig aufgelöst taucht Betti Graf (Cornelia Froboess) auf dem Polizeirevier auf, klarer Fall für sie: Ihr Nachbar, der alte Abendroth (Joachim Bißmeier) ist in einen Teppich gerollt und abtransportiert worden. Warum? "Rommé!", sagt sie. Da war er nämlich nicht gewesen. Und einen Täter hat sie auch gleich parat: Nämlich den nerdigen Nachbarn Nils Engels (Jan Krauter). Der hat schon ganz andere auf dem Gewissen: eine Schildkröte, und die Katze von Abendroth sowieso. Und so, wie der sich verbarrikadiert, der sei doch irre. 

Und der ist wirklich irre: Jan Krauter spielt den nervösen Einzelgänger, der alle Merkmale einer ausgeprägten Schizophrenie mit sich führt, mit flackerndem Blick und reichlich Angstpotenzial. Er wohnt in einem "Smart House", alles ist hier gesichert und kontrolliert, als IT-Experte ist er ein gemachter Mann - wenn er den Algorhithmus, den er entwickelt haben soll, an eine amerikanische Firma namens "Massive Data" verkauft. Das hat er jedoch nicht vor, im Gegenteil: "Nur über meine Leiche!", sagt er. Und schiebt der ominösen Firma gleich allerlei Verschwörungen zu: Die wollen ihn nämlich am liebsten tot sehen. 

Dabei git es zunächst gar keine Tote. Denn Abendroth taucht quietschfidel wieder auf, nur ein weiteres Opfer der wabernden Paranoia, die in der Sackgasse aus Einfamilienhäusern, Laubbläsern und Rasenmähern herrscht. Der einzige Normalo scheint da noch Engels' Kompagnon Daniel (Constantin von Jascheroff) zu sein, der in zotteliger Hipster-Optik mit dem Porsche vorfährt und seine ganze Umwelt für durchgedreht hält. Was sie ja auch irgendwie ist: Hier prallt die alte, analoge Welt in voller Wucht auf die digitalisierte Zukunft. Und die hat ein ungewisses Ende. 

Der Tatort der Autoren Stephan Brüggenthies und Andrea Heller ist dabei so herrlich neurotisch, dass kein Auge trocken bleibt. Als wären die Ermittler Brix (Wolfram Koch) und Jannecke (Margarita Broich) an sich nicht schon gestört genug, kann sich hier in einer teuflisch guten Besetzung ein ganzes Ensemble dabei austoben, eine völlig marode Nachbarschaft darzustellen, die von ihrer Paranoia regiert wird. Regisseur Markus Imboden lässt sich den Film dabei so herrlich schräg entfalten, dass man gar nicht genug bekommen kann. Dabei ist Plausibiltät gar kein Gütesiegel für den Krimi: So daneben wie diese Nachbarschaft kann man eigentlich gar nicht sein. Oder etwa doch? 

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