Krise in München: Batic (l.) und Leitmayr. Foto: BR/Denise Vernillo
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Tatort-Kritik Armer Franz

Oliver Dietrich

Cherchez la femme: Was den Tod mit gebrochenen Herzen verbindet, wird im rabenschwarzen Münchner Tatort "Am Ende des Flurs" (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr) eindrucksvoll gezeigt. Ein böser Film.

Wie jämmerlich ist doch der Mann, der sich wie betäubt in die Fänge eines vermeintlichen Engels stürzt. Wie tief ist doch der Sturz, der auf die Ernüchterung folgt. Ein Sturz aus dem 12. Stock etwa: Lisa Brenner ist diese Verkörperung der Unschuld, die ganz in Weiß am Anfang des Münchner Tatorts erscheint - und deren Unschuld mit einer krassen Vehemenz demontiert wird. Als sie aus dem 12. Stock fällt, ist nicht mehr viel von ihr übrig.

Düsterer als im Münchner Tatort "Am Ende des Flurs" geht es kaum noch. Die zerschmetterte Brenner (Fanny Risberg) ist der Fingerzeig auf den Trennungsschmerz, der das Rätselraten auf ein Motiv schon mal erübrigen lässt. Doch wer war diese geheimnisvolle Frau? Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) ist jedenfalls ganz blass beim Anblick der Toten. Eine Professionelle, heißt es. Sie hatte ab und zu Männerbesuch, aber nicht übertrieben. "Sie war eine Nutte", sagt Harry Riedeck (Wolfgang Czeczor) dagegen knapp, der sich selbst als ein väterlicher Freund der Toten sieht und doch nur als gruseliger alter Mann in Erinnerung bleibt. Doch warum liegt sie zerschmettert unten? War es ein Suizid? Oder wurde sie gestoßen? Einen Schrei hat niemand gehört, aber wie will man auch schreien, wenn man gerade einen Schluck Champagner die Kehle herunterrinnen lässt.

Der Münchner Tatort fährt in seinem 67. Fall zunächst neue Ermittler auf, die die Alteingesessenen Leitmayr und Batic (Miroslav Nemec) unterstützen sollen. Gleich drei auf einmal sogar: Da ist zunächst der Gerichtsmediziner Steinmeier, nein: Steinbrenner, nein: Steinbrecher (Robert Joseph Bartl), eine zigarrerauchende Koryphäe aus Salzburg. Dazu kommt die neue Fallanalytikerin Christine Lerch (Lisa Wagner), die zunächst etwas spröde durch die Münchner Kripo stapft. Und zu guter Letzt gibt es noch einen neuen Sidekick: In Schülerpraktikantenoptik verstärkt Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) die beiden Ermittler. Nicht auszudenken, wenn dieser naseweise Besserwisser an der Seite der Kölner Ballauf und Schenk gelandet wäre: Zerreißen würden sie diesen vorlauten Klugscheißer. Ein Witz vom Drehteam? Nun ja, als Hammermann später von einem Verdächtigen gehörig die Fresse poliert bekommt, kann man sich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren. Eigentlich schäbig.

Doch zurück zum Fall: Riedeck lässt gleich ein Geheimnis platzen, welches dem Film einen ordentlichen Effet verleiht. Niemand anderes als Leitmayr ist einer der Verflossenen der Toten. Das bedeutet natürlich Pärchenzoff: Batic ist stinksauer auf das Schweigen seines Spezis, und der Vorgesetzte Lammert (Alexander Jagst) erst recht. "Sie sind für uns völlig untragbar, Herr Leitmayr!", schimpft dieser. Das Aus für den Ermittler: Batic übernimmt im Alleingang, der arme Franz mag sich aber nicht heraushalten - und kommt einer Frau auf die Spur, die sich mit allzu fragwürdigen Gestalten eingelassen hat.

Der Film wabert nun in einer Verwirrung, die nicht mehr greifbar erscheint, die Handlungsstränge verschwimmen, aber über allem hängt das Damokles-Schwert der Zerstörung. Die Atmosphäre des kühlen Zusammenbruchs darzustellen - das gelingt den Machern (Buch: Max Färberböck und Catharina Schuchmann, Regie ebenfalls Max Färberböck) formidabel. Leitmayr altert rapide, sein Leben beschleunigt sich und rinnt in derselben Geschwindigkeit zwischen seinen Fingern hindurch. Das hat etwas Bedrohliches, fast schon Wahnhaftes - selten war ein Tatort so bedrückend, so strotzend vor Metaphern der Veränglichkeit: etwa wenn ein großer, schwarzer Vogel auf dem Fensterbrett sitzt, während von innen Leitmayrs Stimme auf einem Anrufbeantworter zu hören ist. Und wir erfahren viel über Leitmayr, fast schon zu viel. Da braut sich ein Verhängnis zusammen.

"Was, verdammt noch mal, hat diese Scheißfrau mit euch allen gemacht?", bellt Batic. "Wir haben nichts. Nur Tote!", verzeifelt Lammert - und ist blind für die gebrochenen Herzen, die den Pfad der Handlung übersäen. Und wie in einem guten Drama lauert am Schluss die zähnefletschende Katastrophe. Regisseur Färberböck lässt in seiner ersten Tatort-Inszenierung eine fiese Nekrometaphorik in einem einstürzenden Kartenhaus schrecklich verglühen - halten Sie sich fest!

Oliver Dietrich kennt die regelmäßigen Zwischenmenscheleien im Münchner Tatort. Diesmal war er jedoch wirklich erschüttert: Ob es am Ohrwurm "Dreaming my dreams with you" von Waylon Jennings lag, der sich wie ein roter Faden durch den Film zieht? Er weiß es nicht.

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