Nahverkehr in Potsdam Potsdam prüft Bürger-Fahrschein

Alexander Fröhlich

Mit dem neuen Klimaschutz-Plan für Potsdam kündigt Oberbürgermeister Jakobs „radikale Veränderungsprozesse“ an. Auch die fahrscheinlose Nutzung von Bus und Bahn steht im Raum.

Potsdam - Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam erwägt einschneidende Maßnahmen, um die selbst gesteckten, ambitionierten Klimaschutzziele zu erreichen. Dazu gehört auch ein besserer öffentlicher Nahverkehr, der künftig von allen Potsdamern finanziert werden könnte. „Es muss alles auf den Prüfstand“, sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) am gestrigen Montag bei der Vorstellung des neuen städtischen Masterplans „100 Prozent Klimaschutz“. Es stünden „radikale Veränderungsprozesse“ an. Daher werde auch der sogenannte ticketfreie Nahverkehr geprüft.

Bei diesem Modell müssten alle Einwohner der Stadt eine monatliche Pflichtgebühr für die fahrscheinfreie Nutzung von Bussen und Trams zahlen. Jakobs machte deutlich, dass ein Bürgerticket für den Nahverkehr allerdings nicht kurzfristig umsetzbar sei, sondern mit der Landesebene, aber auch mit dem Verkehrsverbund in der Region umfangreich abgestimmt werden müsse.

Nahverkehr in Potsdam müsste erheblich ausgebaut werden

Potsdam ist nicht die einzige Kommune, die dieses Modell ernsthaft in Betracht zieht: Auch in Erfurt, Tübingen oder Leipzig sind solche Ideen debattiert worden. Dabei ginge es – je nach Größe der Kommune – um Ticketpreise zwischen 15 und 25 Euro pro Monat. Diskutiert wurde auch, wie Touristen bei einem ticketfreien Nahverkehr zur Kasse gebeten werden können. Auch der rot-rot-grüne Senat im benachbarten Berlin will laut Koalitionsvertrag eine „solidarische Umlagefinanzierung“ von Gutachtern prüfen lassen.

Fritz Reusswig vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), das den Masterplan für Klima-Potsdam mit erstellt hat, sagte, bei einem solchen Modell wie dem Bürgerticket müsse der Nahverkehr erheblich ausgebaut werden. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) steht den Vorschlägen „zurückhaltend“ gegenüber. Das Bürgerticket sei schwer umzusetzen, viele Fragen ungeklärt, sagte eine Sprecherin auf PNN-Anfrage. Der VBB favorisiere weiterhin die Finanzierung durch die tatsächlichen Nutzer. Der Brandenburger Fahrgastverband Pro Bahn begrüßte hingegen den Potsdamer Vorstoß, um mehr Menschen zum Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr zu bewegen.

Andere Städte mit dem Modell gescheitert

Andere Kommunen wie Hasselt in Belgien sind laut Medienberichten mit ähnlichen Modellen gescheitert, weil sich die Nutzerzahlen in den Bussen und Bahnen vervielfachten. Denn es stiegen eben vor allem auch Fußgänger und Radfahrer um – statt die Autofahrer. In Potsdam gibt es wegen des rasanten Wachstums der Stadt und des Umlandes allerdings zunehmende Probleme mit dem Autoverkehr.

Auch andere Finanzierungsmodelle für den Nahverkehr stehen auf der Prüfliste – etwa höhere Parkgebühren in der Innenstadt oder die Kostenbeteiligung größerer Unternehmen. Ebenso wolle die Stadt bei Arbeitgebern für mehr Heimarbeit werben – damit Arbeitnehmer gar nicht erst Wege zurücklegen müssen. Auch Carsharing-Modelle sollen mehr beworben, ausgebaut und verbessert werden, kündigte Jakobs an.

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