Gerd Gauglitz in seinem Atelier in Berlin-Kreuzberg. Foto: Stefan Jacobs
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Weihnachtsgeschenk für Geschichtsfans Dieser Kartograf lässt historische Potsdamer Stadtpläne wie neu aussehen

Stefan Jacobs

Gerd Gauglitz zeigt Potsdams bewegte Geschichte in modernen Plänen aus drei Jahrhunderten. Wie's geht, hat er mit Berliner Plänen geübt.

Als die Hütten am Mühlendamm im Jahr 1237 erstmals als „Berlin“ erwähnt werden, ist „Poztupimi“ schon mindestens 250 Jahre alt. Slawen vom Stamm der Heveller hatten sich wohl schon lange vorher an der strategisch günstigen Stelle niedergelassen, an der die Nuthe in die hier leicht zu querende Havel mündet.

Nachdem Albrecht der Bär 1157 die Gegend erobert hatte, ließ er am Markt eine deutsche Burg und eine Kirche bauen. Genau da, wo knapp 900 Jahre später das wiederaufgebaute Potsdamer Landtagschloss und die Nikolaikirche mit ihrer gewaltigen Kuppel stehen.

Vom Schloss aus westwärts hätte man entlang der Breiten Straße noch heute einen direkten Blick bis zu einem Hügel bei Golm – wenn nicht im Laufe der Jahrhunderte erst das Neue Palais und dann die DDR-Plattenbauten dazwischengekommen wären. Und all das andere, das einem erst beim vergleichenden Blick von oben so richtig klar wird.

Auf diesen Blick hat sich Gerd Gauglitz spezialisiert, der in seinem Kreuzberger Einpersonenverlag ein Set von vier Potsdamer Stadtplänen aus vier Epochen erstellt hat – in identischem modernen Layout. Aus dem Cover heraus kann man die Pläne so entfalten, dass sie zum direkten Vergleich nebeneinander liegen.

Diesen Aha-Effekt hat Gauglitz erstmals 2017 mit einem Set von Berliner Plänen aus vier Jahrhunderten erzeugt und jetzt mit Potsdam wiederholt. Genauer gesagt: mit dem königlich-preußischen Arkadien, das sich von der Pfaueninsel über die Parks von Sacrow, Glienicke und Babelsberg bis zum Neuen Palais und Charlottenhof erstreckt.

So sieht man beispielsweise, dass die Breite Straße sowohl Namen als auch Verlauf seit dem 18. Jahrhundert behalten hat, in dem sie noch von einer inzwischen zugeschütteten Havelbucht unterbrochen war – dort, wo sich das berühmte Dampfmaschinenhaus im Stil einer Moschee befindet, das seit 1843 die große Fontäne im Park Sanssouci zum Sprudeln bringt.

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Im ersten Plan von 1786 ist die Stadt noch ein Fleck von etwa acht mal acht Straßen auf gut einem Quadratkilometer, umgeben von einer Stadtmauer, die Soldaten am Desertieren und Händler an Steuerhinterziehung hindern soll.

Ringsum Felder mit Windmühlen, südostwärts begrenzt von der Havel, an deren anderem Ufer sich die Nuthe durch sumpfige Wiesen schlängelt. Aber im Westen breitet sich bereits der Park von Sanssouci aus, halb so groß wie die Stadt, die laut Beiblatt zu jener Zeit 19  000 Einwohner hat – kaum mehr als ein Zehntel der heutigen Bevölkerung.

Die Pläne lassen sich in allen Richtungen herausfalten zur gleichzeitigen Ansicht. Ein Beiblatt erklärt die Geschichte. Foto: promo Vergrößern
Die Pläne lassen sich in allen Richtungen herausfalten zur gleichzeitigen Ansicht. Ein Beiblatt erklärt die Geschichte. © promo

„Ich habe 1786 für die erste Karte gewählt, weil es das letzte Lebensjahr von Friedrich dem Großen war“, sagt Gauglitz. Kaum ein anderer Herrscher habe die Entwicklung von Potsdam so geprägt wie der Alte Fritz: das Schloss mit den Weinbergterrassen, das Neue Palais, die Steinfassaden von Bürgerhäusern wie dem Barberini, die das zuvor bescheidene Städtchen für die feine Gesellschaft aufpeppten.

Etwas ab vom Schuss auf halbem Weg zur Parforceheide entstand Nowawes, dessen Name – Tschechisch für „Neues Dorf“ – von den evangelischen Webern und Spinnern herrührte, die aus dem katholischen Böhmen geflohen waren und von Friedrich Zwo hier als Textillieferanten für die königlichen Truppen angesiedelt wurden.

Auf dem zweiten Plan von 1912 ist Nowawes stark gewachsen, nordwärts vom zwischenzeitlich angelegten Park Babelsberg begrenzt und im Süden von der Eisenbahn zerschnitten, in deren Nachbarschaft im Gebäude einer pleite gegangenen Kunstblumenfabrik gerade das Filmstudio „Bioscope“ gegründet wurde – der Anfang der Babelsberger Filmgeschichte. Gauglitz schließt aus dem abgelegenen Standort: „Man hat wohl geahnt, dass man viel Platz brauchen wird.“

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So kam es auch, wie der dritte Plan von 1988 zeigt, in dem aus Nowawes längst Babelsberg geworden ist. Die Nationalsozialisten hatten den slawischen Namen getilgt. Vor allem aber zeigt der 1988er-Plan den enormen Platzverbrauch der Grenzanlagen und von der Sowjetarmee belegten Stadtteile: Kein Durchkommen mehr am Bornstedter Feld, „Verbotene Stadt“ am Neuen Garten, vermauertes Ufer am Griebnitzsee, Schiffssperre im Jungfernsee, von Mauern umschlossene Exklaven in Steinstücken (West) und Klein Glienicke (Ost).

Die Breite Straße hieß nach dem Weimarer und DDR-Politiker Wilhelm Külz, die Charlottenstraße nach Wilhelm Pieck, die Nauener nach Friedrich Ebert – wobei es bis heute geblieben ist. Der einst zentral gelegene Bahnhof hat durch die Mauer seinen Anschluss nach Berlin verloren, die weit im Süden gelegene Station Pirschheide ist zum Hauptbahnhof erkoren worden.

Im 2020er-Plan, dem vierten im Set, sind die meisten Wunden verheilt. Das Schloss ist am alten Platz neu entstanden – genau da, wo schon um 1600 ein Vorgängerbau mit gleicher Ausrichtung gebaut worden war, sodass die Breite Straße genau darauf zuführt wie seit Jahrhunderten schon.

„Potsdam war der Spielplatz der Kurfürsten und Könige“, resümiert Gauglitz beim Blick auf sein Werk. „Was Gärtner anderswo mühsam anlegen mussten, war hier schon natürlich vorhanden.“

[„Potsdam – Vier Stadtpläne im Vergleich“, erhältlich für 17,90 Euro auch im Tagesspiegel-Shop, Askanischer Platz 3, Mo.-Fr. 11-16 Uhr, auch online bestellbar.]

Kenner der preußischen Geschichte werden sich mit wissendem Nicken über die vier Karten beugen, Laien womöglich mit gerunzelter Stirn. Für die hat Gauglitz einen langen Begleittext geschrieben, um auch ihnen die Augen zu öffnen.

Monatelang hat er Archive durchstöbert, den Baedeker von 1910 studiert und Werke wie die 1888 erschienene „Special Karte von dem Regierungs Bezirke Potsdam“ von Schropp studiert.

Ja, von dem Schropp, dessen vor 278 Jahren gegründete Landkartenhandlung heute zu den ältesten Unternehmen in Berlin gehört – und zu den zuverlässigsten Unterstützern von Gauglitz’ Ideen, die erst ihn in der Einsamkeit seines Hinterhofateliers begeistern und dann erfahrungsgemäß sehr viele, die sich wie Gauglitz für Geschichte begeistern, aber dabei gern auf die Unzulänglichkeiten historischer Schrift- und Drucktechnik verzichten.

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