Tesla auf dem Wiesengrundstück in Berlin-Bohnsdorf, aufgenommen im September 2020. Mittlerweile liefert der Hersteller auch in einem Parkhaus aus. Foto: Sabine Beikler
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Eine Wiese am Berliner Stadtrand und 30 Minuten Zeit Teslas rustikale Fahrzeugübergabe an die Kunden

Sabine Beikler

Der kalifornische Autohersteller pflegt ein sonniges Image. Doch bei der zeitweise üblichen Fahrzeugübergabe in Berlin-Bohnsdorf verfinsterte sich manche Miene.

Berlin und Brandenburg sind im Tesla-Hype. Die 8000-Seelen-Gemeinde Grünheide südöstlich der Stadt konkurriert als Standort von Teslas vierter Gigafactory mit Sparks (Nevada), Buffalo (New York) und Shanghai in China. Auf dem 300 Hektar großen Areal sollen 12 000 Leute arbeiten, Milliarden investiert und jährlich 500 000 Fahrzeuge „Model 3“ und „Model Y“ produziert werden. Es ist eine Hochgeschwindigkeitsbaustelle: Nach nur 17 Monaten Bauzeit soll Anfang Juli 2021 die Produktion starten.

Tesla-Fans können es kaum erwarten, bis in Grünheide die ersten E-Autos für den europäischen Markt vom Band laufen. Viele haben sich von dem Hype anstecken lassen und einen Tesla bestellt. Doch auf die Vorfreude nach unkomplizierter Bestellung per Handy und einer nur einmonatigen Wartezeit auf ein Auto aus dem Bestand folgt mitunter schnell Ernüchterung. Die beginnt bei der rustikalen Art der Fahrzeugabholung auf einer Wiese.

Anfang September: Am Areal des Parkplatzanbieters McParking in Bohnsdorf, Gebrüder-Hirth-Straße, in der Nähe des BER, steht ein Container, davor Zelt und ein Stehtisch. An einem Stahlrahmengestänge hängt ein weißes Transparent mit dem Tesla-Firmenlogo. Hier ist man wohl richtig. Ein freundlicher Service-Mann fragt nach den Daten, schaut in sein Laptop, nickt zustimmend und verschwindet mit den mitgebrachten Kennzeichen in der Hand. Während andere Hersteller ihre Neuwagen-Kunden mit Kaffee, Snacks und Gimmicks pampern und in Abholzentren dem Automobilgott mit musealen Präsentationen huldigen, steht man bei Tesla selbst wie bestellt und nicht abgeholt herum.

Michael Clausecker, Unternehmensberater und Inhaber eines Berliner Motorradhandels, hat sich vorbereitet und eine Tesla-Checkliste ausgedruckt. „Sie haben eine halbe Stunde Zeit und können sich das Auto anschauen“, sagt ihm der Tesla-Mann. Die Kennzeichen seien befestigt. Er überreicht Clausecker die Schlüsselkarten und zeigt ihm sein neues Auto. Auf eine Einweisung wird verzichtet: Die Bedienfunktionen auf dem 38 Zentimeter großen Touchscreen sollen selbsterklärend und intuitiv sein. Elon Musk muss Tasten hassen.

Unternehmer Michael Clausecker, früher Chef von Bombardier Deutschland, will seinen Tesla bald wieder verkaufen. Foto: privat Vergrößern
Unternehmer Michael Clausecker, früher Chef von Bombardier Deutschland, will seinen Tesla bald wieder verkaufen. © privat

Kundenstress: 30 Minuten zeit für eine Checkliste mit 30 Punkten

Auf dem gesamten Acker sieht man Menschen mit Checklisten um ihre Autos laufen. Viele sind zu Zweit da, der eine hakt ab, der andere sitzt im oder liegt unter dem Auto. Die Zeit läuft. 30 Minuten für rund 30 Punkte sind knapp bemessen. Und steht man vor dem Auto, glaubt man seinen Augen nicht zu trauen: Die Motorhaube sitzt schief. Sie sitzt auch noch schief, wenn man kurz den Blick auf Wolken richtet und dann wieder die Haube taxiert. Das Spielchen kann man beliebig treiben, es bleibt dabei: Die Spaltmaße stimmen einfach nicht. Clausecker notiert: „Motorhaube sitzt schief.“

Hinzu kommen eine kaputte Radhausinnenverkleidung, ein nicht passender Spritzlappen, zu große Spaltmaße bei Chromleisten und eine Tür hinten links mit einem zu großen Spalt. „Tür hinten links hängt“, schreibt der ehemalige Bombardier-Deutschland-Chef. Noch nimmt der 54-Jährige die Mängel mit Humor: „Ich habe offensichtlich ein recht gutes Auto erwischt, denn mein Tesla hat bei Übergabe nur fünf Mängel.“ Im Internet kursieren viel längere Mängellisten.

Bei einem Tesla Model 3 handelt es sich übrigens nicht um ein preiswertes Auto: Rund 62.000 Euro kostet das Model 3 Performance mit rund 500 PS Systemleistung. Abzüglich des Umweltbonus' von 3000 Euro auf den Nettopreis als Preisnachlass von Tesla plus E-Auto-Förderung aus Mitteln des Bundeswirtschaftsministeriums in Höhe von 5000 Euro netto. Bleiben 54 000 Euro.

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Clausecker erhielt einen Termin zur Mängelbeseitigung. Am 6. Oktober fuhr er in das Tesla-Center im Segro-Airport-Park Berlin. „Das funktionierte perfekt. Die Mängel waren dort schon bekannt.“ Inzwischen hing die hintere Autotür nicht mehr nur, sondern sie schloss auch nicht mehr richtig. Er konnte dort während der Reparaturen warten. Aber: „Dort erfuhr ich, dass man gar keine Karosseriefachleute vor Ort hat, und die schiefe Haube eben Tesla-Standard sei.“ Die Leute vor Ort könnten nichts machen. Ihm wurde eine Fachwerkstatt in Potsdam empfohlen. Clausecker erinnert sich an diese gutmeinenden Worte: „Wenn Sie Glück haben, macht der das umsonst.“

Um die Problematik mit der hinteren Tür kümmerten sich dagegen nicht vorhandene Karosseriefachleute, die durchaus gewillt waren Abhilfe zu schaffen – mit dem Ergebnis: „Sie schließt jetzt noch schlechter als vorher. Sie hängt nicht mehr nur, sondern steht noch dazu leicht heraus.“ Clauseckers anfänglichem Humor ist allmählich Ärger gewichen.

Pkw des Herstellers Tesla auf einem Wiesengrundstück in Berlin-Bohnsdorf unweit des Flughafens BER, aufgenommen im Dezember 2020. Hier übergab das Unternehmen die importierte Fahrzeuge an Kunden und deponiert heute Gebrauchtwagen. Foto: Sabine Beikler Vergrößern
Pkw des Herstellers Tesla auf einem Wiesengrundstück in Berlin-Bohnsdorf unweit des Flughafens BER, aufgenommen im Dezember 2020. Hier übergab das Unternehmen die importierte Fahrzeuge an Kunden und deponiert heute Gebrauchtwagen. © Sabine Beikler

Tesla spendiert seinen Kunden alle paar Wochen Software-Updates, die Fehler eliminieren. „Mein Auto entwickelt sich immer weiter. Eine tolle Sache“, sagt Clausecker. „Nur die Software ist an sich miserabel. Ist das Radio tonlos gestellt und versuche ich zu telefonieren, höre ich nichts. Ich muss rechts ranfahren, das System neu starten, wieder weiterfahren und kann dann telefonieren.“ Auch die Suche nach dem Programmpunkt Sitzheizung der Rücksitzbank im Menü sei eine größere Aktion gewesen. Nach Clauseckers Schilderungen sollte man diesen Programmpunkt unbedingt in ein Achtsamkeitsseminar einbauen.

Autos und Motorräder lernt man in der Praxis erst richtig kennen. Die Pluspunkte bei einem Tesla liegen im einfachen Laden, einer großen Batterie und einem guten Ladenetz für weite Fahrten. Die Tesla-Fahrern vorbehaltenen Supercharger seien „echt Klasse“, betont Clausecker. Im Vergleich zu anderen Stationen seien Tesla-Ladestationen die schnellsten, stellte Clausecker fest. Das Navigationsgerät wäre bei der Unterstützung von Fahrten und Ladestationen perfekt. Und da die Batterie größer ist als bei vielen E-Autos kann sich der Tesla-Fahrer auch auf eine größere Reichweite freuen, abhängig vom individuellen Fahrstil. Teslafahren bringt durchaus Spaß. 

Angst vor dem schreckhaften Autopiloten

Der „Gipfel“ aller negativen Eigenschaften sei das Autopilotsystem, das bei Clauseckers Tesla Model 3 wie ein Abstandsregeltempomat funktioniert. Ein sicherheitsrelevantes Tool. Seine Erfahrungen beschreibt er so: „Immer wieder erschrickt der Wagen und macht Vollbremsungen. Manchmal nur, weil sich ein Lkw auf der Nebenspur befindet. Das Fahrzeug bremst auch ab, wenn weit und breit auf der Autobahn nichts zu sehen ist.“ Zum Glück sei ihm bei solchen Manövern „noch niemand hinten reingefahren“. Diese abrupten Leistungsabfälle erlebe er „im Schnitt einmal am Tag. Das nervt und funktioniert deutlich schlechter als bei vergleichbaren Systemen, die Mercedes, Audi oder BMW schon vor zehn Jahren angeboten hatten“. Ähnliche Probleme werden auch in Autoforen beschrieben.

Nach seinem ersten Besuch beim Service-Center erhielt Clausecker eine Mail mit der Frage, ob er mit der Leistung zufrieden sei. Er schrieb zurück, er sei nicht zufrieden. Seitdem hat er von Tesla nichts mehr gehört oder gelesen.

Auf mehrere Tagesspiegel-Nachfragen reagierte Tesla zunächst nicht, schickte nach Ablauf zweier Fristen noch eine Stellungnahme. Darin heißt es: Die Auslieferung des Tesla Model 3 auf der Wiese sei aufgrund des hohen Auslieferungsaufkommens eine „Übergangslösung“ gewesen. Kunden würden stets eingewiesen, während der Pandemie aber nicht im klassischen Sinne, sondern vorab per Schulungsvideos. Mängel würden vor Auslieferung stets im Rahmen der geltenden Standards behoben. Karosserie- oder Lackbeschädigungen würden zertifizierte Partner unter gleichen Garantiebestimmungen wie im Tesla Service-Center beseitigen.

Auf der Wiese der bisherigen Ausgabestelle standen auch am vergangenen Freitag noch ein paar Tesla-Fahrzeuge. Vor ein paar Wochen zog die Ausgabestelle für das Model 3 in ein angemietetes Parkhaus am Flughafen Schönefeld um. Die Modelle S und X werden aus dem Tesla Center (Ludwig-Prandtl-Straße) ausgeliefert.

Am liebsten hätte Michael Clausecker ein E-Auto, das die Vorzüge von Tesla mit der Perfektion eines deutschen Autobauers kombiniert. „Wenn Tesla an der Qualität nichts ändert, wird der Hype noch andere enttäuschte Kunden hinterlassen.“ Nach den Förderrichtlinien muss der Unternehmer sein Auto mindestens sechs Monate behalten. Danach will er sich ein anderes Elektro-Fahrzeug anschaffen.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Beitrages konnte man den Eindruck gewinnen, dass Tesla bis heute Fahrzeuge auf der Wiese in Bohnsdorf ausliefert. Wir haben die Überschrift entsprechend angepasst, um Missverständnisse zu vermeiden.

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