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Berlins Traditionsfeuerwerk in der Coronakrise „Wannsee in Flammen“ zieht am Freitag nach Potsdam

André Görke

Am Freitag und Sonnabend zieht das Feuerwerk um – unter neuem Namen. Grund: die Coronakrise. Hier alle Infos und Historie zu diesem Knaller-Fest.

Seit 50 Jahren schippern Ausflugsboote mit Pils und Partymusik über die Havel. Ihr Ziel: der Wannsee. Dort lassen die Kähne ihre Lampen leuchten, drehen eine Runde in der Dunkelheit und gucken gemeinsam Feuerwerk. Allein sind sie nicht: Hunderte kleine Privat-Boote liegen in der Bucht vor Anker. Und am Havel-Ufer gucken etliche gratis zu. Zisch, Knall, herrlich!

Doch 2020 ist alles anders. Traditionsreiche Feste purzeln aus dem Terminkalender, als habe den gerade Bud Spender einmal ordentlich durchgeschüttelt. Tenor: Abgesagt. Abgesagt. Abgesagt. Grund: die Coronakrise. 2020 ist alles anders.

„Wannsee in Flammen“ sollte eigentlich an diesem Wochenende stattfinden, 18. und 19. September 2020. Tickets wurden für knapp 70 Euro verkauft und das Fest als „unser Highlight seit über 50 Jahren“ beschrieben.

Doch diesmal ist alles anders. "Wannsee in Flammen wird dieses Jahr nicht stattfinden“, hieß es in der Reederei-Zentrale von Stern und Kreis, als der Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau dort anfragte. Zeit für traurige Seemannslieder is' nicht, die Kapitäne nehmen einen anderen Kurs und machen das Beste aus dem Dilemma: „Wir schließen uns den Potsdamern an und fahren bei denen mit.“ Und an diesem Wochenende ist es soweit.

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Mit den Potsdamern ist die große Reederei „Weiße Flotte“ gemeint. Die hat eine Ersatzveranstaltung ums Eck organisiert, die verblüffend ähnlich klingt: „Havel in Flammen“.

Und wo wird konkret 2020 gefeiert?

Die Berliner Reedereien kommen nun am 18. und 19. September zur Landesgrenze und werden sich an der Glienicker Brücke dem Potsdamer Schiffskorso anschließen. Von der Brücke, auf der einst die trennende Grenzlinie verlief, werden alle Schiffe in einem Konvoi Richtung Caputh schippern.

Am Templiner See – südlich von Potsdam – wird dann das Feuerwerk in die Luft gejagt. Es wird gehupt, gejohlt und dann geht's weiter auf den Schwielowsee und zurück nach Wannsee. Zisch, Knall, herrlich – nur mit Maske.

Brandenburg statt Berlin also. Mit lascheren Corona-Regeln im Nachbarland hat das nicht viel zu tun. „Da alle unsere Boote in Wannsee starten und auch dort wieder ankommen, gelten bei uns an Bord weiterhin die Berliner Regeln“, heißt es bei Stern und Kreis.

An Bord wird es halt etwas luftiger werden. Abfahrt ist um 20 Uhr am Anleger in Wannsee, zurück sind die Schiffe gegen Mitternacht. Und was gibt's an Bord? „Ein warmes und kaltes Havel-Buffet und leichte musikalische Unterhaltung.“

Eigentlich müssten die Toten Hosen grölen

Leichte musikalische Musik? Eigentlich müsste der Soundtrack zu „Havel in Flammen“ in diesem Corona-Jahr eher von den Toten Hosen kommen und zwar in voller Lautstärke durch die Nacht gegrölt: „Wannsee, Wannsee, wann seh' ich dich endlich wieder.“ Ob das Fest 2021 wieder auf den Wannsee zurückkehrt – was ist schon planbar?

Wie viele Schiffe zum Templiner See starten, kann noch nicht geschätzt werden. Aber es werden nicht so viele sein wie in den Hochzeiten.

Blick ins Tagesspiegel-Archiv: Alles begann im Jahr...

Früher machten sich schon mal 50 (!) Ausflugdampfer auf den Weg über die finstre Havel, leuchtend und schaukelnd wie eine Ikea-Lampionkette auf dem Wasser. Nie nie rasant, aber immer imposant. „Wannsee in Flammen“ war nie ein aufgeregtes Großstadt-Szene-Ding, aber auch kein piefiges Kiezfest. Eher die Grande Dame im Berliner Volksfestkalender.

Wer noch nie bei „Wannsee in Flammen“ war, weil er fürchtete, er erwarte ein Vorstadtfest ohne jegliche Überraschung, dem sei gesagt: Genau so ist es. Herrlich.

Und es sind nicht nur die Gäste auf den Dampfern und die Skipper, die in der Dunkelheit an Deck ihrer Jollen schaukeln (P.S.: immer schön am Rand den Anker werfen, sonst meckert die Wasserschutzpolizei ganz böse).

Aber da sind ja noch viel mehr, die diesem Traditionsfest als Vorstadtkollektiv erst zu diesem Charme verhelfen. Am Anleger in Wannsee und am „Flensburger Löwen“ – sogar drüben im fernen Kladow – sitzen all die Verliebten, die Familien mit Kindern, die Kumpels mit dem letzten Bier an der frischen Luft.

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Die Leute haben Picknickkörbe dabei, Prosecco, Decken und heißen Tee. Und dann wird am Ufer geklönt und geschnackt, bis das Feuerwerk die Nacht erleuchtet – und anschließend alle heimwollen, weil es dann doch zu kalt ist. Die Biergärten am Fluss rufen zum Abschied: „Wir sehen uns im Frühjahr.“ Danach drehen sie das Wasser ab. Und so ähnlich wird das in diesem Jahr auch auf dem Templiner See sein, der ja nur wenige Kilometer vom Wannsee entfernt liegt.

Entstanden ist die Idee zu „Wannsee in Flammen“ übrigens im alten West-Berlin. Gemeinsam mit den Berliner Stadtrundfahrtgesellschaften Bex, Berolina, Severin + Kühn und der Berliner Bären Stadtrundfahrt hatten die Reeder die Idee, dass der Saisonhöhepunkt der Schifffahrt gehörig gefeiert werden müsse. Mit Feuerwerk, Schlips, Buffet und allem stolzen Tamtam in der Mauerstadt. Leute der ersten Stunde erinnern sich noch heute: „So ein Feuerwerk gab es damals noch nicht an jeder Ecke.“

Am 14. Oktober 1967 war Premiere auf dem Wannsee. Und ein Schiff war immer dabei, wenn die Raketen leuchteten. Die „MS Wappen von Berlin“ gehört noch heute zur Flotte (Eigenwerbung; „unser Retroschiff mit Stil“). Das Fest wurde immer größer, das bemerkte sogar der Tagesspiegel, der es sonst nicht so hatte mit seichten Themen, und berichtete erstmals 1968. Es gab sogar mal ein Frühjahrs-Pendant auf dem Wannsee.

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Die Glienicker Brücke, die heute Treffpunkt für „Havel in Flammen“ sein wird, war damals Hochsicherheitszone - die Mauer stand seit 1961. Da leuchteten keine heiteren Raketen, sondern die Scheinwerfer der DDR-Grenzer, wenn mal wieder ein Dampfer zu weit über die weißen Tonnen geschippert war. Heute ist all das weg, im Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung zieht „Wannsee in Flammen“ kurz mal rüber nach Brandenburg. Zisch, Knall, herrlich. Man muss aus der Coronakrise nur das Beste machen.

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