Sie hatte reichlich Grund zum Jubeln. Felicitas Rauch traf in der laufenden Saison bereits viermal für Turbine Potsdam. Die 20-Jährige trug bei ihren sieben Hinrundenspielen die Kapitänsbinde für die verletzte Spielführerin Lia Wälti. Mit 20 Jahren gehört Rauch bereits zu den Führungsspielerinnen beim aktuellen Bundesliga-Spitzenreiter. Foto: Jan Kuppert
© Jan Kuppert

Turbine Potsdam „Wir sind heiß und zählen die Tage“

Fußball-Nationalspielerin Felicitas Rauch startet mit Turbine Potsdam gegen den 1. FFC Frankfurt in die Rückrunde. Im Interview spricht sie über die Situation beim Tabellenführer von der Havel, die Bedeutung des Faktors Spaß und das Vertrauen in die Breite des Kaders.

Frau Rauch, bevor es am Sonntag gegen Frankfurt in die Rückrunde der Bundesliga geht, schreiben Sie doch bitte aus Ihrer Sicht ein kurzes Halbjahreszeugnis. Sie selbst hatten ja aufgrund einer Verletzung keine einfache Zeit, mussten nach dem ersten Spieltag vier Spiele pausieren.

Der Start mit dem Sieg gegen Hoffenheim war natürlich optimal. Danach war ich leider verletzt, aber die Mannschaft hat mich sehr gut aufgefangen. Ich bin froh, dass wir als Mannschaft das Potenzial zeigen konnten, was ich ihr persönlich auch von Beginn an zugetraut habe. Die Konstanz, die wir die gesamte Hinrunde nachweisen konnten, gilt es nun natürlich auch in der Rückrunde wieder zu zeigen.

Woher kommt dieses Vertrauen, das offenbar vom ersten Spieltag an da war? Die vergangene Saison war ja bekanntlich nicht die beste, sodass es nicht wenige gab, die hinter Turbine eher ein Frage- statt Ausrufezeichen gesehen haben.

Uns selbst wurde das nie so vermittelt, im Gegenteil. Unser Trainer Matthias Rudolph hat von Beginn an dem gesamten Team viel Vertrauen entgegengebracht. Das hat sich innerhalb der Mannschaft natürlich weiterentwickelt. Jeder hat Vertrauen in sich selbst und auch in den anderen gewonnen. Das sieht man letztlich auch auf dem Platz: Wir haben im Training sehr viel Spaß – und demzufolge natürlich auch in den Spielen. Das ist ein wichtiger Teil, um erfolgreich Fußball spielen zu können: Dass man auf der eine Seite die nötige Ernsthaftigkeit hat, um die taktischen Vorgaben umzusetzen – und auf der anderen Seite ein paar Freiräume, um sich austoben zu können. Diese Kombination klappt ganz gut im Moment.

Gab es in der Hinrunde ein Schlüsselspiel oder einen bestimmten Moment, nach dem die Mannschaft gesagt hat: Ja, in dieser Saison kann wirklich was gehen?

Ein Schlüsselspiel oder -moment eigentlich nicht. Klar, es tut immer gut, gegen Favoriten oder mögliche Titelanwärter zu punkten. Das ist uns erstmal gelungen. Und gut war natürlich im Gegensatz zur letzten Saison, dass wir gegen vermeintlich schwächere Mannschaften erfolgreich waren. Generell denke ich, dass unsere Einstellung von Spiel zu Spiel immer gleich ist und passt. Bislang gab es in dieser Saison zumindest kein Spiel, das eine besondere Bedeutung oder besonderen Einfluss gehabt hätte.

War es zwischenzeitlich nach einer Serie siegreicher Spiele schwierig, die Euphoriebremse zu finden?

Ich weiß nicht… Das ist vielleicht das falsche Wort. Wir hatten uns vor der Saison vorgenommen, dass wir uns als Mannschaft weiterentwickeln möchten, gerade weil wir viele junge Spielerinnen haben, zudem viele unterschiedliche Charaktere. Jeder hat unterschiedlich viele Erfahrungen. Es passt in dieser Saison sehr gut, dass jeder seine Erfahrung einbringt, die uns die Vergangenheit gelehrt hat: einzelne Spiele nicht überzubewerten, auf das zu vertrauen, was wir können, sowie Defizite zu erkennen und daran zu arbeiten.

Was wurde denn an Schwächen ausgemacht? Was kann verbessert werden?

Schwächen hat man immer. Wir haben uns in der Rückrundenvorbereitung auf einzelne taktische Trainingsinhalte konzentriert. Wir wollen versuchen, noch etwas variabler zu werden, sodass wir in der einen oder anderen Situation ein bisschen unberechenbarer sind.

Das wird ganz sicher in der aktuellen Situation hilfreich sein, in der das bislang so erfolgreiche Sturmduo Tabea Kemme und Svenja Huth ausfällt. Also bei allem Ärgernis über die Verletzungen der beiden eine gute Gelegenheit für Variabilität?

Natürlich sind die Verletzungen sehr ärgerlich. Aber genau, wir sind so aufgestellt, dass wir das gut kompensieren können. Ich habe das vollste Vertrauen.

Der Schreck hielt sich demnach in Grenzen sowie die Sorge, dass es ohne die beiden Stammspielerinnen schwierig werden könnte?

Das wäre ja auch eine schlechte Reaktion. Das hat man ja letzte Saison gesehen, dass man versuchen muss, solche Ausfälle durch die Tiefe und Breite des Kaders aufzufangen und dass man dann den jungen, anstehenden Spielerinnen das Vertrauen gibt, ihre Leistung zu bringen. Was ich da derzeit im Training sehe, stimmt mich alles andere als traurig.

Wie traurig waren Sie, als das erste Rückrundenspiel vergangenen Sonntag abgesagt wurde? Oder waren Sie gar froh über die zusätzliche Vorbereitungszeit?

Nein, das Fußballerherz möchte nach der Winterpause natürlich sofort wieder loslegen. Wir waren natürlich schon traurig, nachdem wir sechs Wochen darauf hingearbeitet hatten und auch voller Freude waren, dass es wieder losgeht. Aber es war schon richtig, das Spiel abzusagen, wenn man sich den Platz mal angeschaut hat. Man will ja auf beiden Seiten ordentliche Spielzüge zustande bringen und eine gute Qualität liefern. Das wäre, glaube ich, nicht so gut möglich gewesen.

Am Sonntag kommt es zum ewig jungen Klassiker gegen Frankfurt. Ist es sogar von Vorteil, dass Ihre Mannschaft aus der Warteposition kommt und vielleicht noch heißer und hungriger auf Fußball ist als vor einer Woche? Oder kommt es den Frankfurterinnen entgegen, dass sie schon einen Praxistest absolviert haben?

Als Vorteil für Frankfurt würde ich das nicht sehen. Wir sind heiß auf dieses Spiel und zählen die Tage. In Frankfurt macht es immer Spaß zu spielen. Die Kulisse ist toll. Auch wenn die frühere Rivalität etwas abgeschwächt ist, stimmt die Atmosphäre noch immer. Es macht den Anreiz für uns höher, gegen Frankfurt das erste Spiel in der Rückrunde zu haben.

Nach der Hinrunde mit nur einer Niederlage und der Tabellenführung ist Turbine aktuell Maßstab in der Frauenfußball-Bundesliga. Die Frage nach der Meisterschaft ist zumindest legitim geworden. Eine Rolle, die man eigentlich gar nicht haben wollte, so Trainer Matthias Rudolph. Ist es nicht schwierig, sich gegen die Rolle zu wehren, wenn sie dauerhaft ausgefüllt wird und Turbine weiter Punkte sammelt?

Im Moment ist es – auch psychologisch – das Beste, wenn wir nur von Spiel zu Spiel schauen. Und Rechnen ist im Fußball nichts Gutes. Das kann man dann vielleicht einen Tag vor dem letzten Spiel machen, wenn einem auffällt, dass ein Sieg gar nicht schlecht wäre. Aber im Moment schauen wir nur von einem Spieltag zum nächsten und fokussieren uns nur auf den nächsten Gegner. Wir lassen uns gar nicht davon ablenken, was vielleicht andere sagen oder was noch in der Liga passiert.

Ablenkung werden Sie in Kürze mit der Nationalmannschaft finden. Sie sind für den SheBelieves-Cup Anfang März in den USA nominiert. Mit welcher persönlichen Zielstellung reisen Sie nach Übersee?

Ich hatte mich schon im November gefreut, nach langer Verletzungszeit wieder dabei gewesen zu sein. Und ich freue mich natürlich auch jetzt. Ich glaube, der SheBelieves-Cup ist immer eine sehr gute Möglichkeit, sich zu testen gegen starke Gegner: Frankreich, England und die USA. Sowohl gegen diese Gegner als auch innerhalb der Nationalmannschaft kann man bei dem Turnier auf hohem Level und unter guten Bedingungen Fußball spielen. In diesem Rahmen will ich mich testen und weiterentwickeln und von den erfahrenen Spielerinnen lernen. Ich hoffe, dass ich Einsatzzeiten bekomme und mich zeigen darf – und dann mit einem guten Gefühl wieder nach Hause fahre.

ZUR PERSON: Felicitas Rauch (20) stammt aus Niedersachsen und wechselte 2010 an die Potsdamer Sportschule. Seitdem spielt sie für den 1. FFC Turbine. Die U20-Weltmeisterin von 2014 bestritt bislang 37 Erstligapartien im Turbine-Dress und erzielte dabei acht Tore. 

Zur Startseite