Aushängeschild. Christian Diener vertritt Potsdam bei der Schwimm-Weltmeisterschaft in Südkorea.  Foto: imago images/GEPA pictures
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Schwimmsport in Potsdam und Brandenburg Die Ruhe ist zurück, aber der Ruhm noch nicht

Der Schwimmsport in Potsdam und Brandenburg hat sich nach langen Querelen stabilisiert. Doch die Zeit hinterließ Spuren. Der neue Verbandspräsident Wolfgang Rupieper zieht eine Zwischenbilanz vor der Becken-WM, bei der Potsdams Rücken-Ass Christian Diener startet.

Potsdam - Wolfgang Rupieper guckt bei den diesjährigen Schwimm-Weltmeisterschaften in die Röhre. Wie alle Leute, die nach TV-Übertragungen durch das frei empfangbare deutsche Fernsehen Ausschau halten. Lediglich über Internet-Livestreams des ZDF ist das Geschehen im südkoreanischen Gwangju zu verfolgen. So auch die Starts des Potsdamer Rückenspezialisten Christian Diener bei den am Sonntag beginnenden Beckenwettbewerben. „Es tut schon weh und ärgert einen, dass die WM nur online zu sehen ist“, sagt Rupieper, Präsident des Landesschwimmverbandes Brandenburg (LSVBB). „So lässt sich keine große Aufmerksamkeit für unseren Sport erzeugen.“ Dabei wäre das von enormer Bedeutung, meint er. Öffentliche Präsenz sei hilfreich, um dafür zu sensibilisieren, „dass Schwimmen eine tolle, aber vor allem lebenswichtige Fähigkeit ist“.

Zum anderen werde durch den TV-Blackout der deutsche Schwimmleistungssport in seiner Position geschwächt. Weiter geschwächt, nachdem zuletzt das Interesse aufgrund wenigen Erfolgs schon zunehmend sank und stattdessen vielmehr die zahlreichen Querelen auf Verbandsebene im Fokus standen.

Leistungsfähigkeit durch Abgänge und Hallenschließung eingebüßt

Auch in Brandenburg herrschten am Beckenrand monatelang Streitigkeiten. Sie entsponnen sich um die Besetzung der leitenden Bundesstützpunkt-Trainerstelle mit Jörg Hoffmann. Coaches lagen im Clinch, die Führungsspitze des LSVBB übte Widerstand aus. „Inzwischen“, bilanziert Wolfgang Rupieper erleichtert, „ist Ruhe eingekehrt.“ Im März 2018 wurden er als Vorsitzender und neben ihm viele weitere Neulinge ins Präsidium des märkischen Landesverbandes gewählt. Zum Schuljahr 2018/19 wurde dann ebenfalls noch die Riege der Sportschul-Schwimmlehrertrainer umfangreich neu formiert.

Wolfgang Rupieper, der auch Chef des PSV Cottbus ist, hatte sich zunächst eine wichtige Aufgabe ganz oben in seiner Agenda notiert: Verloren gegangenes Vertrauen in Brandenburgs Schwimmsport sollte wiederhergestellt werden. „Das ist uns gut gelungen“, meint der 72-Jährige. Er lobt die gute Zusammenarbeit mit Jörg Hoffmann und den anderen Trainern, mit der Sportschule, dem Olympiastützpunkt Brandenburg und Deutschen Schwimm-Verband (DSV). 

Harte Arbeit. Wolfgang Rupieper führt den Brandenburger Verband seit März 2018. Foto: privat Vergrößern
Harte Arbeit. Wolfgang Rupieper führt den Brandenburger Verband seit März 2018. © privat

Und doch, so muss er eingestehen, ziehen die Reibereien bis heute negative Auswirkungen nach sich. Im sportlichen Bereich. Mehrere Top-Talente hatten im Zuge der Auseinandersetzungen den Potsdamer Stützpunkt verlassen, der dadurch stark an Leistungsfähigkeit einbüßte. „Das hat eine Lücke gerissen, die nicht einfach zu schließen ist“, sagt Rupieper. Außerdem hätten die sanierungsbedingte Schließung der Luftschiffhafen-Halle für ein Dreivierteljahr lang und das damit verbundene Ausweichen ins blu-Bad Schwierigkeiten dargestellt. Das viele Pendeln, hauptsächliches Training auf der Kurz- statt olympischen Langbahn: „Das dürfen keine Ausreden sein, aber der Leistung dienlich war das gewiss nicht.“ Unter dem Strich steht daher ein recht dürftiges Abschneiden. Mit Christian Diener hat sich nur ein Potsdamer für die Elite-WM qualifiziert, kein weiterer kam auch nur in die Nähe einer Nominierung. Erstmalig seit vielen Jahren schaffte es auch kein Nachwuchsschwimmer vom Luftschiffhafen zum internationalen Saisonhöhepunkt der Junioren. 

„Potsdam muss besser mit Brandenburger Talenten gefüttert werden“

Da demnächst auch Eric Friese, Hoffnungsträger auf der Schmetterlingslage, wegen besserer Möglichkeiten der dualen Karriere in die USA wechselt, stellt sich die Frage nach der Perspektive des Potsdamer Stützpunktes. Bis 2020 hat dieser den nationalen Förderstatus erhalten. Also nach den Olympischen Spielen in Tokio wird wieder alles auf den Prüfstand gestellt – und die Zeit der Unsicherheit beginnt von vorn. Wolfgang Rupieper ist aber optimistisch. Grundsätzlich müsse man abwarten, wie der Bund die Spitzensportstruktur nach Tokio ordnet, „aber wir stehen in ständigen Gesprächen mit dem DSV und den Ministerien und bekommen dabei positive Signale von oben für die Zukunft“, sagt er. Die hervorragende Infrastruktur und das gute Trainerkollektiv seien wertvolle Argumente pro Potsdam.

Allerdings weiß der LSVBB-Präsident auch um den Nachholbedarf. „Wir müssen innerhalb des Landes effektiver arbeiten“, betont er. Man könne nicht nur den Fokus auf den Bundesstützpunkt am Luftschiffhafen richten, sondern brauche stärkere Förderung über die Landesleistungszentren. „Potsdam muss besser mit Brandenburger Talenten gefüttert werden“, sagt Rupieper. Der Austausch dazu mit den verantwortlichen Trainern und Funktionären laufe. Hierbei regt der Vorsitzende auch an, die Bemühungen im Freiwasserschwimmen zu intensivieren. „Das ist eine attraktive Sache, weckt Interesse, um Schwimmen zu lernen, und bietet einen großen Reiz im leistungsorientierten Bereich“, findet der Lausitzer. Die aktuelle WM in Südkorea sei durch die deutschen Open-Water-Athleten mit dem Gewinn von Titeln, Medaillen und Olympia-Tickets beste Bewerbung. Doch bekommt man diese Geschehnisse hierzulande eben nur live im Internet zu sehen. „Dass solche Erfolge beim Fernsehen quasi untergehen“, sagt Wolfgang Rupieper, „ist umso ärgerlicher.“ 

+++ Diener bei der WM: Bestzeiten und Finale als Ziele +++

Christian Diener geht voller Hoffnungen bei der Weltmeisterschaft in Gwangju an den Start. „Es war bisher eine gute Saison für mich. Ich hatte wenige Ausfälle und stand immer gut im Training“, sagt der Athlet des Potsdamer SV im OSC. Für die WM qualifiziert hat sich der Schützling von Jörg Hoffmann über die Lagenstaffel der Männer – er ist Deutschlands schnellster Rückenschwimmer auf der 100-Meter-Distanz und daher für das Team-Rennen eingeplant. Dabei geht es dann um den mannschaftlichen Startplatz für Olympia in Tokio. 2018 holte Diener mit dem deutschen Lagen-Quartett EM-Bronze. Bei den bevorstehenden Welttitelkämpfen darf er zudem im Einzel über die 100 und 200 Meter Rücken ran. „Ich möchte ins Finale und die bestmögliche Platzierung“, sagt der 26-Jährige. Und vor allem sollen seine Bestzeiten fallen. Über 100 Meter (53,92 Sekunden) ist sein persönlicher Top-Wert ein Jahr alt, auf der doppelten Distanz (1:56,27 Minute) datiert er aus dem Olympia-Endlauf von 2016.


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