Gehemmter Olympiaheld. Für Sebastian Brendel lief es dieses Jahr noch nicht rund – er ist dennoch optimistisch. Foto: Ronald Verch/Verein
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Potsdams Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel Ein Mensch, keine Maschine

Erstmalig in 13 Jahren blieb Kanu-Ass Sebastian Brendel in einer Weltcup-Saison ohne Medaille. Das stimmt den Potsdamer Dreifach-Olympiasieger nachdenklich. Zugleich spürt er nun aber auch eine mentale Befreiung.

Potsdam - Eine Woche Erholung steht aktuell auf dem Plan von Sebastian Brendel. Wenig Training, stattdessen viel Entspannung. Für Körper und Geist. „Das habe ich gerade auch nötig, mal ein bisschen lockerlassen“, sagt der Kanute des KC Potsdam im OSC. Hinter dem dreifachen Canadier-Olympiasieger liegt eine erste Saisonhälfte, die für ihn sehr ungewohnt verlief. „Keine einfache Phase“, meint er, reibt sein markantes Kinn und schluckt kräftig. Seit 13 Jahren in Folge fährt Sebastian Brendel für Deutschland im Weltcup – 2019 blieb er dabei erstmalig gänzlich ohne Saisonmedaille. Erst kein Podestplatz in Poznan, dann kein Edelmetall in Duisburg.

Im Zweier belegte er mit seinem Potsdamer Olympiasieg-Partner Jan Vandrey die Ränge fünf und vier, verlor deutlich den nationalen Ausscheid gegen die Weltmeister Yul Oeltze/Peter Kretschmer. Bei den Solorennen wurde der 31-Jährige jeweils Vierter. „Das wurmt mich“, sagt der Spitzensportler, der aufgrund seiner Dominanz der vergangenen Jahren öffentlich das Image einer in Serie Erfolge produzierenden Maschine bekam. Von 2014 an wurde er im Einer über 1000 Meter viermal in Folge Weltmeister, dazwischen wiederholte er in Rio noch seinen Olympiatriumph von 2012 und reicherte die glorreiche Bilanz mit dem Zweier-Sieg zusätzlich an. Ob aggressiv vom Start weg, mit cleverem Zwischenspurt oder vor allem durch einen imposanten Schlussakkord ließ er der Konkurrenz keine Chance.

Doch dieses Jahr klappte es noch nicht wie erhofft. Sebastian Brendel zündete bislang nicht. „Viele sind von meinen Erfolgen verwöhnt. Daher ist die aktuelle Phase merkwürdig. Aber es gehört eben auch dazu, dass es mal nicht gut läuft“, bekräftigt er. Menschlich.

Medaillen sollen bei Europaspielen und Weltmeisterschaften kommen

Nachdenklich sei sein Schützling, er grüble, versuche nach Ursachen für den Hänger zu forschen, sagt Ralph Welke. Aber der Canadier-Bundestrainer aus Potsdam könne Sebastian Brendel leicht aufmuntern, wie er erklärt. „Ich kann ihm klar vor Augen führen, dass er super trainiert hat, sein Leistungsstand keine Defizite aufweist.“ Im Gegenteil: „Die gefahrenen Zeiten sind sehr gut. Deshalb sehe ich keine Probleme im gesamten Leistungsaufbau“, sagt Welke. Sicherheit gibt auch die Erfahrung der beiden Vorjahre. Da glänzte Brendel bei den Weltcups und der Europameisterschaft als Zwischenstation ebenfalls nicht immer nur mit Siegen. Einmal wurde er sogar disqualifiziert, weil sein Boot laut Regularien 20 Gramm zu leicht war. Er hatte das Gewicht zuvor nicht penibel genug kontrolliert, eine Unachtsamkeit. Menschlich.

Keine Zweifel. Laut Trainer Ralph Welke liegt Sebastian Brendel vom Leistungsaufbau im Plan. Foto: Tobias Gutsche Vergrößern
Keine Zweifel. Laut Trainer Ralph Welke liegt Sebastian Brendel vom Leistungsaufbau im Plan. © Tobias Gutsche

Zum Saisonhöhepunkt aber, den Weltmeisterschaften, war der gebürtige Schwedter dann stets wieder voll auf der Höhe und in unbarmherziger Top-Form, die die Konkurrenz so fürchtet. Für 2019 hofft er auch auf so eine Steigerung im Jahresverlauf. Die bisher noch ausgebliebenen Medaillengewinne sollen bei den nächsten beiden Wettkämpfen kommen, den Europaspielen in Minsk (21. bis 30. Juni) und der Weltmeisterschaft in Szeged (21. bis 25. August). „Das“, sagt er, „wäre wichtiger als bei den Weltcups.“

Innerdeutsche Konkurrenzdruck setzte Sebastian Brendel zu

Dass der Champion in Poznan und Duisburg – wenn auch nur knapp – seinen Bootsbug erst hinter mehreren Gegnern über die Ziellinie wuchtete, müsse auch differenziert betrachtet werden, findet Ralph Welke. Brendel habe es anders als seine Mitstreiter wieder gewagt, die Doppelbelastung aus Einer und Zweier auf sich zu nehmen. Das bedeutete viele harte Rennen, teilweise in kurzer Abfolge. „Das schlaucht. Vor allem im Kopf fehlte ihm irgendwann die Frische“, schätzt der Coach ein. Menschlich.

Die Psyche stellte dieses Jahr ohnehin ein Problem für ihn dar, wie Sebastian Brendel selber einräumt. Auslöser war der erste Wettkampf der Saison. Zum Auftakt der nationalen Sichtung verlor die Ikone aus Brandenburg auf ihrer Paradestrecke gegen einen Youngster aus Berlin. Conrad Scheibner, U23-Doppelweltmeister 2018, bezwang den schwer Bezwingbaren. Beide kennen sich gut, wurden vor zwei Jahren gemeinsam Vierer-Weltmeister. Brendel ist Scheibners Vorbild. Der 23-Jährige zog nach Potsdam, trainiert dort und in den Lehrgängen zusammen mit seinem Idol, das die gute Entwicklung daher auf dem Schirm hatte. „Aber von meiner Niederlage war ich schon überrascht“, gesteht Brendel. Dieser innerdeutsche Druck setzte ihm zu. „Ich habe mir viele Gedanken gemacht und war dann ein bisschen gehemmt.“

Dämpfer nimmt er "als Motivation für Training und Wettkämpfe"

Stark fokussierte er sich in den nachfolgenden Wettkämpfen besonders auf das Duell mit Conrad Scheibner, um seine nationale Vormachtstellung zu wahren. Er setzte sich schließlich in der zweiten Sichtung und bei den beiden Weltcups durch. Damit darf Brendel nun das elfte Jahr nacheinander die deutschen Farben im Canadier-Einer über 1000 Meter bei den großen internationalen Meisterschaften vertreten. „Das ist erst einmal eine Erleichterung. Ich fühle mich jetzt befreit. Die nächsten Rennen werden vom Kopf her für mich einfacher.“

Sebastian Brendel ist überzeugt davon, im internationalen Vergleich zur gewohnten Stärke zurückzufinden. Die Weltcup-Dämpfer nehme er „als Motivation für Training und Wettkämpfe“. Eine Kampfansage an die Kontrahenten. Wenngleich er betont: „Ich merke, welche Leistungssprünge die anderen machen. Dafür muss ich ihnen meinen Respekt zollen.“ Es ist die Seite des Potsdamers, die besonders an ihm geschätzt werden kann. Bei all seinen glänzenden Erfolgen ist Deutschlands Fahnenträger der Olympia-Abschlussfeier 2016 immer ein bodenständiger, ehrlicher und fairer Athlet geblieben. Menschlicher geht es im Sport nicht.

+++ Viele Potsdamer in der deutschen Flotte +++

Nach den beiden Weltcups hat der Deutsche Kanu-Verband seine Flotte für die Europaspiele in Minsk (21. bis 30. Juni) und die Weltmeisterschaften in Szeged (21. bis 25. August) nominiert. Eine große Abordnung stellt jeweils der KC Potsdam im OSC. In Minsk werden acht Potsdamer antreten, bei der WM dann sogar bis zu zwölf. „Das ist eine Bilanz, die selbst wir als sehr erfolgreicher Verein noch nicht erreicht haben. Wichtig ist auch, dass wir in allen Disziplingruppen vertreten sind“, sagt KCP-Cheftrainer Ralph Welke. „Das bestätigt unsere gute Arbeit hier.“ Zum Kader der Europaspiele gehören die Kajakfahrer Franziska John, Conny Waßmuth, Ronald Rauhe, Tamas Gecsö und Timo Haseleu sowie die Canadierspezialisten Ophelia Preller, Sebastian Brendel und Jan Vandrey. Bei der Premiere der European Games vor vier Jahren in Baku hatte Brendel Gold gewonnen, John, Waßmuth und Rauhe holten Silber. Für die WM in Szeged stoßen dann noch Annika Loske (Canadier), Tabea Medert sowie Felix Frank hinzu – und womöglich auch Martin Hiller (alle Kajak). Die Nominierung des mit 19 Jahren jüngsten Paddlers im Team erfolgt in Abhängigkeit seines Abschneidens zuvor bei den U23-Welttitelkämpfen.


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