Talent mit Prädikat. Giulio Ehses wurde als ein Potsdamer Nachwuchssportler des Jahres 2018 ausgezeichnet. Foto: Manfred Thomas
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Potsdamer Talente: Triathlet Giulio Ehses Der Aufholjäger

Giulio Ehses ließ die Chance, Fußballprofi zu werden, sausen. Stattdessen stieg er 2015 in den Triathlonsport ein, konnte damals noch nicht einmal richtig Kraul schwimmen und stürmt nun aber nach vorne - auch weil er gut im Abgucken ist.

Potsdam - Die Chance war da. Giulio Ehses hätte einen Weg einschlagen können, von dem viele Jugendliche träumen: unter Top-Bedingungen an der Karriere als Fußballprofi zu arbeiten. Bei Eintracht Trier schaffte der linke Mittelfeldspieler es zunächst in die Jugend-Regionalliga und kickte sich dann sogar ins Blickfeld von Nachwuchsleistungszentren aus der Bundesliga. „Bayer Leverkusen hatte mir ein Angebot zum Wechsel gemacht, auch Darmstadt 98“, erzählt Giulio Ehses.

Staffelsilber bei der Junioren-EM ist bisher sein größter Erfolg

Er lehnte ab. Und mehr noch. Im Alter von 15 Jahren hängte er seine Fußballschuhe an den Nagel und schlug eine völlig andere Richtung ein. Der gebürtige Trierer wurde Triathlet. Im Eiltempo entwickelte er sich weiter, wechselte 2017 an die Potsdamer Sportschule und wurde nun unlängst als Nachwuchssportler des Jahres 2018 in Brandenburgs Landeshauptstadt geehrt. „Das ist eine großartige Sache und bestärkt mich weiter darin, dass ich mit meiner Entscheidung alles richtig gemacht habe“, sagt der 18-Jährige. Er gehört inzwischen zu Deutschlands größten Triathlon-Talenten.

In der vergangenen Saison wurde Giulio Ehses nationaler Junioren-Vizemeister und bekam die Nominierung für die Junioren-Europameisterschaft in Estland. Dort erlebte er zunächst eine bittere Enttäuschung. Beim Einzelwettbewerb musste der Youngster vom Potsdamer Bundesstützpunkt krampfgeplagt zu Beginn der Laufstrecke aufgeben. „Nichts ging mehr“, erinnert er sich, „einfach gar nichts.“ Doch den Frust wandelte Ehses in Motivation für die Mixed-Staffel am darauffolgenden Tag um. Als zweiter Starter übernahm er auf Position zehn liegend und führte das deutsche Quartett zwischenzeitlich an die Spitze, letztlich sprang Silber heraus. „Dadurch weiß ich, dass ich international vorne mithalten kann“, sagt der Elftklässler, der seinen Kick nicht mehr am Ball, sondern im Dreikampf zu Wasser und an Land erhält.

Sein Vater war Teilnehmer am legendären Ironman auf Hawaii

Mit fünf Jahren hatte Giulio Ehses mit dem Fußball begonnen, aber: „Ich habe irgendwann gemerkt, dass es nicht das ist, was ich wirklich brauche.“ Triathlon zog ihn zunehmend in den Bann. Schuld daran war sein Vater, der einst selbst WM-Teilnehmer beim legendären Ironman auf Hawaii war. Bereits als Fußballer habe ihm das Laufen viel Spaß bereitet, sagt Giulio Ehses. Immer die Seitenlinie hoch und runter oder auch gerne beim Stadtlauf in seiner Heimat. Eine gemeinsame Urlaubs-Radtour mit dem Vater auf Mallorca weckte dann zusätzlich die Begeisterung fürs Bike bei ihm. Im Rennen und Radeln zeigte er schnell Klasse. Nur ein Problem bremste: das Schwimmen. „Ich konnte gar nicht ordentlich kraulen. Bei meinem ersten Triathlon bin ich Brust geschwommen – und natürlich allen hinterher.“

Giulio Ehses hat an seinem großen Defizit bereits intensiv gearbeitet, die Fortschritte sind deutlich. Der Wechsel nach Potsdam, wo Trainingsumfang und -betreuung weitaus besser sind als zuvor in Trier, war dafür eine entscheidende Triebfeder. Hilfreich ist zudem eine bemerkenswerte Eigenschaft von ihm. „Giulio ist stark im Abschauen“, sagt Trainer Tom Kosmehl. „Er guckt sich Dinge bei anderen, die es können, genau an, lernt und setzt das dann selbst gut um. Da kommt ihm wohl seine beim Fußball erlernte Teamfähigkeit zugute.“ Kosmehl weiß zugleich, süffisant den weiterhin vorhandenen Nachholbedarf in der Problemdisziplin aufzuzeigen: „Beim Schwimmen muss er vielleicht noch mehr und noch genauer hinsehen.“

"Giulio hat seinen Kopf, den er auch versucht durchzusetzen"

Bisher hängt sein Schützling schließlich fast immer nach der ersten Teilaufgabe eines Triathlons zurück. Allerdings ist Giulio Ehses ein Kämpfer. Ein Aufholjäger. „Ich kann mich sehr gut reinbeißen und arbeite mich dann nach vorne“, erklärt er. Für 2019 hat der Youngster den Deutschen Meistertitel sowie Top-Platzierungen bei der Junioren-EM und -WM als Ziel. Ehrgeizig ist er. Selbstbewusst auch. Und überzeugt von eigenen Vorstellungen. „Giulio hat seinen Kopf, den er auch versucht durchzusetzen“, berichtet Coach Tom Kosmehl aus dem Trainingsalltag. „Ich glaube eben an mich und meine Pläne“, erwidert Ehses. „Das muss, denke ich, auch irgendwie so sein, wenn man etwas schaffen möchte.“

Eine Einstellung, die ihn binnen drei Jahren vom Nicht-Kraulschwimmer immerhin schon zu einem internationalen Triathlon-Medaillengewinner gemacht hat. „Ich bin so froh, wie alles gekommen ist“, betont Giulio Ehses. Fußballprofi zu sein, würde ihn längst nicht mehr reizen. Zu sehr liebt er die Vielseitigkeit des Triathlons und „den ehrlichen Maßstab, in dem ich mich dabei von Mann zu Mann messen kann“, wie er vorschwärmt. „Das ist es, was ich mich vollends erfüllt. Der geilste Sport der Welt.“

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