Aussterbende Art. Immer weniger Leute engagieren sich ehrenamtlich in Sportvereinen. Es braucht aber Enthusiasten wie Rugby-Trainer Christian Schubert. Foto: Thilo Rückeis
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Potsdamer Stadtsportbund „Wir sind keine Gegner des Waldes“

Tobias Gutsche
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Ute Goldberg ist neue Vorsitzende des Potsdamer Stadtsportbundes. Vor dem Stadtsportball spricht sie über den Einklang von Sportstättenbau und Umweltschutz, eigene Strategien, um das Ehrenamt zu stärken, sowie über Gefahren für Top-Mannschaften.

Potsdam - Laut aktuellster Erhebung zählt der Stadtsportbund Potsdam (SSB) 31.674 Mitglieder. Damit ist er in Brandenburg der größte Stadt- beziehungsweise Kreissportbund. Am Samstagabend feiert der SSB in der MBS-Arena seinen traditionellen Ball. Zwei „Neue“ werden die Veranstaltung eröffnen: Neben dem sportlich aktiven Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) auch Ute Goldberg. Sie wurde im April 2018 zur Vorsitzenden des SSB gewählt und folgte damit auf den zuvor 20 Jahre im Amt tätigen Lutz Henrich. Er ist nunmehr Ehrenvorsitzender.

Seit 2018 steht Ute Goldberg an der Spitze des Stadtsportbundes Potsdam. Foto: Tobias Gutsche
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Frau Goldberg, Sie sind bereits seit geraumer Zeit Präsidentin des Tauchclubs Potsdam. In welchen Bereichen brauchen Sie jetzt als neue Vorsitzende des Stadtsportbundes einen besonders langen Atem?

Zunächst muss ich sagen: Ich habe ein gut bestelltes Feld mit einer hervorragend arbeitenden Geschäftsstelle übernommen. Ich war ja auch schon zehn Jahre im Vorstand des SSB und verstehe daher, was es so für wichtige Themen gibt. Wir sind eine Sportstadt – dieses Profil möchte ich weiter schärfen. Für mich wird es eine Aufgabe sein, die Übergänge zwischen Breiten- und Leistungssport fließend zu halten, damit sich niemand benachteiligt fühlt. Und da ich seit 22 Jahren selbst Trainerin bin und dann auch noch Vereinsvorsitzende, weiß ich aus Erfahrung, dass man beim Ehrenamt die Zeichen der Zeit erkennen muss.

Dass der Mangel an Ehrenamtlichen das gesamte Sportleben ins Wanken bringt?

Genau. Der Sport lebt von diesen Enthusiasten, die sich aus Liebe zu der Sache hingeben. Wir müssen uns aber nichts vormachen: Ehrenamt ist ein zweiter Job, der nicht bezahlt wird. Das lässt sich mit den steigenden beruflichen Anforderungen oft kaum noch vereinbaren. Herausforderung ist es daher für uns, gerade die jungen Leute dennoch zu motivieren, sich ehrenamtlich in den Vereinen zu engagieren.

Welche Strategien hat der Stadtsportbund denn, um das Ehrenamt zu stärken?

Wir möchten eine dritte hauptamtliche Personalstelle für unsere Geschäftsstelle gewinnen, die sich vor allem um Belange der Ehrenamtlichen kümmern soll. Dazu hatten wir auch schon gute Gespräche mit der Stadt. Mit dieser Stelle wollen wir den Ehrenamtlichen eine praktische Hilfestellung und Entlastung geben, wenn es zum Beispiel um die Beantragung von Fördermitteln geht. Der lästige Papierkram, der etwa einem Trainer oder Vereinsvorsitzenden unheimlich viel Zeit raubt, kann so für diejenigen eingedämmt werden. Wir werfen auch gerne die Idee in den Raum, den Ehrenamtlichen seitens der Stadt kostenlose Abos für den Nahverkehr zu stellen. Wir müssen die Arbeit attraktiv machen. Teilweise verderben Dinge aber die Lust am Ehrenamt. Da reden wir etwa von der neuen Datenschutzverordnung – die ist ein großes Problem.

Warum?

Weil die Ehrenamtlichen in eine persönliche Haftung geraten – das ist eigentlich untragbar. Vom Stadtsportbund haben wir Schulungen zum Datenschutz angeboten und eine große Verunsicherung bei den Vereinen festgestellt. Es sind diese rechtlichen Feinheiten, die ein Normalo gar nicht durchschaut. Am Ende weiß er nicht mehr, ob Mannschaftsfotos noch veröffentlicht werden können. Auch in diesem Punkt müssen wir weiter intensiv beratend zur Seite stehen.

Etwa 18,5 Prozent der Potsdamer Bevölkerung sind in einem Sportverein angemeldet. Für Brandenburg und Ostdeutschland ist das überdurchschnittlich. Der Bundeswert liegt aber bei 33 Prozent. Woran liegt es?

Unter anderem daran, dass die ehrenamtlichen Trainer fehlen. Die Vereine müssen deshalb Neuanmeldungen zurückweisen. Ich würde grundsätzlich aber noch behaupten, in den alten Bundesländern machen verhältnismäßig nicht mehr Leute Sport als hier, sondern sind eben nur mehr in einem Verein. Da ist es Usus, wenn ein Kind geboren wird, dass es pauschal schon mal gleich im Verein angemeldet wird, in dem die Familie schon seit Generationen verwurzelt ist. Solche Strukturen müssen hier erst wachsen. Dazu kommen in Westdeutschland die hohen Zahlen an Passivmitgliedern in den großen Fußballvereinen. Bei uns sind wiederum über die Kooperation Schule-Verein viele Kinder sportlich aktiv, aber gar nicht im Verein.

Grafik: PNN/Gitta Pieper-Meyer
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Und das im städtischen Sportentwicklungsplan dargelegte Defizit an Sportstätten dürfte ebenfalls hemmend wirken, oder?

Natürlich. Es braucht eine höhere Dichte der Sportanlagen in der Stadt. Wohnortnah müssen sie sein, denn man kann nicht erwarten, dass gerade die Kinder große Wege zum Training zurücklegen.

Wie schätzen sie die aktuelle Sportstättensituation ein?

Bei den Hallen sind wir auf einem guten Weg. Problem bleiben die Freiluftflächen. Derzeit steht nur ein neuer Fußballplatz für die Potsdamer Kickers am Lerchensteig als konkretes Projekt bevor. Die an anderen Standorten vorgenommenen Umwandlungen in Kunstrasenplätze sind keine endgültige Lösung. Es ergeben sich dadurch zwar bessere Nutzungszeiten auf den Plätzen, aber es werden eben nicht mehr Flächen.

Auf der Suche nach neuen Standorten für Sport-Freiflächen werden auch immer wieder Waldgebiete, die abgeholzt werden müssten, in die Diskussion gebracht. Das sorgt für Unmut bei Naturliebhabern.

Um es deutlich zu machen: Wir als Stadtsportbund sind keine Gegner des Waldes. Wir sind uns über die Bedeutung des Naturschutzes im Klaren und betonen, dass der stets berücksichtigt werden muss. Unser Wunsch ist es, einen guten Konsens zu finden. Gerne wollen wir auch anregen, dass gerade Wälder auch im Sinne des Sports gestaltet werden können, indem dort Outdoor-Fitnessgeräte aufgestellt werden.

Die Idee, Fußballplätze wie in anderen Städten auf Dächern von Baumärkten oder ähnlichem zu bauen, wurde auch oft thematisiert. Gibt es dazu inzwischen konkrete Pläne?

Der Kommunale Immobilien Service prüft wohl ein oder zwei Möglichkeiten, bei denen das in Betracht gezogen werden könnte. Aber: In Potsdam werden wir vermutlich auf Dächern nicht die Dimensionen erreichen, um die benötigten wettkampftauglichen Fußball-Großplätze zu bekommen, sondern nur Bolzplätze oder Kleinfeldplätze. Als Konkurrenz gibt es nun ja auch als neuen Trend die Wohnbebauung auf Supermärkten.

Sie gehörten zur Bad-Kommission für den Bau der neuen Potsdamer Schwimmhalle. Sind Sie zufrieden mit den entstandenen Möglichkeiten für die Schwimmszene der Stadt?

Da sind wir gut aufgestellt. Alle Beteiligten gehen auch sehr gut mit den derzeitigen Einschränkungen wegen der sanierungsbedingten Hallenschließung am Luftschiffhafen um.

Die neue Schwimmhalle "blu" am Brauhausberg ermöglicht mehr Entfaltungsraum für Potsdams Schwimmszene. Foto: Andreas Klaer
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Die Stadt investiert nicht nur in Infrastruktur für den Sport, sondern auch in dessen Betrieb. Der jährliche Sportfördermittelbeitrag für den Stadtsportbund beträgt seit Jahren konstant etwa zehn Euro pro Mitglied. Braucht es Erhöhungen?

Mehr wäre immer gut. Aber das ist für uns eine solide Größe. Die stärkste Form der Sportförderung in der Stadt kommt ohnehin nicht als Geld, sondern es ist die weitestgehend kostenfreie Nutzung der Sportanlagen für die Vereine. Das ist die entscheidende Basis – und die muss aus unserer Sicht auch unangetastet bleiben. Da sind wir hier im Vergleich mit anderen Städten durchaus privilegiert.

Die Stadt unterstützt zusätzlich auch projektbezogen. Mittlerweile werden jährlich 100.000 Euro für die Integration von ausländischen Mitbürgern in die Sportlandschaft bereitgestellt.

Und diese Mittel werden sehr gut abgerufen. Da entstehen ganz verschiedene kreative Projekte, die die Gemeinschaft stärken. Ich denke da zum Beispiel an einen Outdoor-Fitnessbereich des SC Potsdam im Kirchsteigfeld, Sportgruppen und Ferienfahrten. Potsdam ist sehr vorbildlich, was die Integration im Sport angeht.

Bis zu 2000 Euro pro Projekt können Vereine auch erhalten, wenn sie neue Angebote für Senioren, Mädchen/Frauen und Behinderte entwickeln, um mehr Mitglieder aus diesen Bereichen zu gewinnen. Sind die Potsdamer Clubs diesbezüglich auch so aktiv?

Leider werden die Mittel noch nicht ganz so stark abgerufen. Aber wir sind dabei, das noch weiter zu bewerben. Die dritte Personalstelle im SSB wäre auch dafür eine große Hilfe.

Welchen Stellenwert hat der Leistungssport für Sie?

Einen großen. Ich war und bin ja selbst Teil von ihm. Spitzensport sorgt für Vorbilder, die wir brauchen, um den Nachwuchs für Bewegung zu begeistern.

Die Royals-Footballer bereichern die Potsdamer Sportlandschaft um eine zusätzliche Facette des Erfolgs. Foto: Ronny Budweth
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Potsdam hat viel Spitzensport, aber eine verhältnismäßig geringe Wirtschaftskraft. Sorgen Sie sich, dass unter diesen Bedingungen künftig beispielsweise höherklassige Mannschaften auf der Strecke bleiben, weil ihnen Gelder fehlen?

Es ist tatsächlich Segen und Fluch zugleich. Deshalb sehen wir es als wichtig an, dass die Stadtverantwortlichen mit einer Sportförderkonzeption klar die Perspektiven aufzeigen, was künftig zur Unterstützung geleistet werden kann und was nicht. Die Vereine brauchen Planungssicherheit.

Mit den sogenannten Sportstadtmitteln fördert die Stadt ihre Top-Teams und herausragenden Veranstaltungen.

Das ist wertvoll, birgt aber eben auch Gefahren. Über die Jahre hat sich die Sportszene von Potsdam weiterentwickelt, es sind mehr Mannschaften in den Erstligabetrieb aufgestiegen – wie die Royals-Footballer. Aber die Fördermittel sind gleich geblieben. Wenn das nicht aufgestockt wird, muss eine Förderkonzeption eben deutlich machen, wo ein Strich gezogen wird. Also wer entsprechende Kriterien für die Förderung erfüllt und wer nicht. Das wäre ein Schritt, der einigen womöglich wehtut. Aber er wäre ehrlich. Bei allem müssen wir jedoch dafür Sorge tragen, dass die Potsdamer Sportfamilie weiterhin eng zusammensteht.

ZUR PERSON: Ute Goldberg (54) wurde im April 2018 zur Vorsitzenden des Stadtsportbundes Potsdam gewählt. Sie leitet die Weidenhof-Grundschule im Schlaatz, ist Präsidentin des Tauchclubs Potsdam und zudem auch noch Jugend-Bundestrainerin für Flossenschwimmen.

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