Angespannte Rivalität: Der Potsdamer Philipp Galandi (r.) und Karl-Richard Frey aus Leverkusen kämpfen um den Status als deutsche Nummer eins. Foto: imago/Eibner
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Potsdamer Judo-Sport Geduld und Goldhoffnungen

Bei den Deutschen Judo-Meisterschaften ist eine Potsdamer Rekordbeteiligung zu verzeichnen – die Ambitionen vorab sind groß. Fehlen wird Top-Athlet Philipp Galandi, der aber noch auf Olympia hofft.

Potsdam - Deutschlands Judo-Spitzensport ist an diesem Wochenende zweigeteilt. Während die derzeit besten Athleten beim Grand Prix in Tel Aviv um wertvolle Qualifikationspunkte für die Olympischen Spiele von Tokio kämpfen, trifft sich der Rest in Stuttgart zu den nationalen Meisterschaften. Dort wird es eine Potsdamer Rekordbeteiligung inklusive großer Ambitionen geben.

Philipp Galandi, der momentan am höchsten einzustufende Judoka aus Brandenburgs Landeshauptstadt, tritt jedoch gar nicht auf die Matte. Weder in Israel noch in Schwaben. „Es ist schade“, sagt Galandi. „Völlig außen vor zu sein, ist natürlich die blödeste Situation“, so der Mann des UJKC Potsdam. Eine vor Kurzem erlittene Knieblessur zwingt ihn zur Wettkampfpause und Geduld. „Es ist nichts Dramatisches. Training geht schon wieder und im Februar werde ich beim Grand Prix in Paris auch wieder richtig kämpfen können.“

Damit beginnt dann die finale Phase seines Kampfes um ein Olympia-Ticket. „Ich weiß, dass es hart wird. Aber theoretisch ist noch alles drin“, sagt der 26-Jährige. „Deshalb werde ich, ohne mir den ganz großen Druck zu machen, einfach mein Bestes geben und gucken, wozu es am Ende reicht.“

Kontrahent kugelte ihm einen Finger aus

Bei den diesjährigen Sommerspielen im Judo-Mutterland Japan kann jeweils nur ein Aktiver pro Nation und Gewichtsklasse antreten. In Galandis Limit bis 100 Kilogramm hat aktuell Karl-Richard Frey aus Leverkusen die besten deutschen Karten. Der zweifache WM-Medaillengewinner und Olympia-Fünfte von 2016 belegt Rang 19 in der weltweiten Qualifikationsrangliste, über die 18 Startplätze für Tokio zum Stichtag 31. Mai 2020 verteilt werden. Frey hat 2106 Punkte – Galandi kommt als 47. auf 722 Zähler. „Leider konnte ich vergangenes Jahr wegen einer Verletzung nicht so viel punkten, wie vielleicht möglich gewesen wäre“, sagt der Universiade-Dritte von 2017. Ein Meniskusriss setzte ihn von Frühjahr bis Herbst außer Gefecht. Dann meldete er sich mit dem Sieg bei den European Open in Estland stark zurück. „Philipp hat das Potenzial, sich noch weit nach vorne zu arbeiten“, sagt Mario Schendel, Cheftrainer des Potsdamer Bundesstützpunktes. „Frey ist noch nicht so weit weg“, ordnet er den Punkteabstand ein.

Mario Schendel erkennt bei seinem Schützling Philipp Galandi das Potenzial für Olympia 2020. Foto: Tobias Gutsche Vergrößern
Mario Schendel erkennt bei seinem Schützling Philipp Galandi das Potenzial für Olympia 2020. © Tobias Gutsche

Zu seinem ärgsten Widersacher hat Galandi eine eher angespannte Rivalität. Befeuert wurde diese unter anderem im vorigen Oktober bei der Bundesliga-Endrunde. Als der UJKC im Halbfinale auf den TSV Abensberg traf, kam es zum Duell zwischen beiden – mit unschönem Ende. Frey kugelte Galandi den kleinen Finger der linken Hand aus. Absicht konnte nach Videostudium nicht belegt werden. Aber weil Frey schon des Öfteren durch unfaires Verhalten in der eigentlich so sehr auf einen respektvollen Umgang pochenden Sportart aufgefallen war, unterstellten ihm nicht wenige in der deutschen Judoszene genau das – eine bewusste schmutzige Aktion, um den direkten Olympia-Kontrahenten zu schwächen. „Ich habe das abgehakt“, sagt Galandi. „Zum Glück hat mich die Verletzung nicht lange rausgehauen.“

Sicherlich sei der Vorfall noch in seinem Hinterkopf, meint der Bauingenieurwesen-Student. Aber habe er nicht den drei Jahre älteren Frey, der dieser Tage in Tel Aviv ran darf, im Fokus seiner sportlichen Ambitionen. Galandi wolle sich bei seinen Top-Turnier-Einsätzen in diesem Jahr international behaupten – um auf diesem Weg möglichst doch nationale Nummer eins des Rankings zu werden. „Und wenn es jetzt noch nicht mit Olympia klappt, dann werde ich es für Paris 2024 wieder versuchen.“

UJKC-Youngsters mit guten Titelchancen in Stuttgart

Diesen Blick vier Jahre voraus richten auch zahlreiche andere Potsdamer Judo-Talente. Weil am Wochenende das A-Nationalteam wegen seiner Grand-Prix-Teilnahme in Israel nicht beim deutschen Championat dabei ist, sind in Stuttgart die Chancen für glänzende Akzente jener Youngsters vom Luftschiffhafen umso größer. Wie 2019, als Potsdam einmal Silber und viermal Bronze holte, peilt Schendel erneut mindestens fünf Medaillen an. Mit dem Unterschied: „Ein, zwei, vielleicht sogar drei goldene sollen es werden.“ Heißeste Anwärter darauf sind Junioren-Vizeweltmeister Erik Abramov, Tim Schmidt und Dena Pohl. Letztere wurde in den vergangenen zwei Jahren jeweils Vizemeisterin, Schmidt holte doppelt Bronze, Abramov wurde einmal Dritter. „Wir haben alle eine gute, kontinuierliche Entwicklung genommen“, sagt Schmidt stellvertretend. „Ein DM-Titel ist der nächste Schritt, den wir wollen.“

Neben Qualität in der Spitze freut sich Chefcoach Schendel auch über eine stetig steigende Leistungsbreite an seinem Stützpunkt. 23 Teilnehmer aus Potsdam werden in Stuttgart kämpfen – so viele wie noch nie bei Deutschen Elite-Meisterschaften. 19 Athleten stellt der UJKC, hinzu kommen drei Aktive, die am Luftschiffhafen trainieren, aber für ihre Heimatvereine JC 90 Frankfurt (Oder) beziehungsweise KSC Asahi Spremberg starten, sowie ein Athlet des SV Motor Babelsberg. „Es läuft bei uns“, sagt Schendel. Und das soll demnächst auch wieder für Philipp Galandi gelten.

+++ Europacup macht 2020 Station in Potsdam +++

In Potsdam wird dieses Jahr ein besonderer Judo-Höhepunkt geboten. Am 27./28. Juni findet in der MBS-Arena ein Europacup der Eliteklasse statt. Nach dem Grand Prix in Düsseldorf ist es die zweithöchste Judo-Veranstaltung Deutschlands. Zuletzt war Saarbrücken deutscher Europacup-Austragungsort - nun steigt das Event erstmalig in Brandenburgs Landeshauptstadt. „Das ist schöne Werbung für unseren Standort“, sagt Mario Schendel, Cheftrainer des Potsdamer Judo-Bundesstützpunktes. 2020 werden insgesamt sieben Europacups ausgetragen. Der Wettkampf  am Luftschiffhafen liege dabei „terminlich perfekt“, sagt Schendel. Er findet genau einen Monat vor den Olympischen Spielen in Tokio statt. „Daher ist zu erwarten, dass auch viele Top-Leute hier auf die Matte gehen werden.“


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