Das muss was aushalten. Mit bis zu 80 Kilogramm belastet Sebastian Brendel sein Stechpaddel in der Startphase. Foto: Ute Freise
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Potsdam und die Kanu-WM 2019 Sebastian Brendels Drama mit Happy End

Sebastian Brendel reist mit der bitteren Erinnerung an einen Paddelbruch zur Weltmeisterschaft nach Szeged. Für ihn und viele weitere Potsdamer Starter geht es um Quotenplätze für Olympia 2020.

Potsdam - Die Frage ist gar nicht bis zum Ende formuliert, da unterbricht Sebastian Brendel bereits. „Kannst aufhören. Ich weiß, worauf du hinaus möchtest“, sagt der Kanute und lächelt gequält. Eine vorolympische Weltmeisterschaft in Szeged – mehr brauchte er nicht zu hören, um zu verstehen und zu antworten: „Da kommt eine bittere Erinnerung hoch.“ 2011 hatte bei der WM in der ungarischen Stadt ein Paddelbruch Brendels Olympiatraum bedroht. Ab heute findet das Championat an selber Stelle statt – wieder geht es um die Qualifikation für die Sommerspiele im Jahr darauf. „Diese Gedanken an damals kommen natürlich wieder hoch“, gesteht der Canadierfahrer des KC Potsdam im OSC. „Aber sie beeinträchtigen mich heute überhaupt nicht, wenn ich an den Start gehe.“

Und doch wirkt das Unglück auch acht Jahre später immer noch in seinem Sportleralltag nach. „Gerade vor dem Saisonhöhepunkt kontrolliere ich jetzt immer penibelst meine Paddel“, erklärt Sebastian Brendel. Technische Messungen können Aufschluss darüber geben, ob das Material weiterhin fest genug ist. Vor allem setzt der 31-Jährige aber auf Rotation. Drei Stechpaddel hat er in Gebrauch, tauscht diese immer wieder untereinander aus, um die Belastung zu verteilen. Und jedes Jahr nimmt der Brandenburger ein gänzlich neues Set in die Hände. „Mit diesem System fahre ich gut.“

Das Paddel hielt der Kraft nicht stand

Bei der WM 2011 fuhr Brendel nicht gut. In seiner Paradedisziplin – dem Einer über 1000 Meter – fuhr er streng genommen nicht mal richtig los. Als damals 23-Jähriger und mit großen Hoffnungen auf seinen ersten WM-Elite-Titel trat er in Szeged an. Beim Vorlauf, nur wenige Schläge nach dem Start, zerfetzte es dann aber sein Arbeitsgerät. „Warum, konnten wir nie feststellen. Vielleicht Materialermüdung“, sagt Brendel. Das Paddel hielt den Kräften des 1,92-Meter-Hünen nicht stand. Zu Beginn eines Rennens lässt er bis zu 80 Kilogramm darauf einwirken, im weiteren Verlauf sind es 50 bis 55.

Als der Bundespolizist mit kaputtem Equipment auf dem Wasser trieb und die Konkurrenz enteilen sah, sei das „ein schrecklicher Moment“ gewesen. „Ich hatte mich hilflos gefühlt.“ Denn ihm war klar, dass nicht nur eine mögliche Medaille verloren gegangen war. Sondern auch der Quotenplatz für Olympia. Zunächst. Es blieb die Chance im Nachsitzen. Bei einem Qualifikationswettkampf in Poznan konnte noch das Ticket gen London gebucht werden – im Mai 2012, wenige Monate vor den Spielen. „Das war nicht optimal. Eigentlich sollte der Saisonaufbau voll auf London ausgerichtet sein, so musste ich diese Zwischenstation gut vorbereiten“, erläutert Brendel. Groß war der Druck beim Start in Polen. Extremer Wind und hohe Wellen sorgten zusätzlich für Anspannung, denn bei solch schweren Bedingungen „kann auch mal ganz schnell etwas schiefgehen“, wusste der gebürtige Schwedter. Aber allen Umständen zum Trotz gewann der KCP-Mann das Rennen und folglich den Olympia-Startplatz.

Tokio wirft seinen Schatten voraus

Letztlich fand das anfängliche Drama noch ein Happy End. Ein goldenes. Auf dem Dorney Lake nahe London triumphierte Sebastian Brendel – sein erster Olympiasieg. Vier Jahre danach ließ er in Rio zwei weitere folgen.

Und nun wirft Tokio seine Schatten voraus. Um Deutschland bei den Sommerspielen 2020 einen Start im Canadier-Einer über 1000 Meter zu sichern, muss der Spitzenathlet im Finale der bevorstehenden Weltmeisterschaften unter die Top 5 kommen. „Das allein reicht mir aber nicht“, betont er. „Ich möchte eine Medaille.“ In den vergangenen Jahren war Brendel Stammgast auf dem WM-Podest, viermal nacheinander gelang ihm sogar der Solo-Sieg. „Der fünfte wäre jetzt natürlich etwas Großartiges.“ Sowie Historisches. Bisher haben bei den Männern nur Rüdiger Helm (DDR/Kajak 1000 Meter/1978 bis 1983) und Ivan Klimentiev (Lettland/Canadier 1000/1989 bis 1994) in olympischen Einer-Wettbewerben eine solch lange WM-Erfolgsserie hingelegt.

Allerdings kann der Schützling von Coach Ralph Welke diesmal nicht als heißester Titelkandidat gehandelt werden. Dafür waren die bisherigen Ergebnisse der Saison nicht überzeugend genug. Der Dominator dominierte nicht. Zum Auftakt ins Wettkampfjahr kassierte er eine Niederlage im nationalen Vergleich gegen den Berliner Conrad Scheibner, behauptete sich anschließend aber intern. Doch erstmalig blieb Brendel bei den Weltcups einer Saison medaillenlos. Bei den Europaspielen sprang dann zumindest Bronze heraus. „Das hat mir Selbstvertrauen gegeben“, sagt er. Der zehnfache Weltmeister geht optimistisch auf das Wasser von Szeged. Zumal er keineswegs nur schlechte Erinnerungen an diesen Ort hat. 2005 wurde Brendel dort Junioren-Doppelweltmeister im Einer - seine ersten großen internationalen Erfolge.

+++ Kampf um Olympia-Plätze - 13 Potsdamer im WM-Einsatz +++

Bei der am heutigen Mittwoch beginnenden Kanu-Weltmeisterschaft in Szeged wird ein Großteil der sogenannten Quotenplätze für Olympia 2020 vergeben. Dies sind Startberechtigungen für die jeweiligen Nationen. Gekämpft wird darum in den jeweils sechs olympischen Disziplinen der Männer und Frauen, die sich in vier Kajak- und zwei Canadierwettbewerbe unterteilen. Im Kajak kann ein Land pro Geschlecht maximal sechs, im Canadier drei Quotenplätze bekommen. Die Anzahl an ergatterten Plätzen bestimmt dann, mit wie vielen Aktiven nächstes Jahr in Tokio angetreten werden darf. Je mehr Sportler, umso breiter lassen sich die Renneinsätze verteilen. Über den Vierer können vier Quotenplätze eingestrichen werden, über den Zweier zwei und den Einer eben auch nur einer. Aber: Ein Athlet kann unter dem Strich nur einen Platz holen, Doppelstarts in den olympischen Bootsklassen machen daher wenig Sinn, weil so die potenzielle Quotenplatz-Ausbeute automatisch verringert wird. Der Gewinn dieser Plätze bei der WM ist unterschiedlich geregelt – auf der absolut sicheren Seite ist man mit einem Top-5-Resultat. 2020 gibt es noch zwei Möglichkeiten der Nachqualifikation – allerdings nur für die Einer und Zweier. Für die deutschen Sportler, die jetzt Quotenplätze sichern, ist dies nicht gleichbedeutend mit dem direkten Ticket zu den Sommerspielen. Dieses muss 2020 im nationalen Vergleich erkämpft werden.

In Szeged sind 13 Paddler des KC Potsdam im OSC dabei. Auf den wichtigen olympischen Distanzen starten: Franziska John (K4 500 Meter), Conny Waßmuth (K1 500), Ophelia Preller (C2 500), Annika Loske (C1 200), Ronald Rauhe, Max Lemke (beide K4 500), Tamas Gecsö (K1 1000), Timo Haseleu (K1 200) und Sebastian Brendel (C1 1000). Tabea Medert, Jan Vandrey, Felix Frank und Martin Hiller werden auf nichtolympischen Strecken eingesetzt.

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