Überraschung am Breitscheidplatz. Nils Brembach belegte als bester Deutscher über 20 Kilometer Rang fünf. Noch nie landete er international so weit vorne. Vergrößern
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Potsdam und die European Championships 2018 Aus dem Schatten gegangen

Gerhard Pohl

Die 20 Kilometer Gehen werden bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin zur gemeinsamen Sache von Männern und Frauen. Unter den fünf Potsdamer Aktiven ist es nicht der als großer Medaillenkandidat gehandelte Christopher Linke, der hervorsticht. Sondern Nils Brembach.

Berlin - Nils Brembach gehört schon seit Jahren zur deutschen Spitze im Gehen. Auch international hat der Mann vom SC Potsdam bereits seine Visitenkarte abgegeben. Doch bislang stand er dabei stets im Schatten seines Vereinskollegen Christopher Linke. Aus diesem trat Nils Brembach am Samstag rund um den Berliner Breitscheidplatz heraus. 

Beim 20-Kilometer-Wettbewerb der Leichtathletik-Europameisterschaft überraschte der 25-Jährige als bester Deutscher mit Platz fünf in einer Zeit von 1:21:25 Stunde. Der Olympia- und WM-Fünfte Christopher Linke, der diesmal unbedingt eine Medaille holen wollte, musste sich mit dem 13. Rang (1:22:33) abfinden. Dazwischen landete Hagen Pohle (1:21:35) auf Platz acht. Damit war dem Potsdamer Trio in der Gesamtheit das stärkste deutsche EM-Ergebnis seit geraumer Zeit gelungen. Als gelungen ließ sich auch die Premiere auf der großen internationalen Bühne der SCP-Talente Saskia Feige und Teresa Zurek einschätzen. Feige belegte über 20 Kilometer in persönlicher Bestzeit (1:32:57) den 16. Platz, vier Ränge dahinter kam Zurek (1:35:58) ins Ziel.

SCP-Trio lange Zeit an der Spitze

Auf den Weg dorthin durften sich die beiden jungen Damen und ihre Mitstreiterinnen erst stark verspätet machen. Im Stadtteil Tiergarten war Gasgeruch vernommen worden, was einen Feuerwehreinsatz und eine Verschiebung des Frauenstarts zur Folge hatte. Die Wartezeit über Stunden strapazierte die Nerven der Athletinnen, zumal die Veranstalter nur schlecht über den weiteren Ablauf informierten. Letztlich gingen dann die Männer und Frauen gemeinsam auf den zwei Kilometer langen Rundkurs. Es herrschte geschäftiges Treiben mit 57 Aktiven.

An der Spitze des Feldes tummelten sich – nicht selten in Führung liegend – die drei Potsdamer Herren. Bis zum 15. Kilometer lagen sie gut, machten einen guten Eindruck. Dann selektierte eine Attacke die Gruppe. Die Spanier Alvaro Martin (1:20:42) und Diego García (1:20:48) sowie der unter neutraler Flagge startende Russe Wassili Mizinjow (1:20:50) und Massimo Stano aus Italien (1:20:51) setzten sich ab. Sie machten die Medaillen unter sich aus. Die Tempoverschärfung „hat gestochen“, urteilte Pohle, der sich mit seiner bisher besten internationalen Platzierung zufrieden zeigte. „Aber ich wäre auch gern Fünfter geworden“, sagte er mit Blick auf Brembach.

Linke: "Das Leben geht weiter" 

Der war einfach nur glücklich. „Ich kann den fünften Platz noch gar nicht glauben“, stammelte er. Die Atmosphäre an der Strecke habe ihn „unheimlich gepusht“. Das zunächst nicht allzu hohe Tempo im Rennen kam Brembach gelegen. „Ich wollte kontrolliert mitgehen und nicht die Pace machen. Hinten raus konnte ich im schnelleren zweiten Teil der 20 Kilometer noch zulegen“, berichtete er. Am Ende trennten ihn 35 Sekunden von Edelmetall.

Weitaus größer war der Abstand von Linke zum von ihm anvisierten Podium. Die letzten Kilometer glichen für ihn einer Tortur. Sein sonst so souveräner Gehstil war weg, der Kopf hing nach unten, die Beine lahmten. „Hochachtung, dass er bei dieser empfindlichen Niederlage nicht aufgegeben hat“, kommentierte Potsdams Geh-Olympiasieger Peter Frenkel. Linke selber meinte: „Ich bin natürlich persönlich enttäuscht, aber das Leben geht weiter.“ Alle hätten auf ihn geschaut, „ich war der Tempomacher für alle anderen“. Daher habe in der finalen Phase die Kraft gefehlt. „Heute war nicht mein Tag“, sagte Linke, aber nicht ohne eine Kampfansage hinsichtlich der WM 2019 und Olympia 2020 zu machen. Dann wolle er wieder angreifen. 

Frauen von den Männern angetrieben

Auch Deutschlands Geherinnen wollen nach vorne. Erstmalig seit 2012 waren nun zumindest wieder einmal welche bei einem internationalen Großereignis dabei. Beste Deutsche beim Sieg der Spanierin Maria Isabel Perez (1:26:36) wurde die nationale Titelträgerin Emilia Lehmeyer aus Berlin auf dem 14. Platz (1:32:36). Saskia Feige und Teresa Zurek, die von Manja Berger am Luftschiffhafen trainiert werden, zeigten ebenfalls eine gute Vorstellung. „Sie haben in einem extrem schnellen Rennen wertvolle Erfahrungen gesammelt“, so Berger. Durch die Zusammenlegung der Frauen- und Männerkonkurrenz seien aus Sicht der Damen vor allem die ersten Runden in hoher Geschwindigkeit absolviert worden, erklärte Teresa Zurek. „Da hat man sich von den Männern ziehen lassen. Ich musste aufpassen, dass ich mich mit dem Tempo nicht übernehme.“ Feige betonte, dass es eine Herausforderung gewesen sei, bei der Startverschiebung den Fokus zu wahren. Als es dann losging, habe die „Hammer-Kulisse uns über die Strecke getragen“. 

Für einen Potsdamer war nach den Wettkämpfen noch nicht Schluss. Bundestrainer Ronald Weigel hatte die ehrenvolle Aufgabe, die Medaillen bei der Siegerehrung zu überreichen. Insgeheim dürfte der einstige Weltklasse-Geher gehofft haben, einem seiner Schützlinge die Plakette um den Hals hängen zu können.

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