Zwischen Sebastian Brendels Goldfahrten von Rio und dem nächsten möglichen Olympiastart werden fünf statt vier Jahre liegen. Foto: Soeren Stache/dpa
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Olympia-Verschiebung So reagieren Potsdams Spitzensportler und Trainer

Die Olympischen Spiele in Tokio finden erst 2021 statt. Potsdams Aktive befürworten die Verschiebung. Diese weckt einerseits Hoffnungen, bereitet aber auch Probleme. Das Land Brandenburg sendet schnell ein wichtiges Signal.

Potsdam - Zu den mehr als 100 Medaillen, die Potsdamer Sportler bereits bei Olympischen Sommerspielen gewannen, werden dieses Jahr nicht wie erhofft weitere hinzukommen. Denn am Dienstag wurde beschlossen, dass Olympia und Paralympics 2020 in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie erst 2021 stattfinden sollen. Bei Potsdams Sportlern sorgte die Entscheidung für Erleichterung und Hoffnung. Aber auch für emotionale und organisatorische Herausforderungen.

Für Geher Christopher Linke ist es eine Entscheidung im Sinne eines fairen Sports und im Sinne der Gesellschaft.  Foto: Michael Kappeler/dpa Vergrößern
Für Geher Christopher Linke ist es eine Entscheidung im Sinne eines fairen Sports und im Sinne der Gesellschaft.  © Michael Kappeler/dpa

Unisono befürworten die Sportler die Verschiebung. „Das war unumgänglich – im Sinne eines fairen Sports mit Chancengleichheit und im Sinne der Gesellschaft“, sagt Christopher Linke, WM-Vierter im Gehen über 20 Kilometer. „Jetzt können wir den Fokus auf das momentan Wichtigste legen: die Gesundheit der Weltbevölkerung. Wir können uns der Gesellschaft unterordnen und müssen nicht wie zuletzt Risiken eingehen, nur um den Trainingsprozess aufrechtzuerhalten.“ Für den Modernen Fünfkämpfer Patrick Dogue, der 2016 in Rio Olympia-Sechster wurde, sei die Gewissheit „befreiend“, sagt er. „Es ist gut, dass jetzt auch alle gerafft haben, es funktioniert dieses Jahr einfach nicht.“ Maike Naomi Schnittger sei froh, dass die Entscheidung nun getroffen worden ist und nicht, wie vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zunächst angekündigt, vielleicht erst in vier Wochen. „Psychisch waren die vergangenen Tage und Wochen wegen der Unsicherheit schon echt hart“, sagt die paralympische Schwimmerin, die bei den Spielen in Rio Silber holte.

Von Para-Schwimmerin Maike Naomi Schnittger fällt eine große psychische Last ab.  Foto: Kay Nietfeld/dpa Vergrößern
Von Para-Schwimmerin Maike Naomi Schnittger fällt eine große psychische Last ab.  © Kay Nietfeld/dpa

Per Sondergenehmigung hatten zuletzt etwa 30 bis 40 Athleten mit großen Olympiahoffnungen die eigentlich bis vorerst 19. April geschlossenen Sportanlagen im Luftschiffhafen weiter nutzen dürfen. Das sei mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), den Spitzenverbänden, Land und Stadt abgestimmt worden, hatte Harry Kappell, Potsdamer Bereichsleiter des Olympiastützpunktes Brandenburg (OSP) erklärt. Am Montag und Dienstag wurden zudem alle Involvierten dieses Trainingsbetriebs in der Hochschulambulanz der Universität Potsdam medizinisch gecheckt, um ihre Tauglichkeit festzustellen. Diese Woche solle die Ausnahme noch fortgesetzt werden, so Kappell. „Danach wird die Lage auch auf Grundlage von DOSB-Beschlüssen neu bewertet.“

Auch der Moderne Fünfkämpfer spricht von einer "Befreiung". Foto: Nuno Goncalves/UIPM Vergrößern
Auch der Moderne Fünfkämpfer spricht von einer "Befreiung". © Nuno Goncalves/UIPM

Dreifach-Olympiasieger Sebastian Brendel zeigte sich vor allem erleichtert, dass das Event unter den fünf Ringen nicht gänzlich abgesagt wird. Der Kanute habe diesbezüglich bereits „leichte Zweifel“ gehabt, wie er sagt. „Ich kann mit der Verschiebung gut leben und werde auf jeden Fall durchziehen, auch wenn es nicht einfach ist, wenn das große Ziel jetzt wieder recht weit weg ist.“

Für Kanutin Franziska Weber hat sich ein "tiefes Loch" aufgetan.  Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Für Kanutin Franziska Weber hat sich ein "tiefes Loch" aufgetan.  © Manfred Thomas

Diese Verlängerung des eigentlich sehr systematisch auf vier Jahre angelegten Olympiazyklus bereitet seinen ebenfalls schon mit olympischem Gold dekorierten Paddelkollegen Franziska John und Ronald Rauhe derweil Probleme. „Obwohl man sich schon darauf einstellen konnte, tut sich doch ein ziemlich tiefes Loch auf“, sagt John. „Ich werde jetzt ein bisschen Zeit brauchen, um mich zu ordnen, weil gerade weiß ich nicht, wo vorne und hinten ist.“ Auch Rauhe meint, er müsse die neue Situation „erst einmal sacken lassen“. Ursprünglich wollte der Routinier bereits 2017 seine Karriere beenden. Doch die Aufnahme des Kajak-Vierers über 500 Meter ins Olympiaprogramm für Tokio weckte seinen Ehrgeiz aufs Neue. Er machte weiter, holte dreimal in Folge den WM-Titel und wollte diesen Sommer den glänzenden Schlusspunkt seiner Laufbahn setzen. „Emotional ist es sehr schwierig für mich, dass der Plan so nicht aufgeht“, sagt der 38-Jährige. Er sei niemand für Schnellschüsse und werde nun in Ruhe vor allem familiär ausloten, wie es weitergehen kann. „Das kann bestimmt ein paar Wochen dauern, denn es bleiben ja noch viele offene Frage.“

Kanu-Routinier Ronald Rauhe muss erst einmal alles "sacken lassen".  Foto: Soeren Stache/dpa Vergrößern
Kanu-Routinier Ronald Rauhe muss erst einmal alles "sacken lassen".  © Soeren Stache/dpa

Wie geht es jetzt weiter bis nächstes Jahr?

Allen voran, wann die Spiele 2021 genau stattfinden sollen. Ein Termin steht noch nicht fest, nur, dass das Sportspektakel bis zum Sommer über die Bühne gehen soll. Auch bleibt abzuwarten, inwiefern diese Saison noch Wettkämpfe möglich werden oder ob es ein „Leerlaufjahr“ wird, wie Geher Linke sagt. Und es ist offen, wie mit der Qualifikation für Tokio weiterverfahren wird. Fünfkämpfer Patrick Dogue sicherte beispielsweise schon einen Quotenplatz für das deutsche Team. „Bleibt das bestehen? Oder wird wieder alles auf null gesetzt?“, fragt er sich. Insofern können die Trainer aktuell noch nicht konkret sagen, wie sie mit ihren Athleten weiterplanen. „Wir werden wohl alle etwas Luft holen und schauen, wie sich das entwickelt“, sagt Triathlon-Coach Ron Schmidt. Zunächst noch angepasst weitertrainieren, dann eine Ruhepause und anschließend ein Neustart ist eine Option. „Wenn man jetzt sofort aussetzt, könnte die Phase bis zu Olympia zu lang werden und dadurch zu einem Problem“, findet Schwimmtrainer Jörg Hoffmann. Auf jeden Fall, so Pentathlet Dogue, bestehe jetzt Zeit, Verletzungen gut auszukurieren.   

Brandenburger Olympia-Förderung wird unverändert fortgesetzt

Diese Zeit könnte auch zu einem wichtigen Faktor für einige Athleten werden. „Gerade den Jüngeren kommt es entgegen, noch ein Jahr mehr Vorbereitung zu haben“, sagt Hoffmann. „Da kann sich bei ihnen physisch und psychisch einiges tun.“ Darauf hoffen auch die Potsdamer Riemenruderinnen. Sie hatten sich bisher keinen Startplatz für die Spiele sichern können. Wegen der Coronakrise wurde dann die Nachqualifikation ersatzlos gestrichen, sodass der Traum von der Teilnahme zu zerplatzen drohte, ohne eine faire Chance zu bekommen. „Die Mädels waren deswegen sehr geknickt“, berichtet Sven Ueck, sportlicher Leiter am Bundesstützpunkt. „Jetzt können sie im Rennen bleiben. Es ist ein junges Team im Aufbau – mehr Zeit ist da nicht das Schlechteste.“ Auch Kanutin John räumt ein, dass das deutsche Kajak-Frauen-Team in jüngerer Vergangenheit nicht das erwünschte Niveau erreicht habe. „Die Verschiebung ist eine große Chance, die Defizite aufzuholen“, sagt sie.

Die Kursänderung für Tokio wird in vielen Bereichen Neujustierungen erfordern. Beispiel: Schwimmer Christian Diener wollte im Herbst seine Ausbildung bei der Brandenburger Feuerwehr-Sportfördergruppe beginnen, ein klassischer Schritt nach Olympia. „Da muss man gucken, wie das geregelt wird, denn mitten in einer Olympiavorbereitung ist das kaum möglich.“ Zudem wird die Sportförderung auf dem Prüfstand stehen. Seit Januar 2019 erhalten 60 Athleten als Mitglied im „Team Tokio“ monatlich zwischen 300 und 900 Euro zur Unterstützung über die Brandenburger Sporthilfe. Im Dezember kamen nochmal zwölf Aktive hinzu. „Wir sind wild entschlossen, dass so weiterzuführen. Gespräche dazu laufen schon“, betonte Sporthilfe-Geschäftsführerin Beate Petzold am Dienstagnachmittag. Am Abend gab der Landessportbund Brandenburg (LSB) bekannt, dass sich das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, der LSB und die Sporthilfe auf eine unveränderte Fortsetzung des Programms geeinigt haben. „Wir wollen unsere Athleten auf dem Weg zu Olympia begleiten", sagte Petzold. "Auch wenn er jetzt eben etwas länger ist.“

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