Gerhard Waldhart trainiert den österreichischen Serienmeister SKN St. Pölten. Foto: Peter Könnicke
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Interview I Turbine-Hallencup 2020 „Es ist ein Privileg, wenn man in die deutsche Bundesliga kommt“

Peter Könnicke

Mit SKN St. Pölten erreichte Gerhard Waldhart das Finale beim Turbine-Hallencup 2020. Im Interview spricht er über den Fußball in Österreich, Deutschland und in der Halle.

Herr Waldhart, der SKN St. Pölten nahm zum vierten Mal am internationalen Turbine-Hallencup teil. Was macht es so reizvoll für Ihre Mannschaft, hier zu spielen?
 

Zunächst auf Kunstrasen in der Halle zu spielen. Dann der Austausch mit anderen Teams, um zu sehen, wo man selbst steht, auch wenn man nur Vier gegen Vier spielt.

In Deutschland sterben Hallenfußballturniere so langsam aus. Welchen Stellenwert haben sie in Österreich?

Wir haben gar keine Hallenfußballkultur. Das letzte war vor Jahrzehnten in der Wiener Stadthalle. So was wie hier in Potsdam ist einzigartig.

Wo sehen Sie dennoch den sportlichen Mehrwert und die Herausforderung durch die Teilnahme beim Turbine-Hallencup?

Der technische Reiz zum Beispiel. In einer kleinen Formation zu spielen, das schnelle Hin und Her, die schnellen Wechsel, man muss schlichtweg handlungsschneller sein. Heutzutage sind Handlungsschnelligkeit und Kreativität gefragt und bei der Konstellation in der Halle kommt davon vieles zur Geltung.

Welchen Stellenwert hat der Frauenfußball in Österreich?

Dadurch, dass wir mit dem Nationalteam jetzt große Erfolge gefeiert haben (Anm. d. Red.: EM-Halbfinale 2017) und wir für die EM-Qualifikation mit den Spielen gegen Frankreich alles in eigener Hand haben, sehe ich den Frauenfußball bei uns schon im Aufwind. Da wir ein kleines Land sind, haben wir jedoch zu wenig aktive Spielerinnen. Die Niederlande haben uns da einiges voraus – das ist zwar auch ein kleines Land, aber sie haben da viel mehr Fußballerinnen. Wir haben noch Luft nach oben.

Gute österreichische Spielerinnen und Talente zieht es nach Deutschland in die Bundesliga – die 18-jährige Marie Höbinger zum Beispiel spielt bei Turbine Potsdam. Ist das ein Nachteil für die Entwicklung des Frauenfußballs im eigenen Land?

Das sehe ich gar nicht so. Es ist ein Privileg, wenn man in die deutsche Bundesliga kommt. Das zeigt, dass gut bei uns in Österreich gearbeitet wird. Wenn sich die Spielerinnen weiterentwickeln wollen, ist dieser Schritt unausweichlich – ob nach Deutschland oder England oder Frankreich. Unser Nationalteam erntet davon auch Früchte: Wenn man sich täglich mit den Besten messen kann, kommt man weiter.

In Deutschland kooperieren oder fusionieren Männer-Bundesligaklubs zunehmend mit Frauenfußballvereinen. Was halten Sie davon?

Diese Entwicklung kenne ich so nicht. Bei uns in Österreich ist es aber auch angedacht, dass jeder Bundesligaverein der Männer eine Frauenmannschaft stellen sollte. Aber das ist noch in ferner Zukunft. Aber für den Stellenwert des Frauenfußballs ist es eine Aufwertung. Gehört eine Frauenmannschaft zu einem Männer-Bundesligaklub, wird professioneller gearbeitet. Auch der Breitensport wird profitieren. Denn wenn es nicht jede Spielerin in die Bundesliga schafft, bleiben die meisten doch bei den Vereinen, die sie ausgebildet haben. Ich denke, dass es ein guter Trend wäre, wenn jeder Männerklub ein Frauenteam stellt. Natürlich ist es auch eine finanzielle Sache, aber ich denke, dass es da schon gute Möglichkeiten gibt.

ZUR PERSON: Gerhard Waldhart (42) ist Chefcoach von Champions-League-Teilnehmer SKN St. Pölten. Der Club gewann in den vergangenen fünf Jahren immer Österreichs Meisterschaft und Pokal.

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