Damals war’s. 2005 ragte Sebastian Brendel (4. v. l) als Doppel-Weltmeister aus der starken Potsdamer Juniorenflotte heraus. Das schwarze Boot, mit dem er zu Gold fuhr, ist nun auf São Tomé und Príncipe im Einsatz. Außerdem auf dem Bild: Kurt Kuschela und Franziska Weber (1. u. 2. v. l.), die später ebenfalls Olympiasiege erkämpften. Foto: Olaf Möldner
© Olaf Möldner

Hilfsprogramm des Welt-Kanuverbands Ein Stück Potsdamer Sportgeschichte am Äquator

Sebastian Brendel ist Dreifach-Olympiasieger. Zu seinen ersten großen internationalen Erfolgen paddelte der Potsdamer 2005, als er Doppel-Weltmeister der Junioren wurde. Warum sein Boot von damals jetzt auf einer westafrikanischen Insel herumschippert.

Potsdam - São Tomé und Príncipe ist ein schönes Fleckchen Erde. Im Golf von Guinea, etwa 200 Kilometer vor der Küste Afrikas gelegen, bietet der nach den Seychellen zweitkleinste Staat dieses Kontinents köstliche Schokolade, traumhafte Strände, tropische Wälder und gelassene Menschen, heißt es in einem Reisebericht auf der Internetseite der „Welt“. Es sei ein „Paradies am Äquator“.

Genau dort befindet sich seit Kurzem ein Stück Potsdamer Sportgeschichte. Auf São Tomé schippert das Kanu-Rennboot herum, in dem die erfolgreiche internationale Karriere des nunmehr dreifachen Olympiasiegers Sebastian Brendel begann. Es ist das schwarze Wassergefährt, mit dem er 2005 Doppel-Weltmeister der Junioren wurde. Seine ersten ganz großen Triumphe. „Ich weiß, dass das Boot hier von nachfolgenden Generationen in Potsdam immer weiter genutzt wurde. Und jetzt ist es tatsächlich auf dieser Insel?“, fragt Brendel etwas ungläubig. Ja, ist es. „Verrückte Sache“, meint er.

Ausrangierte Boote für Entwicklungsländer, die den Kanusport fördern

Hintergrund dessen ist ein Hilfsprogramm des Kanu-Weltverbandes ICF. Dessen Vizepräsident ist Thomas Konietzko. Er ist zugleich Präsident des Deutschen Kanu-Verbands. „Es gibt viele Entwicklungsländer, wo versucht wird, Kanusport voranzubringen. Doch oft mangelt es am nötigen Equipment“, schildert Konietzko. Nicht selten müssten sich fünf, sechs oder gar noch mehr Kinder und Jugendliche ein Boot für die Trainingseinheiten teilen. „Das ist nicht förderlich.“ Daher hat die ICF ein Spendenprojekt ins Leben gerufen. Es wird aufgerufen, alte, aber noch benutzungsfähige Boote abzugeben, um in anderen Ländern die Paddel-Aufbauarbeit im Jugendbereich zu unterstützen.

Spätestens seit seinen Olympiasiegen zwei und drei, die er in Rio holte, ist Sebastian Brendel eine Kanu-Ikone. Foto: Soeren Stache/dpa Vergrößern
Spätestens seit seinen Olympiasiegen zwei und drei, die er in Rio holte, ist Sebastian Brendel eine Kanu-Ikone. © Soeren Stache/dpa

Unter anderem beteiligte sich der KC Potsdam im OSC an dieser Aktion. „Dafür sind wir sehr dankbar“, betont der Weltverband-Vize. Gut ein Dutzend Boote – darunter auch das einstige von Sebastian Brendel – spendete der KCP. „Die haben hier bei uns viele Jahre auf dem Buckel und nicht mehr den Stand, den wir für unseren Nachwuchs gerne hätten“, sagt Potsdams Cheftrainer Ralph Welke. „Aber grundsätzlich lässt sich damit noch wirklich gut arbeiten.“ Am Luftschiffhafen aussortierte Vehikel werden häufig auch innerhalb Brandenburgs abgegeben, berichtete der KCP-Vorsitzende Torsten Gutsche: „Dann überlassen wir Boote den Vereinen, von denen oft Talente hier nach Potsdam kommen. Schwedt, Finow, Eisenhüttenstadt, Spremberg zum Beispiel.“

Brendel: „Super, wenn so Starthilfe gegeben wird“

Doch diesmal wurde der 200.000 Einwohner zählende Inselstaat São Tomé und Príncipe begünstigt. Um von den Spenden zu profitieren, konnten sich Nationen bei der ICF bewerben. „Voraussetzung ist, dass in den Ländern bereits eine eigene Struktur für Kanusport installiert wurde, entsprechende Übungsleiter ausgebildet sind“, sagt Thomas Konietzko. Obwohl São Tomé verhältnismäßig klein ist, sei es ein sehr aktives Kanuland. Sogar paddelnde Olympiateilnehmer kommen von dort. 2016 in Rio, als Sebastian Brendel zum zweiten Mal bei Sommerspielen den Canadier-Einer über 1000 Meter gewann, trat Buly Da Conceicao Triste aus São Tomé und Príncipe ebenfalls in dieser Disziplin an. Knapp fünf Minuten benötigte der afrikanische Starter, rund eine Minute mehr als Sebastian Brendel. Er schied damit vorzeitig aus. Aber immerhin: Buly Da Conceicao Triste war dabei, ganz im Sinne des olympischen Geistes.

Canadier-Ikone Brendel findet es gut, dass ausrangierte Boote an Entwicklungsländer weitergereicht werden. „Super, wenn so Starthilfe gegeben wird“, sagt der 31-Jährige. Das passe zum Bestreben des Internationalen Olympischen Komitees, in den jeweiligen Sportarten breit aufgestellt zu sein, möglichst über den kompletten Globus. Kanusport ist vor allem eine europäische Domäne. Australien, Neuseeland, Kanada und zuletzt sehr aufstrebend Brasilien mischen auch in der Spitze mit. Durch das Boot-Spendenprogramm sollen noch mehr Länder mit ins Boot geholt werden. Neben São Tomé und Príncipe erhielten auch Ghana und die Dominikanische Republik bereits Lieferungen. Demnächst sind Guinea und Senegal, wo 2022 Olympische Jugendspiele ausgetragen werden, dran. „Das soll zu einem andauernden Projekt werden“, kündigt Thomas Konietzko an. „Der Bedarf ist da. In vielen Ländern gibt es den Willen, was zu bewegen, aber es fehlen die Mittel, um das Material zu besorgen.“

Potsdams Kanu-Fuhrpark dank Sponsorenunterstützung

Auch in Potsdam wissen sie um die Herausforderung, sich einen Kanu-Fuhrpark zu schaffen und zu bewahren. Am Standort des Bundes- und Landesstützpunkts sowie des KCP sind zwischen 150 und 200 Boote im Einsatz, schätzt Coach Ralph Welke. „Von Einern bis Achtern, von DDR-Booten bis zum neuesten Stand ist alles dabei.“ Um als Verein neue Gefährte zu besorgen, sei die Hilfe durch Sponsoren entscheidet, sagt Torsten Gutsche. „Zwischen 800 und 1500 Euro kostet ein vernünftiges Boot für die Jugend. Das ist wirklich nicht ohne.“ Top-Athleten lassen sich dank persönlicher Förderer auch individuell passende Boote der höchsten Güteklasse fertigen. Der Preis liege dann schnell bei bis zu 5000 Euro, erzählt Sebastian Brendel, der Doppel-Junioren-Weltmeister von 2005.

Inzwischen fährt Sebastian Brendel individuell für ihn angefertigte Boote, die bis zu 5000 Euro kosten. Foto: Ralf Hirschberger/dpa Vergrößern
Inzwischen fährt Sebastian Brendel individuell für ihn angefertigte Boote, die bis zu 5000 Euro kosten. © Ralf Hirschberger/dpa

Jene goldenen Anfangsmomente seiner Laufbahn sind jetzt auf São Tomé und Príncipe gegenwärtig. Carlos Horta, ein Einwohner, hatte im „Welt“-Reisebericht lachend gesagt, dass man dort Angela Merkel, Bayern München und Borussia Dortmund aus dem fernen Deutschland kenne. Womöglich wird auch Sebastian Brendel noch zu einer deutschen Bekanntheit nahe des Äquators im Golf von Guinea.

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