Gisela Liedemann (3.v.r) traf mit Turbine im Oktober 1975 daheim auf Chemie Leipzig. 2000 Zuschauer sahen im Thälmann-Stadion ein 4:2 für Potsdam. Foto: Verein
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45 Jahre Turbine Potsdam Einst in der Abwehr, jetzt im Kassenhäuschen

Rainer Hennies

Giesela Liedemann ist eine Turbine-Fußballerin der ersten Stunde und auch heute noch eng mit dem Potsdamer Verein verbunden. Dafür nimmt sie auch gerne in Kauf, von Turbine-Heimspielen stets nur die zweite Halbzeit sehen zu können.

Die Rückennummer 4 stand einst auf ihrem Turbine-Trikot. Von Beginn an, denn Giesela Liedemann ist eine Spielerin der ersten Stunde. Eine zuverlässige Linksverteidigerin wurde aus der Hobbykickerin im Frauenfußball-Team von Bernd Schröder. An das erste Training kann sie sich noch genauso gut erinnern wie ans erste Spiel und alles, was dann folgen sollte. In der Zeitung hatte die damals 23-jährige Kindergärtnerin, bis dato eine passionierte Leichtathletin, von der Teamgründung gelesen und war zum Training in die Halle des heutigen Helmholtz-Gymnasiums gekommen.

Auch heute noch ist die mittlerweile 68-jährige Caputherin für Turbine tätig. Sie sitzt bei jedem Heimspiel ehrenamtlich im Karl-Liebknecht-Stadion und verkauft im Häuschen von Kasse 1 Eintrittskarten, kann deshalb erst in der zweiten Halbzeit das Geschehen auf dem Rasen verfolgen. „Vor vielen Jahren wurde ich von den Lessig-Zwillingen Iris und Sylvia, ebenfalls Spielerinnen der ersten Stunde, die lange kassiert haben, angesprochen, ob ich aushelfen könne. Ich habe das getan und Spaß daran gefunden. Deswegen mache ich das auch heute noch gerne. Man sieht dabei immer wieder bekannte Gesichter von früher“, erzählt Giesela Liedemann. „Das ist einfach alte Verbundenheit zum Verein.“

Autoreifen hinterherziehen und Huckepack den Hügel hoch

Apropos Lessig-Zwillinge: Mit denen hatte der junge Ingenieur Schröder sogar Mathematik und Physik gepaukt, damit die Mutter ihr Einverständnis gab, dass ihre beiden 16-jährigen Mädels weiterhin kicken dürfen. Schröder wollte die talentierten Mädels einfach nicht verlieren. Die Zwillinge waren – vom Vater motiviert – damals zum ersten Training erschienen. Dafür hatten sie zunächst ungern die Tennisschläger beiseitegelegt. Allmählich wuchs die Begeisterung für den Fußball. Die Lessigs wurden unverzichtbar. Libera Iris, so Giesela Liedemann, „war später auch Schiedsrichterbetreuerin“.

Von ihrer Zeit als Aktive schwärmt die damalige Nummer 4 noch heute. Gerade der starke Zusammenhalt der Mannschaft sowie das Reisen zu Spielen und Turnieren in andere Länder sind ihr in positiver Erinnerung. „Einen Ball haben wir beim Training allerdings lange nicht gesehen.“ Physische Fitness sei von Anfang an wichtig gewesen. „Oft haben wir Autoreifen hinter uns hergezogen. Und im Wald mussten wir jeweils eine Spielerin auf den Rücken nehmen und sind die Hügel hinaufgelaufen.“ Dreimal Training pro Woche. Ein leicht vergilbtes Millimeterpapier in Giesela Liedemanns Fotoalbum belegt den Ehrgeiz. Mit einer Leistungskurve hatte Schröder darauf die Sprintzeiten der Kindergärtnerin grafisch festgehalten.

Wenn zusammen mit Bernd Schröder gesungen wird

„Der Trainer wollte etwas erreichen“, erzählt Liedemann. Auch die heute gerne thematisierte Charakterfrage sei damals schon von Bedeutung gewesen. „Wenn wir zu hoch in Führung waren, hat Herr Schröder auch mal drei, vier Spielerinnen aus der Partie genommen. Wir sollten nicht überheblich werden.“ Der Trainer habe viel unternommen, um auf den Frauenfußball aufmerksam zu machen. „Wir sind oft auf Stadtfesten, Mai-Feiern und Vereinsfesten aufgetreten.“ Für die persönlichen Belange der Frauen habe sich der Trainer trotz allen autoritären Stils immer eingesetzt. Und man habe zusammen auch Lieder wie „Der Hauptmann kam geritten, auf einem Ziegenbock“ gesungen. Text und Melodie kennt Giesela Liedemann noch heute. Zum Beweis singt sie aus voller Kehle vor. 

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