Noch immer sportlich unterwegs. Manfred Kruczek gehörte zu den Pionieren des Triathlonsports in der DDR und kämpfte gegen die Widrigkeiten des Systems. Später wurde er unter anderem Stadtverordneter in Potsdam. Foto: Thomas Purschke
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30 Jahre Mauerfall Als der Triathlon noch Ausdauerdreikampf hieß

Thomas Purschke

Der Potsdamer Manfred Kruczek und der „Ausdauerdreikampf“ in der DDR.

Im April 1989 fand der Potsdamer Manfred Kruczek einen Brief aus Bonn in seinem Briefkasten. Als der Breitensportler ihn öffnete, stellte er überraschend und voller Freude fest, dass der Brief eine Einladung zum 1. Bonn-Marathon am 10. Juni 1989 enthielt. Bonn, damals Hauptstadt der Bundesrepublik, hatte erst 1988 mit der DDR-Bezirkshauptstadt Potsdam eine deutsch-deutsche Städtepartnerschaft unterzeichnet. Dennoch gab es ein Problem: Die Grenze zwischen Ost und West. Wenige Wochen zuvor, am 5. Februar 1989, war auf der Ostberliner Seite der 20-jährige Chris Gueffroy von DDR-Grenzsoldaten erschossen worden.

Kruczek, parteilos und als Mitglied der „Katholischen Peter und Paul-Gemeinde“ in den ökumenischen Friedenskreisen unter zumeist evangelischen Kirchendächern aktiv, fragte bei der zuständigen SED-Stadträtin für „Internationale Beziehungen“, Ute Röthling, nach, ob sie diese Reise befürwortet. „Sie fand schon das Anliegen anmaßend und lehnte es schroff mit der Begründung ab, dass Bonn ja westliches Ausland sei und eine solche Reise zudem Devisen kosten würde“, erinnert sich Kruczek. Jedoch hatten die rührigen Bonner Organisatoren ausdrücklich in ihrem Schreiben mitgeteilt, dass sie die Übernachtungs- und Startkosten übernehmen. Lediglich laufen müsse der Sportfreund aus der DDR selbst, hatten die Bonner mit lustiger Note in ihrem Brief an Kruczek angemerkt.

Manfred Kruczek, 1950 bei Jüterbog geboren, hatte schon immer ein Faible für den Breitensport. 1984 lief er seinen ersten Marathon, der durch Ostberlin führte, den sogenannten „Friedenslauf“. 1986 wurde der Diplomwirtschaftler aus der Staatlichen Finanzrevision herausgelöst, weil er seinen Freund Alexander Richter unterstützt hatte, der wegen politischen Widerstands gegen das SED-Regime in Stasi-Haft saß. Er wechselte daraufhin als Revisor zum VEB Wohnungsbaukombinat (WBK) Potsdam und schloss sich der Betriebssportgemeinschaft „BSG WBK Potsdam“ an. Die Stasi hatte Kruczek unter dem Überwachungsvorgang „Transit“ seit 1979 im Visier. Später wurde die Operative Personenkontrolle „OPK Läufer“ daraus. Kruczeks klares Motto lautete: „Widerstand in Diktaturen ist der Selbstversuch, die eigene Würde zu bewahren.“

Er gründete innerhalb der BSG mit Sportkameraden die kleine Sektion „Ausdauer/Triathlon“ und agierte als ehrenamtlicher Übungs- und Sektionsleiter. Die weltweit immer populärer werdende Sportart Triathlon aus dem Westen, angelehnt an den Ironman-Wettkampf auf Hawaii, fand auch im Ostblock immer mehr Anhänger. Um das Jahr 1983 soll es in der DDR erste Triathlonwettkämpfe gegeben haben.

Begeisterung für A3K

Kruczek erinnert sich noch gut an den Westberliner Triathleten und Freund Peter Kernbach, der ihnen damals bei seinen Besuchen in der „Zone“ Fotos vom Ironman auf Hawaii zeigte, was für große Begeisterung sorgte. „Es gab in der DDR in den Achtzigerjahren sogar die unabhängige Interessengemeinschaft Triathlon in Borthen bei Dresden, da der DDR-Sportbund (DTSB) die Aufnahme und Förderung der Disziplin Triathlon prinzipiell ablehnte.“ Der westlich geprägte Begriff „Triathlon“ wurde vom Sportapparat teils ignoriert, meist hieß es deshalb Ausdauerdreikampf, kurz A3K. Seit 1986 gab es in Potsdam den Brauhausberg-Triathlon. Es galt dabei, in der Schwimmhalle 1500 Meter zurückzulegen, dann ging es auf einen 60-Kilometer-Rundkurs mit dem Rad, sowie auf die 15 Kilometer lange Laufstrecke im Wald.

Kruczek fallen in der Rückschau viele Begebenheiten ein: „Es war meist nicht so einfach, für die Organisatoren von Triathlon-Veranstaltungen in der DDR die Logistik hinzukriegen. Detaillierte Ergebnislisten gab es oftmals erst Wochen später.“ Gerne erinnert er sich an Wettkämpfe wie den Hennigsdorfer Triathlon in Oranienburg oder auch den in Dierhagen an der Ostseeküste. Das war der „Bodden-Dreikampf“, den Kruczek Anfang September 1989 absolvierte. „Es waren ziemlich widrige Bedingungen. Wir sind bei heftigem Sturm in Ufernähe teils geschwommen, teils aber auch über Sandbänke gelaufen.“ Anschließend sei man mit dem Rad auf öffentlichen Straßen gefahren – bei heftigem Urlauber-Rückreiseverkehr und Dauerregen, mit der Kunstlederkappe als Kopfschutz. „Zudem war es für uns Hobbyathleten ziemlich schwierig, an Rennräder in der DDR heranzukommen. Viele mussten mit uralten, klapprigen Rädern starten“, erinnert er sich. Einmal habe es im Sporthaus in der Ostberliner Karl-Marx-Allee Mavic-Felgen als Westimport gegeben: „Die haben wir dann als Tauschobjekt gegen Schlauchreifen aus Thüringen eingesetzt.“ Die DDR-Laufschuhe hätten außerdem kaum Dämpfung geboten.

Unvergessliche Momente

Kruczek beteiligte sich im Herbst 1989 aktiv an der Friedlichen Revolution in seiner Heimatstadt Potsdam und wirkte auch an der Besetzung der Stasi-Bezirksverwaltung als Mitbegründer des Bürgerkomitees sowie an der folgenden Aufarbeitung der politischen Verbrechen der DDR mit. Der Mauerfall und die damit verbundene, wiedererlangte Freiheit sorgte bei ihm, seiner Frau Bärbel und seinem Sohn Sebastian für unvergessliche Momente. So auch beim Berliner Neujahrslauf am ersten Tag des Jahres 1990, der durch das zuvor mehr als 28 Jahre streng abgeriegelte und bewachte Brandenburger Tor führte. Kruczek hatte ein Schild dabei, worauf stand: „WBK Potsdam grüßt alle deutschen Triathleten“.

Den ersten gesamtdeutschen Triathlon absolvierte Kruczek dann im März 1990, zusammen mit den Sportfreunden aus Westberlin. „Zum Glück war es für die Jahreszeit ziemlich warm, fast 20 Grad. Auf der Radstrecke sollte am Umkehrpunkt bei Kilometer 20 die Nationale Volksarmee den Athleten den Weg weisen. Doch die Genossen lagen im Straßengraben und verschliefen die Spitzengruppe, sodass das Rennen neutralisiert werden musste“, erinnert sich Kruczek schmunzelnd. Vieles wurde zu DDR-Zeiten mittels privatem Engagement weniger Enthusiasten organisiert.

Am 9. September 1990 gab es für ihn einen weiteren gesamtdeutschen Wettbewerb, den „Spandau-Triathlon“ mit Start in Potsdam. „Als Entschädigung für den damals unerreichbaren Bonn-Marathon im Jahr 1989“ konnte er dann im September 1990 den historischen Berlin-Marathon bestreiten, der erstmalig durch das Brandenburger Tor führte. Die BruttoLauf-Endzeit betrug respektable „drei Stunden und 17 Sekunden, was wohl auch daran lag, dass ich im aufregenden Revolutionsjahr ganze sieben Kilo mühelos abgenommen hatte“.

Aufblühen nach dem Mauerblümchendasein

Im Herbst 1990 baute er als „Sportbeauftragter“ im Brandenburger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport diesen Bereich mit auf und wirkte bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2016 als Breitensportreferent des Landes. Dabei engagierte er sich besonders für die Unterstützung kleiner Vereine, den Kita-, Frauen- und Senioren-Sport sowie verschiedene Sportveranstaltungen im ländlichen Raum, die in der DDR meist ein Mauerblümchendasein fristeten. Als besondere Perle der brandenburgischen Sportlandschaft entwickelte er mit der Sportjugend das Projekt der Schülerwandertage, das bisher über 30 000 Schülern aus Brandenburg und Berlin auf dem Fläming-Skate-Areal bei Jüterbog diese dynamische Fortbewegungsart auf den Inline-Rollen vermittelte.

Als Potsdamer Stadtverordneter für das Neue Forum brachte er sich von 1990 bis 2003 für viele Projekte ein, wie etwa für eine zweckmäßige Nachnutzung des Bundesgartenschau-Geländes, heeute Volkspark, und scheute sich nicht vor den direkten Auseinandersetzungen mit dem Beharrungsvermögen vieler SED- und Stasi-Altkader.

Bis heute ist er täglich mit Leidenschaft auf dem Rad oder den Inline-Skates und im Winter auf den Langlaufskiern zwischen dem Thüringer Wald und den Alpen unterwegs. Seit 2005 ist er als Vorstand des „Forums zur kritischen Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte im Land Brandenburg“ aktiv. Dabei setzte er mit seinem Forum im Jahr 2009 die Schaffung einer Mauer-Gedenkstätte am Potsdamer Griebnitzseeufer durch – an der Stelle mit den letzten dort erhaltenen stummen Beton-Zeitzeugen der SED-Diktatur. Alljährlich findet dort am 13. August und 9. November die Forum-Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer von Mauer und deutscher Teilung in Kooperation mit der Landesbeauftragten für die Opfer kommunistischer Diktaturen statt. Dieses Jahr erstmalig mit zwei Schulklassen aus Berlin und Potsdam (PNN berichteten).

Besonders viel Freude bereiten ihm im Unruhestand seine Enkel Theo und Carlo, die im Handball- und Fußball-Verein aktiv sind. Beim kürzlichen Berliner Mauerweglauf am 17. August über 160 Kilometer halfen sie Opa und Oma am Verpflegungspunkt am Griebnitzsee, an dem sie gemeinsam als Freiwillige die Läufer aus aller Welt betreuten – und ganz zum Schluss auf einen der wohl eindrucksvollsten Läufer trafen: Er war mit einem Plakat auf seinem Rücken unterwegs. „Stand with Hongkong“ stand darauf.

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