"Gedeckter Tisch" in der Nikolaikirche am Alten Markt. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Zwanglos zueinander finden "Gedeckter Tisch" in der Nikolaikirche

Hella Dittfeld

Am Wochenende hatte die Potsdamer Nikolaikirche zum "Gedeckten Tisch" geladen. Rund 2000 Gäste kamen. Ein Höhepunkt war der Auftritt von Michael Hirte am Sonntag.

Potsdam - Ein offenes Haus für alle, „für Jung und Alt, für Arm und Reich, krank oder gesund, einsam oder eingebunden“, so beschreibt die Nikolaigemeinde den „Gedeckten Tisch“. Am Wochenende fand die Aktion zum siebten Mal statt. Zum ersten Mal aber nehmen sich in diesem Jahr die etwa 200 Helfer an zwei Tagen Zeit, um ihre Gäste zu bewirten. Diesmal servieren sie am Samstag und Sonntag am Rande des Kirchenraums Essen und Getränke, laden zu Gesprächen und Beratung ein. Im Innenraum wird der Musik gelauscht. Da spielt ein Damentrio Tango, die Potsdamer Klinikclowns treten auf und das Kindermusiktheater Buntspecht lockt. Es gibt Bläsermusik, Gospelsongs und natürlich Orgelmusik und auch das Polizeiorchester darf nicht fehlen.

Ein Höhepunkt ist am Sonntag der Auftritt von Michael Hirte mit seiner Mundharmonika, der kostenlos aufspielt und das Publikum in der rappelvollen Kirche begeistert.

Sich gegenseitig wahrnehmen

Am Eingang zur Kirche steht Ariane Zibell, die von ihrem Mann galant als die „Mutter des gedeckten Tisches“ vorgestellt wird. Sie hat vor acht Jahren als Gemeindekirchenratsmitglied dieses Kennenlern-Angebot aus der Taufe gehoben und ist noch immer wichtige Organisatorin des Ganzen. Das Entdecken von Gemeinsamkeiten ist aber auch den beiden Pastoren von St. Nikolai Susanne Weichenhan und Matthias Mieke ein Herzensanliegen. „Uns ist es wichtig“, meint Pfarrer Mieke, „einen Raum zu schaffen, wo Menschen ganz zwanglos zueinander finden können und sich gegenseitig wahrnehmen.“ Dass das klappt, bestätigt der 32-jährige René Schumann, der schon mit anderen Gästen ins Gespräch gekommen ist und gerade einen Dreijährigen Enkel von Oma Siglinde Schwan auf dem Schoß hat. Siglinde fühlt sich ebenfalls sehr wohl am gedeckten Tisch und verkündet stolz, dass sie summa summarum acht Kinder und 18 Enkel habe. Sie ist der Kirche stärker verbunden, seit ihr Mann gestorben ist.

Pastorin Weichenhan verweist auch auf die Gespräche im Raum der Stille, wo die vom Leben Gebeutelten ihre Sorgen und Nöte einfach mal aussprechen können und Erleichterung finden. „Es ist ja nicht nur der Mangel an Geld oder Obdachlosigkeit, die Menschen bedrückt. Manchen sieht man es überhaupt nicht an, dass sie aus der Kurve getragen wurden“, meint Weichenhan. Aber auch die brauchten Zuwendung. Dazu gibt es ganz praktische Angebote von der Rechtsberatung über das Kleider- und Schuhsortiment für Kinder bis zum kostenlosen Friseurtermin im Keller der Kirche. Zum Haareschneiden ist der mobile Stylist Robert Socke angetreten und am Sonntag berichtet er, dass er gestern 50 Kunden gehabt habe. Eine perfekt gestylte Kundin verlässt gerade den improvisierten Salon. „Hier schneiden wir nur Haare“, sagt der Friseurmeister, der von Zeit zu Zeit Helfer hat. „Sonst würden wir den Andrang gar nicht schaffen.“

Großes Angebot für Kinder

Auch in der Kleider- und Spielzeugkammer ist jede Menge los. Man habe sich in den letzten zwei Jahren auf ein Angebot für Kinder spezialisiert. „Sonst würden wir überhaupt nicht mehr durchsehen“, sagt Viola Gölitz, die das Angebot der Kleiderkammer betreut und die Spenden vor den Tagen der offenen Tür sorgfältig sortiert. Sie bekommt große Unterstützung durch ihren Mann Hartmut, der wiederum Schatzmeister des Lionsclubs Potsdam-Sanssouci ist und jedes Jahr für eine kräftige Spende sorgt, mit der auch neue Sachen gekauft werden können, wenn es an bestimmten Sortimenten mangelt. Linda, eine junge Mutter aus Potsdam, hat vier Kinder und sucht gerade für das Jüngste Schuhe aus.

Eigentlich war der Samstag der Tag der Kinder, an dem auch ein Pony seinen Auftritt hatte und sogar durch die Kirche klappern durfte. Das Tier mit dem schlichten Namen „Pony 13“ ist ganz braves Tier und wird von Hinrika Höges aus Nudow für Therapien eingesetzt. Doch auch am Sonntag gibt es genug Abwechslung. So flicht zum Beispiel Jaqueline Mafto aus Kamerun einem Mädchen viele lange dünne Zöpfe. Und zu Naschen gibt es auch noch jede Menge.

Christiane Standke beaufsichtigt das Essenangebot und kann nicht nur über Selbstgebackenes, sondern auch über viele Spenden von Potsdamer Fleischern und Bäckern verfügen. „Was nicht alle wird“, sagt sie, „das geht an die Potsdamer Tafel und andere soziale Einrichtungen.“ Man sei gut aufgestellt, habe viele Sponsoren und lerne immer wieder dazu. Ansonsten aber beginne nach dem gedeckten Tisch schon wieder die Arbeit für den nächsten.

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