Unbeschwert. Hans-Rüdiger Karutz (M.) im Sommer 1944 im Strandbad Luftschiffhafen. Foto: privat
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Zeitzeuge erinnert sich an die Nacht von Potsdam Unsere Mutter hält uns fest. Ringsum Stille

Hans-Rüdiger Karutz

Hans-Rüdiger Karutz, geboren 1941, berichtet von seinen Erinnerungen als Kind in Potsdam. Er erlebte die Bombardierung in einem Lagerkeller.

Wir, meine Schwester Diethild, damals knapp sechs Jahre alt, und ich, hatten nachmittags lange gespielt. Wir durften sonnabends ein bisschen länger aufbleiben. Ich sehe noch den schwarzgelackten „Volksempfänger“ stehen, dort, wo Weihnachten der Tannenbaum auf uns wartete. Im Radio fast jeden Abend die Durchsagen einer hohlen Männerstimme: „Feindliche Verbände im Anflug auf die Reichshauptstadt.“ Meine Mutter ließ uns „in den Sachen“ schlafen. „Lasst alles an“, sagte sie – damit es mit dem Gang in den Keller schneller ginge. Auch diesmal schien alles Routine. Wir hockten, in Decken gewickelt, bei meiner Mutter und beiden Großeltern im normalen Lagerkeller im Haus an der Ecke Spandauer Straße/Alexandrinenstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße, Ecke Helene-Lange-Straße, d. Red.).

Gegen 22.15 Uhr lärmten die Sirenen. Von „Luftschutz“ ringsum keine Spur. Vielleicht irgendwo in der Ecke ein Haufen Sand. Mein Großvater Carl Zschiesche ist sehr ernst. Das seit Jahren vertraute Motoren-Gedröhn ebbt diesmal nicht ab. „Die meinen uns“, flüstert er. Die ersten Detonationen – aber spürbar nicht in unserer Ecke. Gott sei Dank. Aber die leichten Kellerwände schwanken wie Schiffswände. Plötzlich eine Riesendetonation – eine Mörtelwolke stäubt uns alle ein. „Lieber Gott, lieber Gott“, ruft jemand – ein ungeheurer Krach, eine Riesenfaust schüttelt das Haus: Drüben an der Behlertstraße zerreißt eine Luftmine die komplette Klinik, die dort stand (hinter dem heutigen Eisenhart-Denkmal, d. Red.) – aber davon hören wir erst später.

Ein Teppich aus Glas

Unsere Mutter beugt sich über uns, hält uns ganz fest und streichelt uns. Ringsum Stille. Ich erinnere mich nicht daran, Angst bekommen zu haben. 20 Minuten zerrinnen. Das Motoren-Gedröhn schwächt sich endlich ab. Die Erwachsenen wagen sich nach oben, wir vorsichtig hinterher. Auf dem kleinen Vorhof knirscht ein Teppich aus Glasscherben unter unseren Schuhen.

Fern hinter dem Nauener Tor ist eine Flammenwand zu sehen. Aus Richtung Behlertstraße ertönen Schreie. Aus Angst vor weiteren Angriffen gehen wir in den nächsten Tagen jede Nacht in den Luftschutzkeller im heutigen Einstein-Gymnasium.

Unser Großvater unterrichtete dort vor dem Krieg im Real-Gymnasium, dem heutigen Einstein-Gymnasium, die Kronprinzen-Söhne in Sport. Als die Rote Armee schließlich Ende April in Potsdam einmarschiert, sitzen wir an der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße im Keller: „Die Mongolen kommen“, ruft jemand. Verwegen aussehende Soldaten tasten sich vorsichtig in den Keller, fuchteln mit ihren Kalaschnikows. Aber alles bleibt friedlich.

Wir Potsdamer Kinder mittendrin

Bei den Kämpfen um Potsdam riskierte mein Großvater sein Leben, als er fanatisierte Hitlerjungen, die von unserem Balkon aus auf Rotarmisten schießen wollten, mit enormer Lautstärke wegschickte: „Aber schnell, schnell, los, los!“ Vor so viel preußischer Entschlossenheit zogen die Jungs mit ihren Panzerfäusten schnell weiter. Meine Großmutter war bei Verwandten in Bornim und wurde auf dem Rückweg nach Potsdam von russischen Tieffliegern beschossen. Sie rettete sich im letzten Moment in ein Haus.

Unser Hauswirt, Herr Wiggert, kam eines Tages nicht mehr wieder: Er weigerte sich, einem Rotarmisten sein Fahrrad herzugeben. Der Soldat erschoss ihn daraufhin kurzerhand. Ein Leben zählte in dieser Zeit nicht viel. Es war eine wilde, bewegte Zeit – und wir Potsdamer Kinder mittendrin.

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