Sigurd Rink. Foto: Militärseelsorge
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Widerstand vom 20. Juli 1944 „Garnisonkirche als Versöhnungszeichen wichtig“

Philipp Beng Corinna Buschow

Der Militärbischof der Evangelischen Kirche, Sigurd Rink, spricht im Interview über den Widerstand vom 20. Juli 1944 und verteidigt den Wiederaufbau der Garnisonkirche.

Am heutigen Montag gedenkt die Bundesregierung der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944. Der Militärbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Sigurd Rink, sagt über die Männer des 20. Juli, ihr Widerstand sei eine Gründungsnarration der Bundeswehr. Zur Erinnerung an ihr Handeln und als Zeichen der Versöhnung verteidigt er zudem den geplanten Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche.

Das gescheiterte Hitler-Attentat jährt sich am 20. Juli zum 71. Mal. Welche Bedeutung hat es für Sie?

Für mich ist es sehr wichtig. Das Attentat ist ein Beispiel für eine Form des Widerstandes, in der Menschen es geschafft haben, ihrer inneren Führung, ihrem Gewissen zu folgen. Der Widerstand vom 20. Juli ist eine der Gründungsnarrationen, auf denen die demokratisch fundierte und dem Prinzip der inneren Führung verpflichtete Bundeswehr aufbaut.

Wie passen der militärische Widerstand des 20. Juli und Dietrich Bonhoeffer, der in der Erinnerung der Evangelischen Kirche eine viel größere Rolle spielt, zusammen?

Es lässt sich durchaus sagen, dass in der Widerstandsbewegung des 20. Juli Christen eine wichtige Rolle gespielt haben. Zuerst wird Dietrich Bonhoeffer immer wieder als „Seelsorger“ der Widerstandsgruppe um Admiral Canaris, Hans Oster und Hans von Dohnanyi genannt. Bonhoeffer war der Meinung, dass Gewalt bei der Beseitigung des Führers durchaus erlaubt sei. Seine Ethik kennt das Handeln in schier auswegloser Situation. Gespräche Bonhoeffers gab es beispielsweise mit Hans von Dohnanyi, das ist durch spätere Aufzeichnungen bekannt.

Ein Ort für Diskussionen um friedens- und militärethische Fragen soll die Garnisonkirche in Potsdam werden, Sie sitzen im Kuratorium für den Wiederaufbau. Das Projekt ist umstritten – zurecht?

Wir bauen da nicht irgendeine schöne, neue Kirche auf, die dann funktioniert wie eine normale Gemeinde. Wir erfinden einen neuen Ort der Versöhnungskultur, ein Friedenszentrum. Ich glaube auch nicht, dass die lokalen Widerstände in Potsdam daher rühren, dass dieses Konzept nicht geteilt wird. Meine Vermutung ist, dass das damit zu tun hat, dass der unrühmliche Tag von Potsdam 1933 mit dem Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg zufällig vor der Kirche stattgefunden hat. Es bleibt eine historische Tatsache, dass das so war. Umso wichtiger aber, ein Versöhnungszeichen zu setzen! Die Garnisonkirche ist vor dem Hintergrund ihrer langen Geschichte ein Symbol für christliches Wirken, für Frieden, für Verständigung. Ich denke auch, dass man heute anders über den Wiederaufbau denken würde, hätte der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht nicht den noch bestehenden Turm wegsprengen lassen.

Viele Kritiker bemängeln nicht die Konzeption der Kirche. Sie stört, dass die Gelder, die dort hineinfließen, nicht in kleinere, sanierungsbedürftige Dorfkirchen in Brandenburg gesteckt werden.

Zwischen dem Aufbau der Garnisonkirche und der Förderung von brandenburgischen und sachsen-anhaltinischen Dorfkirchen besteht keinerlei Zusammenhang. Der Aufbau geht nicht zulasten der Sanierung von Dorfkirchen. Zudem glaube ich, das ist nicht wirklich eine Alternative, sondern besser eine Art Win-win-Situation. In dem Moment, wo ein Kirchbau beworben wird, sagt man sich: Und was ist mit unserer Kirche vor Ort? Da muss ich doch auch was machen. Die Arbeit der Stiftung hat einen klar definierten Zweck. Wie bei allen Stiftungen müssen die satzungsgemäßen Stiftungsziele erfüllt werden. Die lassen sich nicht einfach ändern.

Sie sind also optimistisch. Dann geben Sie doch mal eine Prognose ab: Wann wird die neue Garnisonkirche eröffnet?

In der Kirche leben wir aus der Hoffnung. Mein Wunsch wäre natürlich, dass mit dem Bau während meiner sechsjährigen Amtszeit als hauptamtlicher Militärbischof begonnen werden kann.

Das Gespräch führten Philipp Beng und Corinna Buschow (epd)

 

ZUR PERSON: Sigurd Rink, 54, geboren in Frankfurt am Main, ist seit Juli 2014 evangelischer Militärbischof. Zuvor war er Propst und Mitglied der evangelischen Kirchenleitung in Hessen-Nassau.

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