In diesem Jahr kamen rund 50 Teilnehmer zum Anradeln in Potsdam. Foto: Manfred Thomas
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Wenig Teilnehmer Potsdamer radelten an

Bereits zum elften Mal fand in Potsdam das Anradeln statt. Vor allem Familien nutzten die Veranstaltung für einen Ausflug auf zwei Rädern. Allerdings deutlich weniger als 2018.

Potsdam - Ein leichter Wind weht. Und die Sonne wirft warme Strahlen durch den Wolkenflickenteppich auf den Platz vor dem Waschhaus in der Schiffbauergasse, als von dort am Samstag um 14.15 Uhr ein lautes, vielstimmiges „Ring, ring, ring“ ertönt. „Ihr habt aber schöne Klingeln. Da hat sich über die Jahre auch etwas getan“, sagt Moderator Michael Strauß von Radio Teddy. Das „Anklingeln“ ist der traditionelle Startschuss für das Potsdamer Anradeln.

2008 fand das Anradeln zum ersten Mal in Potsdam statt

Und als Tradition könne man es nach nun bereits elf Jahren durchaus bezeichnen, findet Arvid Krenz, von der Verkehrsentwicklung Potsdam. 2008 habe das Anradeln als öffentlichkeitswirksame Aktion im Rahmen der Radverkehrsstrategie erstmals stattgefunden. Die Aktion des Landes Brandenburg wird in Potsdam von Mitarbeitern der Landeshauptstadt und von freiwilligen Helfern des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) begleitet und inzwischen nicht mehr in Zusammenhang mit der Verkehrsstrategie angeboten, sondern im Rahmen der städtischen Kampagne „Besser mobil. Besser leben“.

Die Stadt hat die Routen, für die sich die Anradler am Samstag entscheiden konnten, in Kooperation mit dem ADFC erarbeitet. Die Familienroute führte mit sieben Kilometern Strecke unter der Glienicker Brücke hindurch, durch den Neuen Garten, quer durch die Alexandrowka und schließlich über die Georg-Hermann-Allee bis hin zur Biosphäre. Die Route für Fortgeschrittene führte mit 14 Kilometern über die Glienicker Brücke durch den Park Babelsberg, über die Lange Brücke und entlang Hegelallee, Pappelallee und Kirschallee, durch den Volkspark bis zur Biosphäre.

Deutlich weniger Teilnehmer als im Vorjahr

„Vor elf Jahren waren nur knapp 30 Radler dabei“, erinnerte sich Krenz. Die Teilnehmerzahl hatte sich in den vergangenen Jahren bis auf 150 im Jahr 2018 gesteigert. Am Samstag haben sich etwa 50 Radfahrer versammelt, darunter viele Kinder. Also deutlich weniger als im Vorjahr.

Luise Meißner, die mit ihren beiden Kindern Tobias, 10, und Linda, 5, an der Aktion teilnimmt, stört das nicht. „Das ist eine schöne Aktion“, sagte die pharmazeutisch-kaufmännische-Angestellte. Die 35-Jährige ist mit Leib und Seele Radlerin – jeden Tag fährt sie von der Waldstadt mit dem Rad zur Arbeit in die Innenstadt und zurück. Ein Weg dauere zwar nur 15 Minuten, „aber ich fahre immer. Sommer wie Winter, bei Wind und Wetter.“ Und das seit vier Jahren. Davor sei sie täglich nach Berlin gependelt – mit der Bahn. „Mein Mann macht Schichtdienst, der braucht ein Auto. Aber in der Stadt fahren wir normalerweise Rad.“

„Am wichtigsten sind Achtsamkeit und die Rücksichtnahme im Straßenverkehr"

Eine Einstellung, die Luise Meißner auch ihren Kindern nahebringen wolle. „Am wichtigsten sind Achtsamkeit und die Rücksichtnahme im Straßenverkehr. Das will ich ihnen früh beibringen.“ Und das scheint zu funktionieren, denn die fünfjährige Linda strampelt ohne größere Probleme in der Gruppe der etwa 20 Familienrouten-Fahrer mit. Nur gelegentlich muss die Mutter sie daran erinnern, nicht zu nah an parkende Autos heranzufahren.

„Die Aktion hat einen wichtigen symbolischen Wert. Wir wollen Radfahren fördern und auch Familien ansprechen und somit die Kinder der Stadt so früh wie möglich auf das Rad bringen“, sagt Bernd Rubelt (parteilos), Beigeordneter für Stadtentwicklung, der selbst täglich mit dem Rad zur Arbeit fährt. Wer gut Fahrradfahren könne und das seit den Kindertagen kenne, werde auch später eher aufs Auto verzichten und sich für das Rad entscheiden. 

„Auch wenn das eigentliche Anradeln in diesem Jahr schon etwas her ist“, sagt Rubelt und spielt damit auch auf den späten Startschuss in diesem Jahr an. Das Anradeln orientiert sich an dem Osterwochenende, das in diesem Jahr mit Mitte April relativ spät im Jahr anstand. Die sommerlichen Temperaturen in diesem Frühjahr haben die Potsdamer bereits vor einigen Wochen auf die Räder gelockt.

Potsdams Beigeordneter Bernd Rubelt fuhr mit. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Potsdams Beigeordneter Bernd Rubelt fuhr mit. © Manfred Thomas

„Das Anradeln ist in diesem Jahr sehr spät. Da haben wir viel Konkurrenz“, sagte auch Ulf Hildebrand vom ADFC Potsdam und erklärt damit die geringe Besucherzahl. Am gleichen Tag hat in Berlin das Fahrradfestival Velo-Berlin Fahrradfreunde auf das Tempelhofer Feld geladen und das Baumblütenfest Familien nach Werder (Havel). „Deshalb sind auch weniger Radler als sonst dabei“, sagt der 77-Jährige. Dass daraus ein sinkendes Interesse abzulesen sei, glaubt er nicht. Die wöchentlichen Feierabend-Radfahr-Aktionen des ADFC seien gut besucht.

Die beim Anradeln kostenfrei angebotene Fahrradinspektion und -reparatur wurde in diesem Jahr eher weniger nachgefragt. Ein glücklicher Vater aber, der zuvor bereits vergeblich versucht hatte, die Gangschaltung des Rades seiner fünfjährigen Tochter zu reparieren, freute sich sehr über den neuen Schaltzug, den Norbert Winkelmann mit seiner mobilen Fahrradwerkstatt „RadAmbulanz“ an das Rad der Kleinen anbrachte.

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