Der Hauptbahnhof in Potsdam. Hier der Eingang von der Babelsberger Straße. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Viele Menschen, viele Delikte Verschiedene Ansätze für mehr Sicherheit am Hauptbahnhof

Sandra Calvez

Oberbürgermeister Mike Schubert will sich um mehr Sicherheit am Potsdamer Hauptbahnhof bemühen. In den Bahnhofspassagen werden derweil Maßnahmen geprüft, um das Herumlungern im Gebäude unattraktiver zu machen.

Potsdam - In die Debatte um das Thema Sicherheit am Potsdamer Hauptbahnhof hat sich Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) eingeschaltet. Vor den Stadtverordneten kündigte er jetzt an, im März mit Polizei, Ordnungsamt, Centermanagement und Sozialarbeitern konkrete Maßnahmen erarbeiten zu wollen. Man werde die „gemeinsame Präsenz noch weiter ausbauen“, so Schubert bei der Sitzung am Mittwoch. Das Management der Bahnhofspassagen prüft unterdessen, zeitweilig das kostenlose W-Lan zu deaktivieren und die Zahl der Bänke zu reduzieren.

Gefühlte Unsicherheit

Zwar betont die Polizei immer wieder, es handle sich beim Bahnhof nicht um einen Kriminalitäts- sondern lediglich um einen Kontrollschwerpunkt. Das heißt aber nicht, dass es am und um den Hauptbahnhof nicht immer wieder Gewalttaten gibt. Dazu kommt, dass viele Potsdamer eine gefühlte Zunahme der Bedrohung wahrnehmen. Das zeigen etwa Debatten in den sozialen Netzwerken, auch unter PNN-Artikeln.

Schubert sagte, „dass die Deliktzahlen im Vergleich zu anderen Bereichen der Stadt insbesondere auf den hohen Publikumsverkehr, wie dies in einem Bereich mit Bahnhof, Einkaufscenter und Großkino der Fall ist, zurückzuführen ist“. Durch diese Faktoren „unterscheiden sich die Bahnhofspassagen von jedem anderen Ort in der Stadt“. In der Tat gehen nach Angaben des Centermanagements 60.000 bis 70.000 Menschen täglich durch den Bahnhof oder das Einkaufszentrum. Das sind Reisende, Pendler, Kunden der Geschäfte, Kinobesucher. Aber eben auch Gruppen von Jugendlichen, Wohnungslose und andere, die sich dort aufhalten.

Unterschiedliche Kompetenzen

Die Zahl der Delikte am Hauptbahnhof zu erfassen, ist wegen der Zuständigkeiten nicht ganz einfach. Das ist kein Potsdamer Einzelfall, sondern die Regel an Bahnhöfen. Für die Sicherheit rund um die Gleise, also an den Bahnsteigen und dem Verbindungsgang oben, ist die Bundespolizei zuständig – sie ist bundesweit die „Bahnpolizei“. Für die Bahnhofsvorplätze und den Hauptgang der Bahnhofspassagen mit dem Kino kümmert sich die lokale Polizei, in diesem Fall die Polizeidirektion West. Dazu kommen Kontrollen der Wachmänner der Bahnhofspassagen, die das Hausrecht durchzusetzen.

Laut Matthias Lehmann, Sprecher der Bundespolizei, nimmt diese jährlich etwa 250 Anzeigen in ihrem Bereich des Hauptbahnhofs auf, davon aber nur kleiner Teil Gewaltdelikte. So wurden etwa in den Jahren 2014 bis 2016 je 20 bis 25 Körperverletzungen registriert. „Im Jahr 2017 erfuhr dieses Deliktsfeld eine Steigerung“, so Lehmann, auf 49 Taten. „Im Jahr 2018 nahm die Anzahl der Körperverletzungsdelikte bereits wieder leicht ab“, 45 Taten wurden gezählt. „Bei der großen Mehrheit der Tatverdächtigen handelt es sich um deutsche Staatsangehörige“, betonte der Sprecher. Den größeren Anteil an den aufgenommenen Anzeigen stellen Diebstähle dar, also Laden-, Taschen- oder Fahrraddiebstähle. Lehmann sagte, der Potsamer Hauptbahnhof stelle „keinen kriminalitätsbelasteten Schwerpunkt dar“.

Mehr Polizei

Oliver Bergholz, Sprecher der Polizeidirektion-West nennt keine konkreten Zahlen, erklärte aber am Donnerstag, es sei unbestritten, dass der Hauptbahnhof bei der Konzentration von Diebstahlsdelikten einen Schwerpunkt darstelle. „Tendenziell beobachten wir bei Fahrraddiebstählen und Körperverletzungsdelikten einen Anstieg, wobei wir diese Entwicklung in ganz Potsdam feststellen, nicht nur am Hauptbahnhof“, so Bergholz. Um zu reagieren, habe man seit Mai 2018 die Zahl der Streifen in der Gegend erhöht. Auch gebe es ein eigenes Kriminalitätsbekämpfungskonzept für den Bahnhof und das Umfeld, das auch die Videoüberwachung der Vorplätze mit einbeziehe.

Jana Strohbach, Sprecherin des Managements der Bahnhofspassagen, sagte: „Es hat hier immer schon Vorfälle gegeben.“ Die Zahl der Hausverbote und Platzverweise habe in letzter Zeit zugenommen – allerdings wurden parallel auch die Wachschutzkontrollen verstärkt. Die Zahl der Taten habe nach ihrer Wahrnehmung nicht zugenommen, wohl aber deren Gewaltpotenzial, etwa durch den Einsatz von Messern. „Ich habe den Eindruck, der Umgangston ist härter geworden, die Menschen gehen insgesamt ruppiger miteinander um, aber das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“, so Strohbach. Sie beobachtet aktuell – auch kein neues Phänomen, sondern typisch für die kalte Jahreszeit – oft verschiedene Jugendgruppen, die sich in den Passagen treffen und sich dort aufhalten, gerade im Bereich um das UCI-Kino. „Bei uns ist es warm, schön, gemütlich und es gibt W-Lan.“

Zentral gelegen, trocken und Internet

Diese Sicht bestätigten verschiedene Sozialarbeiter, die auch am Hauptbahnhof unterwegs sind. Der Ort sei „zentral, trocken und habe Internet“, sagte Olaf Caesar von Wildwuchs Streetwork. Viele Orte gebe es nicht, auf die das zutrifft, wenn man kein Geld ausgeben will. Johanna Lütkehölter von Creso, die sich um wohnungslose Erwachsene kümmert, findet noch deutlichere Worte: „Es gibt kaum öffentlichen Raum, wo man sich gerade in der kalten Jahreszeit aufhalten kann, und es werden immer weniger.“ Sie forderte daher eine Wärmestube oder ähnliches im Bahnhof. „Das könnte die Situation entzerren und wäre ein Zugewinn.“

„Wir stellen uns diesen Fragen gerade“, betonte Passagen-Sprecherin Strohbach. Eine Reihe von Maßnahmen werde gerade geprüft. „Wir sind im Abwägungsprozess darüber, ob das W-Lan in bestimmten Zeiten deaktiviert oder die Zahl der Bänke reduziert wird“, so Strohbach. Sie würde das bedauern, denn „damit würden wir 95 Prozent der Menschen bestrafen, die das einfach als guten Service sehen“. Ebenfalls geprüft werde eine weitere Verstärkung der Wachschutzpräsenz im Kinobereich, vor allem am Freitag- und Samstagabend.


Maßnahmen anderer Städte

Kriminalität und Gewalt an Bahnhöfen gibt es in vielen Städten, die ergriffenen Maßnahmen sind unterschiedlich. München hat vor zwei Jahren ein nächtliches Alkoholverbot ausgesprochen – seither ist die Anzahl von Delikten wie Raub, Körperverletzung und Nötigung um 40 Prozent gesunken. Ab Sommer soll das Alkoholverbot ganztägig gelten. Auch gibt es einen kommunalen Außendienst für Präventionsarbeit. Einige Städte bieten auch einen Trinkraum für Suchtkranke, etwa Kiel, Karlsruhe und Kassel. Unter anderem in Berlin, Hamburg und Köln hat die Bundespolizei temporäre Waffenverbotszonen eingerichtet. Zu festgelegten Zeiten werden auch Unverdächtige kontrolliert, ob sie gefährliche Gegenstände wie Messer mitführten. Um Schmuddelecken vorzubeugen, gibt es in Hamburg kostenlose Pissoirs am Bahnhof. Um Schlägereien und andere Vorfälle einzudämmen, können Besucher des Wiener Westbahnhofs mittlerweile nur noch 15 Minuten täglich kostenlos im Internet surfen.

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