Flightright-Gründer Philipp Kadelbach Foto: Andreas Klaer
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Über 250 Millionen Euro erstritten Bei Ärger mit Fluglinien hilft Flightright aus Potsdam

Carsten Holm

Flightright hat schon mehr als 250 Millionen Euro für verspätete Fluggäste erstritten - gegen erheblichen Widerstand der Fluglinien. Vor allem drei Linien stechen dabei hervor.

Potsdam - Es ist der 2. April 2016, ein Samstag, als ein Anruf des österreichischen Gerichtsvollziehers Gerhard G. beim Salzburger Flughafen gegen Mittag für Aufregung sorgt: Er verlange sofortigen Zutritt zum Rollfeld, er müsse eine Maschine der Londoner Thomas-Cook-Airlines pfänden. Die Maschine soll am Abend abheben, mit einem Kuckuck am Rumpf müsste sie am Boden bleiben.

Was am Flughafen außer dem Gerichtsvollzieher wohl niemand weiß: Das Drehbuch für den Krimi um Pfändung und Fliegen in Salzburg wurde in Potsdam geschrieben. Juristen des Fluggastrecht-Portals Flightright in Babelsberg wollen mit dem Kuckuck auf dem Flugzeug die Forderung einer Österreicherin gegen Thomas Cook vollstrecken lassen.

Plumpe Verteidigungsstrategien sind nicht selten

Es war die Zeit, als Thomas Cook, der nach TUI einst zweitgrößte Touristikkonzern Europas, noch am Leben war; vor gut zwei Wochen, in der Nacht zum 23. September, meldete er Insolvenz an. Für Touristen war das Firmengeflecht schon damals schwer überschaubar: Die Österreicherin hatte 2012 bei der deutschen Cook-Tochter Condor ein Ticket von Wien nach Kuba gebucht, Cook-Airlines sollte den Flug durchführen. Wegen eines technischen Problems hob der Jet mit 22-stündiger Verspätung ab, Cook und Condor lehnten den Anspruch von 600 Euro ab – „wegen außergewöhnlicher Umstände“. Die Passagierin bat Flightright um Hilfe.

Solch plumpe Verteidigungsstrategien sind den Potsdamer Experten geläufig, allzu oft wimmeln Airlines berechtigte Forderungen ab. „Manche bekämpfen uns, wo sie können“, sagt Philipp Kadelbach, einer der Gründer des Portals, „sie arbeiten mit einer Zermürbungstaktik gegen Passagiere und uns.“

Für die Babelsberger war der Fall Routine – wenn auch einer der spektakulärsten ihrer jungen Geschichte. Es ist kein zweiter Fall bekannt, in dem ein Passagierjet im Wert von vielleicht 40 oder 50 Millionen Euro gepfändet werden sollte, weil eine Forderung von 600 Euro offenstand. Vier Jahre wartete die Österreicherin auf ihr Geld, Flightright erwirkte einen vollstreckbaren Titel, aber erst als die Pfändung in Salzburg unmittelbar bevorstand, zahlte Thomas Cook prompt. Potsdam hatte gegen London gewonnen.

"Die Lust am Kampf"

Kadelbach fläzt sich im Konferenzraum unter dem Dach der ehemaligen Fischnetzfabrik an der Rudolf-Breitscheid-Straße auf seinem Stuhl. Ein Dreitagebart schmückt das kantige, offene Gesicht, er trägt eine beige Jeans, ein graues T-Shirt und Basecap, es darf sein Haupt auch in Innenräumen nicht verlassen. „Silicon-Valley-Look“, sagt er und grinst. Flightright gehört zu den Potsdamer Unternehmen, die sich mit ein bisschen Sprachwitz zur Gruppe „Silicon Sanssouci“ zusammengeschlossen haben.

Es ist dem 45-Jährigen eine Genugtuung, von Erfolgen wie dem in Wien zu erzählen. Was ihn antreibt? „Die Lust am Kampf“, sagt Kadelbach freundlich, aber sehr bestimmt. Er wirkt zu nett, als dass es einem Angst machen könnte. Gestikulierend gibt er preis, wie es ihn stimuliert, mit Flightright scheinbar machtlose Verbraucher „auf Augenhöhe mit Airlines zu bringen“, es sei eben „der Kampf Davids gegen Goliath“ .

Kadelbach lebt sein zweites berufliches Leben. Im ersten Jurastudium in Berlin, Master in Kapstadt. Forschung darüber, wie die Rechte von Schwarzen gestärkt werden könnten – David gegen Goliath schon damals. Promotion wieder in Berlin, Gründung einer Anwaltskanzlei. „Ich habe da weit mehr verdient als anfangs mit Flightright“, sagt er, „aber ich hatte eine Idee, und ich wollte sie umsetzen.“

Mit dem Falschen angelegt

Die Initialzündung dafür kam, als eine Fluggesellschaft den Juristen 2009 übers Ohr hauen wollte. Für eine fünfstündige Verspätung von Amsterdam nach Berlin, verweigerte sie die Entschädigung. Kadelbach ahnte, dass dies kein Einzelfall war, und kam auf die Idee, ein Online-Unternehmen für Fluggastrechte zu gründen. Ein Jahr später rief er ein neues, bis dahin unbekanntes und inzwischen boomendes Geschäftsfeld ins Leben: Legal Tech, die Lösung juristischer Streitigkeiten mithilfe von Computer-Analysen.

Kadelbach ist Spross einer Berliner Seglerfamilie. Großvater, Vater und Schwester waren Olympiateilnehmer, er selbst brachte es zum deutschen Vizemeister und glitt zweimal unter Wind über den Atlantik. Gemeinsame Momente in kleinen Wasserfahrzeugen schaffen Verbindendes, und so überrascht es nicht, dass er in einer Jolle auf dem Wannsee bei seinem Segelfreund Sven Bode, einem promovierten Wirtschaftsingenieur, für die Idee warb. Drei Tage später sagte Bode: „Machen wir’s.“

Hilfe vom "Business Angel"

Nun musste Geld her. Jeder stellte 5000 Euro bereit und legte im ersten Jahr 25.000 nach. Zum Glück tauchte ein Freund als „Business Angel“ auf, wie die Start-up-Leute Mitmenschen nennen, die mal eben 150.000 Euro für Anteile locker machen können. Mit demselben Betrag kaufte sich eine IT-Firma ein. Für 800.000 Euro erwarb das Land Brandenburg über seine Investitionsbank ILB aus EU-Mitteln 19 Prozent der Anteile. Als das Start-up den Kredit Anfang 2019 ablöste, machte die ILB großen Reibach. Der Wert der Beteiligung war wegen des Erfolgs spektakulär gestiegen, die ILB strich etliche Millionen Gewinn ein.

Im Frühsommer 2010 begannen die beiden Flightright-Männer ihr Start-up in Henningsdorf (Oberhavel). Grundlage des Geschäftsmodells ist bis heute die Fluggastrechtverordnung 261 /2004 der EU: Bei Verspätungen ab drei Stunden oder Flugausfällen werden pro Person, je nach Flugstrecke, Entschädigungen von 250 bis 600 Euro fällig – egal, ob der Passagier mit Linie, einem Billigflieger oder pauschal unterwegs war. Einzige Bedingung: Die Airline muss ihren Sitz in der EU, in der Schweiz, in Norwegen oder auf Island haben oder in Deutschland gestartet sein. 95 Prozent der betroffenen Passagiere melden ihre Ansprüche nicht an, sie könnten selbst fordern und klagen, aber die meisten tun es nicht.

Drei schwarze Schafe

In einem Drei-Sekunden-Stakkato hämmert Kadelbach die Namen seiner Lieblingsgegner heraus, die der kundenfeindlichen Zahlungsverweigerer: „Ryanair, Vueling, Easyjet, Turkish Airlines.“

Fast immer aber sind diese „schwarzen Schafe“ die Verlierer, wenn die Algorithmen der Wundermaschine von Flightright sie zum Duell herausfordern. Deren Kernstück ist der sogenannte Entschädigungsrechner. Er wird täglich 24 Stunden lang aktualisiert, er saugt aus dem Internet heraus, was bei der Bewertung von Ansprüchen hilft: Infos über Verspätungen, Annullierungen und Streiks. Über das Wetter, die Daten der Flugüberwachung und die neueste Rechtsprechung. Die Babelsberger wissen, was in Europa in der Luft und am Boden passiert. 80 Millionen Datensätze hat das Start-up gespeichert, wer die Homepage anklickt und Flugdaten übermittelt, erfährt in zwei Minuten, ob er Geld bekommen kann. „Die Künstliche Intelligenz sagt den Klageerfolg voraus“, sagt Kadelbach. Sofort schickt der Rechner eine Zahlungsaufforderung an die entsprechende Fluglinie. Für die Kunden ist der Service kostenlos, Flightright zahlt, sobald eine Airline den geforderten Betrag überwiesen hat, und behält rund 30 Prozent Provision. „Mit der Automatisierung haben wir die Anwaltsbranche revolutioniert“, sagt Kadelbach. „Wir stehen für eine neue Art, das Recht zu den Leuten zu bringen.“

Am Anfang ordentlich Geld verbrannt

Der Start-up-Mann spart Tiefpunkte nicht aus. Die schwere Stunde an einem Abend im Jahr 2010 etwa, als er nach dem Essen, sein Laptop vor sich, im Wohnzimmer auf dem Teppich liegt und die neuesten Businesszahlen hoch- und runterscrollt. „Das wird nicht funktionieren“, sagt er danach zu seiner Frau.
Tatsächlich ist die Überlebenschance gering, laut „manager magazin“ scheitern neun von zehn Start-ups. Bis Ende 2012 „haben wir Monat für Monat ordentlich Geld verbrannt“, erzählt Kadelbach. Dass es jeweils Zehntausende waren, dementiert er nicht. Die Airlines zögern Entschädigungen bis zu einem Jahr hinaus. Es ist ein schwerer Schlag für Kadelbach, als Mitgründer Bode die Geschäftsführung im Juli 2012 verlässt. Die Freundschaft leidet, Bode erzählt den PNN von „einem Jahr Funkpause“.

Plötzlich ist der Segler Kadelbach allein wie in einer kleinen Jolle auf dem Meer. Aber er hält Kurs: „Es hat drei Jahre gebraucht, bis ich mir sicher war, dass das Thema fliegt.“ Dann beginnen die Airlines, die Potsdamer zu fürchten und zahlen schneller, Umsätze und Gewinne schießen in den Himmel. Bis heute haben die inzwischen 160 festangestellten Mitarbeiter aus 22 Ländern für Hunderttausende Kunden rund 250 Millionen Euro Entschädigung erstritten.

Die harte Arbeit der Gründerjahre zehrt an Kadelbach. Er schämt sich nicht zu offenbaren, dass er Ende 2014 am Ende war. Von einem Burnout zu sprechen, klingt in den Ohren der Start-up-Menschen uncool, ihre Sprache hält hippes Vokabular bereit. „Ich brauchte einen Digital Detox“, sagt er. Zwei Monate Abtauchen in Südafrika, „vollständiger Verzicht“ auf Laptop und Handy. Es traf sich gut, dass Bode und Kadelbach ihre Freundschaft reanimiert hatten. „Als Philipp nach Südafrika ging, hat er mir Generalvollmacht erteilt“, sagt Bode. Er gründete mit zwei Partnern 2016 den digitalen Rechtsdienstleister Myright, der mehr als 45 000 Diesel-Kunden gegen VW vertritt.

Acht EuGH-Entscheidungen erwirkt

Einen regelrechten Triumph erleben die Potsdamer während der TUIfly-Krise von 2016. Die Fluggesellschaft plant größere Umstrukturierungen, das fliegende Personal meldet sich ebenso massenhaft wie kurzfristig krank. TUIfly verweigert jegliche Entschädigung, die Krankmeldungen seien „außergewöhnliche und nicht vermeidbare Umstände im Sinne von höherer Gewalt“. Kadelbach hält das sofort für Unrecht. „Wir hatten keinen Zweifel, dass Krankheitswellen zu den normalen Betriebsrisiken gehören“, sagt er. Der Europäische Gerichtshof gibt ihm 2018 Recht. Sein Fazit: „Wir sind stolz darauf, dass wir von Potsdam aus acht EuGH-Entscheidungen erwirkt haben.“

Als Air Berlin im August 2017 pleite geht, beginnt für Flightright eine bittere Zeit. Die Potsdamer melden für rund 15.000 Passagiere Ansprüche beim Insolvenzverwalter an. „Bis zur Entscheidung wird es Jahre dauern“, so Kadelbach, „leider ist da kaum et was zu erwarten.“ Das Problem für Flightright, das inzwischen auch Büros in Berlin, Budapest und Kiew unterhält: Air Berlin ist wegen häufiger Verspätungen ein bedeutender Umsatzfaktor. Doch nun gibt es keine Einnahmen, aber Kosten für Gerichtsverfahren. Die Lage ist ernst. „Nach der Insolvenz mussten wir unser Geschäft neu bewerten“, sagt Kadelbach.

Könnten heute die Folgen der Klimadebatte das Geschäft bedrohen, etwa, wenn sich die sogenannte Flugscham ausbreiten sollte und viel weniger Urlauber fliegen würden? „Nein“, sagt Kadelbach, „das würde nicht schlagartig, sondern sukzessive passieren. Wir müssten dann mit unserem Geschäftsmodell reagieren.“

Ein Vermögen gemacht

Auf den Markt schaut Flightright ohnehin wachen Auges. Im Mai 2018 erwarb das Start-up den Nürnberger Mitbewerber Flugrecht, inzwischen gründete es die Tochter Chevalier, laut Kadelbach „Flightright für das Arbeitsrecht“. Der größte Einschnitt aber war Anfang dieses Jahres der Einstieg der Intermedia Vermögensverwaltung bei Flightright, einer Tochtergesellschaft der Medien Union. Sie hält Beteiligungen an großen Zeitungen und erwarb die Mehrheit. Kadelbach und sein Co-Geschäftsführer Sebastian Legler bleiben Gesellschafter. Wie viele Millionen Euro ihm dafür überwiesen wurden, darf und möchte Kadelbach nicht preisgeben. Da sich schon der Mitgründer Sven Bode nach eigenem Bekunden über 3,5 Millionen Euro für seine Anteile von 16 Prozent freute, gehen Branchenkenner gehen davon aus, dass Kadelbach ein Mehrfaches kassierte.

Er ist mit seiner Start-up-Idee ein vermögender Mann geworden. Mit seiner Frau Alexandra, dem vier Jahre alten Sohn und der neun Jahre alten Tochter lebt er in der Nauener Vorstadt in einer alten Stadtvilla. Seine Frau, etliche Jahre die rechte Hand des Potsdamer Modeschöpfers Wolfgang Joop, hat das Domizil so stilsicher eingerichtet, dass das Fachblatt „Schöner Wohnen“ ihm eine große Reportage widmete. Protze wollen die Kadelbachs dennoch nicht sein. „Wir haben uns mit den Kindern eine Reise nach Mauritius gegönnt“, sagt der Gründer, „wir gehen gern gut essen, aber weitere Wünsche haben wir nicht.“ Es sei für ihn „ein beruhigendes Gefühl, dass Ausbildung und Studium unserer Kinder gesichert sind, egal, was noch passiert“.

Nachdenklich wegen Vielfliegerei

Laut „Start-up-Monitor“, einer Umfrage unter Gründern, sind rund 38 Prozent der FDP zugeneigt, 22 Prozent den Grünen und 20 Prozent der CDU/CSU. Der Potsdamer Kadelbach passt kaum in das tradierte Links-Rechts-Schema. Ihn kann man orten, wenn er Haltung zeigt. So dachte er, wie ernsthaft auch immer, vor der Landtagswahl darüber nach, Brandenburg zu verlassen, falls die AfD stärkste Partei werden würde.

Die Klimadebatte hat den Unternehmer, der an der Vielfliegerei verdient, nachdenklich werden lassen. Er sympathisiert mit Fridays for Future, wochenlang ist er mit dem Rad zur Arbeit gefahren. In den nächsten Urlaub, sagt er, könne die Familie durchaus zur Ostseeküste aufbrechen.

Er verschweigt nicht, dass er einen SUV besitzt, und er erzählt, dass man in einem solchen Gefährt in Potsdam schon mal angepöbelt werde. Und dann sagt er, nachdenklich die Hände hinter dem Kopf verschränkt: „Ein bisschen wohl auch zu Recht, oder?“

Ausbau wird geprüft

Wer mit Kadelbach über die Zukunft spricht, spürt, wie es mahlt in seinem Kopf. Er will das Erfolgsmodell von Flightright auf das Mietrecht, das Verkehrsrecht und Pauschalreisen übertragen: „Wir schauen uns alle juristischen Aufgaben an, bei denen Verbraucher gegen Unternehmen auftreten und es zu hohen Stückzahlen kommt. Da kann Legal Tech seine Stärke ausspielen.“

Und es gibt noch etwas, was den Potsdamer beschäftigt: „Die Stadt braucht eine coole Markthalle.“ Plant er, das Projekt, etwa als Bauträger, selbst zu verwirklichen? „Bisher nicht“, sagt der Jurist, „es geht erstmal um einen guten Ort, nicht um mich. Aber der Bassinplatz, der wäre ideal.“

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