Ein Besuch bei den Wettermachern: Meteorologe Ralf Schmidt auf dem Telegrafenberg. Vergrößern
Galerie

Startseite Wettermessung mit Frauenhaar

2 Fotos

Telegrafenberg in Potsdam Wettermessung mit Frauenhaar

Wie in Potsdam das Wetter gemacht wird: Ein Besuch beim Deutschen Wetterdienst auf dem Telegrafenberg.

Potsdam - Es sieht wie ein weißer Taubenschlag aus, was da auf dem Messfeld des Deutschen Wetterdienstes (DWD) steht: Doch hinter den hölzernen Lamellen-Türen, die Ralf Schmidt öffnet, verbergen sich keine Vögel, sondern ein ganzes Arsenal von Messinstrumenten. „Die Tür geht nach Norden auf, sodass nie die Sonne hereinscheinen kann“, erklärt der Meteorologe, der seit 1974 auf dem Telegrafenberg tätig ist. Drei Mal täglich müssen die Apparate in der „Englischen Thermometerhütte“ per Hand abgelesen werden, etwa von einem Thermometer, mit dem die Luftfeuchtigkeit ermittelt wird. „Das muss vor jeder Messung befeuchtet werden“, sagt Schmidt und tunkt das mit Stoff umwickelte Ende des Thermometers in einen wassergefüllten Stutzen.

Es ist ein Blick in die Vergangenheit, denn so wurde auf dem Telegrafenberg bereits vor 100 Jahren das Wetter beobachtet, genau gesagt seit 1893. Damit befindet sich in Potsdam die zweitälteste Wetterwarte Deutschlands, die zu einer von bundesweit zwölf Klimareferenz-Stationen zählt. Natürlich stehen neben den historischen Geräten längst moderne, vollautomatische Messinstrumente, doch die alte Technik messe fast ebenso präzise wie die neue.

Die alten Instrumente werden weiterhin genutzt

Um die „Säkulare Reihe“ nicht zu unterbrechen, eine Messreihe, die seit 1893 besteht und damit enormen Wert für die Klimaforschung hat, werden die alten Instrumente weiterhin genutzt. Deshalb liest Schmidt auch regelmäßig den Haar-Hydrographen ab, der sich ebenfalls in der Thermometer-Hütte befindet: Ähnlich einem Seismographen schreibt hier eine Metallfeder eine Zickzack-Linie auf eine Papier-Rolle und zeigt so den Verlauf der Luftfeuchtigkeit an. Bewegt wird die Feder von einem Haar, das sich je nach Feuchtigkeit ausdehnt oder zusammenzieht. „Das ist ein Frauenhaar“, betont Schmidt. Es sei empfindlicher als Männerhaar. Viel unspektakulärer wirkt dagegen das auf einem zwei Meter hohen Stab befestigte Messinstrument, das alle zehn Minuten Temperatur und Luftfeuchtigkeit vollautomatisch an die Computer des DWD weiterleitet.

So sieht es auf dem ganzen Messfeld aus: Neben jeder historischen Anlage steht das moderne, automatische Pendant. Manche Geräte sind jedoch gänzlich neu, etwa ein mit Laser ausgestatteter Wolkenhöhen-Messer oder der „Niederschlags-Wächter“, eine kleine Kunststoff-Gabel, in der ein Sensor steckt. „Wenn ein Regentropfen durchfällt, wird Niederschlag registriert“, sagt Schmidt. Ganz zuverlässig sei das nicht, denn das Gerät reagiere leider auch, wenn ein Vogel auf ihm sitze und sein Geschäft verrichte. Solche Störungen können den alten Bodenthermometern nicht widerfahren: Sie befinden sich in bis zu zwölf Metern Tiefe, um Bodenfrost zu ermitteln, was für Landwirtschaft und Straßenverkehr enorm wichtige Informationen sind.

Nun geht es auf den 32 Meter hohen Turm des Süring-Hauses, wo Wind und Sonnenscheindauer gemessen werden. Auch hier steht Altes neben Neuem: Während ein elektrisch betriebener Sonnenschein-Messer durch einen Sensor einfallendes Licht registriert, steht daneben eine unscheinbare, geschliffene Glaskugel. Wie ein Brennglas bündelt sie das Licht auf einem dahinter liegenden Papierstreifen – wo er verbrannt ist, hat die Sonne geschienen. „Das ist das älteste Gerät hier oben und das einzige, das täglich per Hand abgelesen werden muss“, sagt Schmidt.

Nur noch 27 besetzte Wetterstationen - und 139 vollautomatische Wetterwarten

Acht Meteorologen sind derzeit auf der Säkularstation in Potsdam tätig. Damit gehört die Einrichtung auf dem Telegrafenberg zu einer aussterbenden Spezies: In den letzten Jahren ist die Zahl besetzter Warten kontinuierlich gesunken, derzeit gibt es bundesweit nur noch 27. Dem stehen 139 unbesetzte, vollautomatische Wetterstationen gegenüber, die ihre Messungen elektronisch an die Wetterzentrale in Offenbach senden, wo die Daten aus Deutschland und dem Ausland in einem Supercomputer gesammelt und ausgewertet werden, um das Wetter für bis zu sieben Tage im Voraus zu berechnen.

Tatsächlich sind die Messungen, die Schmidt und seine Kollegen an den historischen Geräten ablesen, hauptsächlich für die Klimaforschung interessant, weniger für die Wettervorhersage. Die Daten für letzteres kommen vor allem aus den neuen Geräten. Allerdings können diese lokalen Messungen nicht direkt benutzt werden, um vorherzusagen, ob es morgen in Potsdam schneit oder stürmt: Das wird erst in Offenbach berechnet, wo mithilfe eines mathematischen Modells namens COSMO-DE Näherungswerte für die jeweilige Region ermittelt werden. Dazu wird Deutschland komplett in ein engmaschiges Gitternetz aus dreieckigen Vektoren eingeteilt, in das dann die Daten aller Wetterstationen einfließen. Fast noch wichtiger sind die Radar-Daten, die durch Satelliten gewonnen werden.

Nur die Beobachtung des Ist-Zustandes

Zweimal täglich – morgens um halb neun und abends um halb sieben – gibt es eine Telefonkonferenz zur Besprechung der Großwetterlage, bei der Vertreter der Wetterwarten Potsdam, Hamburg, Essen, Stuttgart, Leipzig und München diskutieren, wie die aktuellen Entwicklungen zu deuten sind und ob zum Beispiel Unwetter-Warnungen herausgegeben werden müssen. Aus Offenbach holt sich auch die Regionale Wetterberatung Potsdam die Daten, um schließlich den Wetterbericht für die Landeshauptstadt zu erstellen.

Mit der Vorhersage beschäftigt man sich auf dem Telegrafenberg also gar nicht, nur mit der Beobachtung des Ist-Zustandes. Zentrale des Ganzen ist der Beobachtungsraum im dritten Stock des Süring-Hauses: Ein Raum voller Computer und Ausdrucke mit Tabellen, in alle Himmelsrichtungen gibt es Fenster, an der Wand hängt ein Setzkasten mit grünen Keramik-Fröschen. Ralf Schmidt zeigt auf eine aktuelle Wetter-Radarkarte: „Das hier zeigt uns über Berlin Regentropfen an – hoffentlich mehrere.“ Bislang sei das Jahr viel zu warm gewesen, so der Meteorologe, auch der September sei viel zu trocken. „Das ist nichts Ungewöhnliches, aber selten“, sagt Schmidt, der alle Wetterrekorde für Potsdam im Kopf hat. „Den wärmsten September in Potsdam hat es 1947 gegeben.“ Ob 2016 ein Rekord-Jahr in Sachen Wärme wird, muss sich erst noch zeigen. Dazu müsste es erst mal die Temperaturen von 2014 schlagen: Da war es in Potsdam durchschnittlich 10,9 Grad warm.

Zur Startseite