Tag der Deutschen Einheit Was PNN-Mitarbeiter mit der deutschen Einheit verbinden

Am heutigen Dienstag wird zum 27. Mal der Tag der Deutschen Einheit gefeiert – so kurz nach der Bundestagswahl wohl mit gemischten Gefühlen. Zehn PNN-Mitarbeiter haben aufgeschrieben, was sie mit der Einheitsfeier verbinden, wie sie sich an die Wendezeit erinnern.

Als unser Land noch von einer Mauer geteilt war, war ich noch nicht geboren. Innerdeutschen Stacheldraht, Schießbefehl und Einheitspartei kenne ich daher nur aus Erzählungen, Büchern und dem Fernsehen. Welche Früchte wir, die Jüngeren unserer Gesellschaft, aus der Wiedervereinigung ziehen, ist vielen nicht bewusst. Doch gerade damit sich Geschichte nicht wiederholt, gilt es, sich diese Errungenschaften bewusst zu machen. Ganz unmittelbar spürbar wurden diese für mich im Praktikum bei einem Potsdamer Rechtsanwalt. Nach einer gemeinsamen Diskussion brachte er mir sein Geschichtsbuch aus dem DDR-Unterricht mit. Es ging uns um das Kapitel zum Nahost-Konflikt. Freilich bedurfte der Staat Israel bei seiner Erwähnung dort einer sozialistisch-skeptischen Einordnung. Ohne die Attribute „imperialistischer Aggressor“ kam dieses Schul(!)buch bei der Nennung Israels nicht aus. So also wurde aus der „antifaschistischen“ Republik auf den Zufluchtsort der größten Opfergruppe des Holocausts – der Juden – geblickt. Dass unser Geschichtsunterricht nicht mehr derart ideologisch aufgeladen ist, dass die Solidarität mit Israel heute gar zur deutschen Staatsräson gehört – das ist eine Entwicklung, auf die unser Land stolz sein kann. Gerade vor dem Hintergrund der Geschichte.

- René Garzke (22), Freier Mitarbeiter

Meine erste Erinnerung an die Einheit besteht aus ein paar bunten Stückchen Berliner Mauer. Meine Eltern versuchten mir, dem dreijährigen Mädchen zu Hause im Schwabenland, damit zu erklären, dass Deutschland bisher geteilt war und nun wieder eins. Die Betonbrocken lagen jahrelang in einer Schublade, in meinem Kopf war die Einheit von da an Fakt. Nun wohne ich selbst seit sieben Jahren in Ostberlin – und bin froh darüber. Vor allem, da ich meine Kinder schon früh in die Kita bringen konnte. Nur von meinen schwäbischen Bekannten ernte ich hierfür befremdete Blicke. In der Redaktion gehöre ich dagegen zu den Wessis. Auf Schwäbisch würden man das „neigschmeckt“ nennen, zugereist. Bei Anekdoten aus der DDR-Kindheit der Kollegen bin ich außen vor, auch die ein oder andere Ausdruck weckt nur gedankliche Fragezeichen. „Sport frei“ stand da in einem Text – bitte was? Bei der Berichterstattung fragte mich kürzlich eine Passantin, die ich befragte, ob ich aus Potsdam stamme. Für sie schien klar, dass ich andernfalls ihr Anliegen gar nicht verstehen könnte. Doch das kennen wohl viele, die umziehen, ob Westfale in Baden oder Bayer in Schleswig-Holstein. Und Grenzen im Kopf kann man überwinden. Die Passantin erzählte mir ihre Geschichte übrigens doch noch.

- Sandra Calvez (31), Redakteurin

Osten, Westen – im Alltag und im Umgang miteinander spielt das für mich heute keine Rolle. Oder? Ich habe Freunde, Familie und Kollegen von und auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer. Dass das so ist, wäre ohne den Mauerfall und die Deutsche Einheit gar nicht möglich. Ich kann mich zu der glücklichen Generation zählen, für die der Mauerfall genau rechtzeitig kam: Elf Jahre alt war ich im Wendeherbst. Jung genug, um nicht schon einen festen Lebensweg eingeschlagen zu haben. Jung genug auch, um noch nicht ernsthaft mit den Grenzen des Systems in Berührung gekommen zu sein. Es hätte nicht viel länger gedauert und ich hätte mich unbequemen Fragen stellen müssen – und die Einschränkungen deutlich gespürt, die ein Leben in der DDR für mich bedeutet hätte. Wie mutig wäre ich dann gewesen? Wie weit hätte ich mich arrangiert, um persönlichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen? Hätte eine harmlose Aktion aus jugendlichem Übermut für mich im Gefängnis enden können? Und was dann? Solche Fragen stelle ich mir oft, zum Beispiel wenn ich für einen Artikel mit Zeitzeugen spreche. Ich bin dankbar, dass ich mein „Parallelleben“ in der DDR nicht durchleben muss.

- Jana Haase (39), Redakteurin

Um den Tag der Deutschen Einheit 1990 wirklich als das zu begreifen, was er bedeutete, war ich als 86-er-Kind zu klein. Dennoch ist auch die Geschichte meiner Familie mit der Teilung Deutschlands verbunden. 1989 lebten wir in Westberlin. Mein Vater, der als Journalist auch aus dem damaligen Ostberlin berichtete, war zumindest kurzzeitig im Visier der Stasi. Ich erinnere mich an einen Besuch in Leipzig bei Freunden. Auf dem Weg aus Westberlin dorthin wurden meine Eltern lange an der innerdeutschen Grenze befragt – während ich als Kleinkind im Auto warten musste. Das habe ich als unfassbar beklemmend empfunden – ohne es wirklich zu verstehen. Als dann im November 1989 die Mauer fiel, war ich im Bett. Dafür ist mir das Weihnachten 1989 in Erinnerung geblieben. Denn was man auch als Kind unweigerlich als prägend mitbekommt, ist die Stimmung der Menschen, die einem nahestehen. Weihnachten 1989 machten wir uns nach der Bescherung auf gen Brandenburger Tor. Es zu durchqueren, war für alle ein ehrfürchtiger Moment nach Jahren der Teilung. Daran erinnere ich mich an einem Tag wie heute zurück – jedes Jahr wieder. Denn damals hat auch für mich die Beklemmung aufgehört.

- Valerie Barsig (30), Redakteurin

Wenn ich etwas zum Thema „Tag der deutschen Einheit“ sagen müsste, würde ich erstmal googeln. Ich weiß ungefähr was es meint und natürlich, dass es mit der Wiedervereinigung der DDR und BRD zu tun hat, aber das ist ja für mich eigentlich selbstverständlich. Meine Eltern kommen aus Westdeutschland – Bielefeld, in Nordrhein-Westfalen. Mir ist, vielleicht auch dadurch, der Westen sympathischer. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, kommt auch in unserer Generation das Thema manchmal auf und wir diskutieren darüber. Automatisch tun sich die Leute mit West- und die mit Ost-Eltern zusammen. Bei manchen Dingen sind wir „Westkinder“ uns einig „das ist typisch ossig“, obwohl wir das eigentlich gar nicht wissen können. So entstehen sogar manchmal Streitgespräche, über ein Thema, das jeder nur mit der Einstellung der Eltern kennt. Ich, als Kind von westdeutschen Eltern werde in solchen etwas aufbrausenden Situationen von den „Ostkindern“ oft als „reich“ bezeichnet, weil „die Wessis ja alles hatten“. Wenn in solchen Gesprächen der witzige Unterton ernst wird, frage ich mich, warum bei uns die Trennung nach fast 30 Jahren noch so real ist.

- Jule Weber (15), Praktikantin

Die Einheit war für mich immer selbstverständlich und die Trennung nicht existent. Bei meiner Geburt war der Mauerfall 14 Jahre her, trotzdem ist die ehemalige Trennung auch in meiner Generation zu spüren. Da meine Eltern zwar aus dem Westen kommen, ich aber im „ Osten“ geboren bin, gab es für mich diese „Ossi“ - „Wessi“ Trennung nie, ich wüsste auch gar nicht, wo ich mich einordnen soll. Umso komischer fand ich es, als mich das erste Mal ein Klassenkamerad vorwurfsvoll darauf angesprochen hat, dass meine Eltern ja aus dem Westen kommen und es immer besser hatten als die eigenen. Solche Bemerkungen werfen bei mir die Frage auf: Es gab in der Vergangenheit Ungerechtigkeiten, aber warum jetzt die Trennung damit aufrechterhalten und was habe ich damit zu tun? Oft erzählen uns Erwachsene, wie es damals war, in einem getrennten Deutschland zu leben und diese Erzählungen beinhalten unter anderem getrennte Familien, Unterdrückungen und den Schock, als die beiden Deutschlands dann aufeinandertrafen. Ich denke unsere Generation sollte dankbar sein, dass wir das nicht mehr erleben mussten und wir sollten uns bemühen, die ehemalige Trennung zu überwinden.

- Luisa Wegner (14), Praktikantin

Ich schaue mir am Tag der deutschen Einheit und vor allem am 9. November meist fasziniert die Bilder aus der Wendezeit an. Inzwischen habe ich allein mit dem Fahrrad ein gutes dutzend Länder bereist. Der Grenzübertritt bestand meist aus dem Vorbeifahren an einem kleinen, freundlichen Schild. Die Bedrückung, die für meine Eltern wie für viele andere DDR-Bürger die Berliner Mauer nur 20 Kilometer von ihrem Heimatdorf in der Mittelmark entfernt ausgestrahlt haben muss, zeigt sich für mich in der Macht des Umschwungs, die in den am Feiertag überall präsenten Bildern zu sehen ist. Eigene Erinnerungen an den Mauerfall habe ich nicht mehr. Doch an den ersten Besuch in Bayern kann ich mich noch erinnern: An die peinliche Stille beim Abendessen in der Dorfschenke, nachdem die Wirtin erzählt hat, dass die Menschen im Osten ohne die West-Pakete ja ohnehin nicht überlebensfähig gewesen wären. Und an mein verdutztes Gesicht, als ich nach dem Bestellen eines Jägerschnitzels nicht die ersehnte panierte Jagdwurstscheibe serviert bekommen habe. Kleine Ost-West-Missverständnisse wie dieses sind bis heute geblieben, das zeigt der Alltag in einer Zuzugsregion wie Potsdam immer wieder. Doch im Kontakt mit den Zugezogenen zeigt sich für mich immer wieder, dass das gegenseitige Verständnis von Ost und West inzwischen deutlich zugenommen hat.

- Enrico Bellin (33), Redakteur

Dieses Fahnenmeer, das Feuerwerk, Menschenmassen, Männer und Frauen mit komischen Frisuren und Brillen auf der Tribüne vor dem Reichstag. Wie sie alle hießen, Kohl, von Weizsäcker, Genscher, Herzog, Lafontaine, ja sogar Brandt. Es sind Bilderfetzen aus der Nacht vom 2. zum 3. Oktober. Begeistert, nein, das war ich nicht. Skeptisch eher. Dieser Überschwang, dieses Pathos. Nation – was ist das schon? Etwa Vorgestelltes. Der 9. November 1989, der ging mir nahe. Damals, jugendlich, erschien noch alles möglich, das Neue. Die Idee vom Besseren. Was es nicht alles gab: Sogar einen neuen Verfassungsentwurf, geschrieben im Konvent von Bürgern als neues Grundgesetz. Aber alles wurde überholt, musste es wohl auch, von der Macht des Faktischen. 3. Oktober? Der 9. November wäre mir lieber gewesen. Mehr Symbol für die deutsche Geschichte - Republik, Shoa, Mauerfall - geht nicht. Aber auch, weil der Vater Tränen in den Augen hatte, damals im Herbst 1989 vor der Fernsehröhre. Weil die Familie, der Großvater Stahlwerker in Hennigsdorf, beim geplanten Familienbesuch am 13. August 1961 nicht mehr in den Wedding kam. Die Teilung war real. Der Mauerfall auch. Und der 3. Oktober – nur ein willkommener freier Tag, über die Jahre oft genug im Journalistenleben ein Arbeitstag, entstanden aus Zufällen in den Wirren des Sommers 1990. Und doch Einheit, ja. Die Wende für einen Jugendlichen das Glück der späten Geburt: Zu jung, um bewusst ins Systemradwerk geraten zu sein. Zu Jung, um zur NVA zu müssen, von der Stasi befragt zu werden. Zu jung, um die Gewissheit des sicheren Jobs gekannt zu haben, im Meer der Arbeitslosen unterzugehen. Alt genug, um die frühen 1990er erleben zu dürfen. Wahnsinn, Ausnahmezustand. Aber viele Nazis. Später genervt vom Ossitum, Ostalgie. Von Menschen, die DDR-Kampflieder singen. Na, schon mal bei einem Fahnenappell gewesen? Seid bereit, immer bereit, Freundschaft. Wer kennt es noch? Schau ich mich um in Europa, in der Welt – welch ein Glück, in diesem Land zu leben, den deutschen Pass zu haben, mit allen Pflichten, vor allem mit all den Rechten. Nichts Selbstverständliches. Danke.

- Alexander Fröhlich (42), Redakteur

Mit der friedlichen Revolution verbinde ich einen ganz wichtigen Lebensabschnitt: Weil meine Eltern, und dafür bin ich ihnen heute noch dankbar, mich damals zu den Montagsdemonstrationen in meiner damaligen Heimatstadt Chemnitz mitnahmen. Selbst am 7. Oktober 1989, zum eigentlichen Republikgeburtstag, gingen wir gegen die DDR auf die Straße – da regnete es allerdings noch so stark, dass die Revolution für den Tag einstweilen verschoben wurde. Dann, einige Tage später, die nächste Demo an unserer Wohnung vorbei: Wir wollten wieder mitlaufen. Ein Nachbar, an dem wir vorbeigehen, sagte noch laut und vernehmlich in unsere Richtung: „Ein paar Idioten gehen immer mit.“ Doch das machte nichts. Die Sprechchöre „Wir sind das Volk" fand ich, gerade einmal zehn Jahre alt, sehr beeindruckend. Und als ich dann merkte, dass diese Demos dazu führten, dass ein ganzes System ins Rutschen kam, wir plötzlich in den Westen fahren konnten und alle meine Lehrer ausgetauscht wurden, war ich positiv überrascht. Für mich hat sich damals eingebrannt: Wer auf die Straße geht oder sich engagiert, kann etwas verändern. Das will ich auch meinen Kindern vermitteln.

- Henri Kramer (38), Redakteur

Am 3. Oktober 1990 saß ich im Hinterzimmer einer portugiesischen Jugendherberge. Im Fernsehen liefen Bilder der Einheitsfeier in Berlin. Ein Amerikaner sprach mich aufgeregt an. Das müsse mich als Deutschen doch total umhauen. Tat es nicht. Ich hatte damals kaum eine Ahnung, was die DDR überhaupt gewesen war. Hätte mir da jemand gesagt, dass ich zwei Jahre später in Potsdam Reportagen über die Wende schreibe und heute in einer Ost-West-Ehe wenige Meter vom ehemaligen Mauerstreifen entfernt lebe und meine Kinder mit Ost-West gar nichts mehr anfangen können, ich hätte ihn für komplett verrückt erklärt.

- Jan Kixmüller (48), Redakteur

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