Pistolen, Schlagstöcke und Gitarre. Die Schau thematisiert gegensätzliche Bewegungen in den 1920er-Jahren. Foto: Ottmar Winter
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Sonderausstellung im Potsdam-Museum Stadt mit zwei Gesichtern

Das Potsdam-Museum beleuchtet in einer neuen Sonderausstellung bislang wenig erforschte Kapitel der Stadtgeschichte: die 1920er- und 1930er-Jahre.

Potsdam - Es ist Mitternacht am 10. Oktober 1926. Zwei Nationalsozialisten mit Hakenkreuzbinden betreten das Gewerkschaftslokal Prast in der heutigen Hegelallee und verlangen nach Bier. Die Wirtin macht sie darauf aufmerksam, dass ein Gewerkschaftshaus wohl nicht der richtige Ort für sie sei. Dann ertönt von der Straße ein Pfiff: 30 bis 40 Nationalsozialisten stürmen das Lokal und beginnen eine Schlägerei mit den Gästen. Beenden kann das erst die Polizei.

Geschildert wird diese Szene in der Sonderausstellung im Potsdam Museum, die am Samstag eröffnet wird. Unter dem Titel „Umkämpfte Wege der Moderne. Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945“ bringt das Museum nach der Ausstellung über die revolutionäre Novembergruppe um den Maler Wilhelm Schmid nun Licht in bislang wenig erforschte Kapitel der Stadtgeschichte – insbesondere die 1920er-Jahre und den Beginn der NS-Zeit.

Museumschefin Jutta Götzmann mit Kurarorin Wenke Nitz und Museumsmitarbeiter Jan Koska. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Museumschefin Jutta Götzmann mit Kurarorin Wenke Nitz und Museumsmitarbeiter Jan Koska. © Ottmar Winter

Konservativ-monarchistisches Potsdam, sozialdemokratisches Nowawes

Saal- und Straßenschlachten wie die eingangs beschriebene gehörten Anfang der 1930er-Jahre zum Alltag in der Stadt, erklärte Kuratorin Wenke Nitz am Mittwoch bei einem Vorabrundgang für Journalisten. In der Potsdamer Stadtgeschichte, so die Leitidee der von ihr konzipierten Ausstellung, spiegeln sich die politischen und gesellschaftlichen Spannungen im Deutschland jener Zeit exemplarisch wider. Dabei steht der Gegensatz zwischen dem konservativ bis deutschnational geprägten Potsdam und der sozialdemokratisch geprägten Arbeiterstadt Nowawes – die Umbenennung in Babelsberg erfolgte erst 1938, ein Jahr vor der Eingemeindung nach Potsdam – als „Sinnbild für die gespaltene Weimarer Republik“. In Potsdam habe sogar „Angst vor dem roten Nowawes“ geherrscht, sagt Nitz. Beleuchtet wird das Verhältnis anhand von Beispielen aus mehreren Bereichen.

Umkämpfte Stadt. Scharfe politische Auseinandersetzungen prägten die Zeit. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Umkämpfte Stadt. Scharfe politische Auseinandersetzungen prägten die Zeit. © Ottmar Winter

Das fängt schon beim Titel „Residenzstadt“ an, den Potsdam noch lange nach Abdankung des Kaisers trug – bis 1945. Wie stark die Bindung vieler Potsdamer zum früheren Kaiserhaus war, zeigte sich auch nach dem Tod der ehemaligen Kaiserin Auguste Victoria im April 1921. Auf Fotos sind die Menschenmassen zu sehen, die ihre Beisetzung im Antikentempel von Sanssouci verfolgten. Viele hätten sogar die Nacht im Park verbracht, um morgens ein Spalier für den am Bahnhof eintreffenden Sarg bilden zu können, sagt Museumschefin Jutta Götzmann: „Das war ein starkes Bekenntnis zur Monarchie.“

Oberbürgermeister lehnte Fahne der Republik ab

Konservativ-bürgerlicher Geschmack und militärische Tradition auf der Potsdamer Seite und moderne und soziale Ideen in Nowawes: Im Museum verdeutlichen unter anderem Möbel und Kleidungsstücke, wie verschieden die beiden Städte damals tickten. Für Nowawes wird unter anderem auf das Oberlinhaus und neue Schulen verwiesen, auch die Arbeitersportbewegung spielt eine Rolle.

Rotes Babelsberg und militärisch geprägtes Potsdam. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Rotes Babelsberg und militärisch geprägtes Potsdam. © Ottmar Winter

Unter den Fahnen in den Farben der Demokraten der Weimarer Republik – Schwarz-Rot-Gold – erfahren die Besucher vom „Potsdamer Flaggenstreit“. Oberbürgermeister Arno Rauscher hatte sich geweigert, am Verfassungstag am 11. August 1924 Schwarz-Rot-Gold flaggen zu lassen – er bevorzugte die in konservativen Kreisen beliebten alten Reichsfarben schwarz-weiß-rot. Rauscher wurde vom preußischen Innenminister Carl Severing, einem Sozialdemokraten, gerügt. Dagegen klagte er – und bekam 1927 in letzter Instanz recht.

1932 spricht Hitler bei NS-Großveranstaltung im Luftschiffhafen

Dass das Ende der jungen Demokratie bevorstand, das muss Beobachtern des „Ersten Nationalsozialistischen Reichsjugendtages“ im Oktober 1932 im Luftschiffhafen klar geworden sein: Rund 30 000 Teilnehmer seien erwartet worden, am Ende waren es mehr als doppelt so viele, wie Wenke Nitz berichtet. Eigentlich hatte die Stadt strenge Auflagen gemacht, ein Umzug und politische Reden waren verboten worden, Fahnen hätten nicht gezeigt werden dürfen. Die Zeitungsanzeige für die Veranstaltung lässt schon erahnen, dass es anders kommen wird: „Das junge Deutschland marschiert“ ist dort in großen Lettern zu lesen – und noch größer „Adolf Hitler spricht“. Ein Zapfenstreich, ein „Riesenfeuerwerk“ und ein „Vorbeimarsch vor Hitler“ gehörten zu den Programmpunkten. Der Potsdamer Polizeipräsident äußerte sich danach resigniert: Die schiere Zahl der Teilnehmenden mache es der Polizei unmöglich, irgendwelche Auflagen durchzusetzen.

Plakat mit der Garnisonkirche zum "Tag von Potsdam" 1933. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Plakat mit der Garnisonkirche zum "Tag von Potsdam" 1933. © Ottmar Winter

Garnisonkirche als Treffpunkt für republikfeindliche Gruppierungen

Auch die Garnisonkirche ist Thema. „Es ist ein Ort konservativer Selbstvergewisserung“, sagt Wenke Nitz: „Republikfreundliche Veranstaltungen fanden da nicht statt.“ Stattdessen habe die Kirche als Treffpunkt republikfeindlicher Gruppierungen wie der Militärorganisation „Stahlhelm“ gedient. Auch vom „Tag von Potsdam“ nach Hitlers Machtergreifung 1933 sind bislang unveröffentlichte Fotos zu sehen – und ein Plakat, auf dem die Kirche mit dem Schriftzug „Die Geburtsstätte des Dritten Reiches“ versehen ist.

Die Ausstellung, die bis zum 23. Juni zu sehen ist, war seit 2015 vorbereitet worden, sagte Museumschefin Jutta Götzmann. Die dafür nötige umfangreiche Recherchearbeit diene auch der Vorbereitung der neuen Dauerausstellung, die für 2023/24 geplant ist. Insgesamt sind mehr als 200 Objekte und fast 300 Fotos zu sehen, unter anderem auch die unlängst durch einen Zufall gefundenen Ölgemälde aus dem einstigen Garnisonmuseum. Die Potsdamer Kunst jener Zeit wird in einem eigenen Raum im Untergeschoss beleuchtet – auch hier überwiegt bis auf Ausnahmen der konservative Stil.

Zur Ausstellung gibt es im Museum ein Begleitprogramm – einige Termine:
7. März, 18 Uhr: Lesung aus den Lebenserinnerungen des Potsdamer Kunsthändlers Karl Heidkamp.
25. April, 18 Uhr: Vortrag „Potsdam als Spiegel der gespaltenen Republik“
27. April, 14 Uhr: „Vom Roten Kreuz zum Hakenkreuz“ – Rundgang zum ehemaligen DRK-Präsidium, Treffpunkt Regionalbahnsteig Bahnhof Griebnitzsee.
3. Mai, 18 Uhr: Lesung aus den Lebenserinnerungen einer Babelsbergerin
16. Mai, 18 Uhr: Themenführung Potsdamer Kunst der Zwischenkriegszeit
23. Mai, 18 Uhr: Vortrag zum Wohnungsbau von 1918 bis 1933
7. Juni, 18 Uhr: Vortrag zu verfolgten Potsdamer Lehrkräften zur NS-Zeit
12. Juni, 14 Uhr: Vortrag zu den Potsdamer Verlagen in den 1920ern 

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