Etwa 250 Mieter arbeiten derzeit im Rechenzentrum in der Breiten Straße und genießen den Austausch mit Gleichgesinnten. Die Hoffnung auf eine Weiternutzung nach 2018 ist groß, doch durch den Bau des Garnisonkirchenturmes wird es zu Einschränkungen kommen. Foto: Sebastian Gabsch
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Rechenzentrum in Potsdam Der vermauerte Ausblick

Das Rechenzentrum ist ein Knotenpunkt der Potsdamer Kreativszene. Zwei Dokumentarfilme zeigen, weshalb das Gebäude von so vielen Künstlern genutzt wird.

Potsdam - Der Fahrstuhl rollt nicht mehr, der Strom fällt immer wieder aus, der Putz bröckelt. Das Rechenzentrum in der Breiten Straße macht es seinen kreativen Mietern nicht immer leicht – trotzdem wollen sie bleiben. Am liebsten für immer. Kristina Tschesch und Elias Franke, die selbst in dem Gebäude arbeiten, haben das Phänomen Rechenzentrum in zwei Dokumentarfilmen begleitet. Vom Erstbezug Anfang 2015 bis zum Entstehen einer lebendigen Kunstszene. „Rechenzentrum – Vom Abriss zum Kreativkosmos“ und „Rechenzentrum – Produktion im Provisorium“ heißen die beiden Filme, die am Dienstagabend im Filmmuseum gezeigt wurden.

Neben Eindrücken vom Gebäude selbst kommen vor allem die Menschen darin und in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wort. Nicht nur die verschiedenen Kreativen, sondern auch Vertreter des Sanierungsträgers ProPotsdam, der Stiftung Garnisonkirche oder der Stadt Potsdam. Ein Jahr haben Kristina Tschesch und Elias Franke jeweils die Entwicklung begleitet. Ursprünglich nur für die private Chronik kam schließlich Material für zwei Filme zusammen. Beide sollen demnächst auch im Internet zu sehen sein, wie Franke sagte. Wann genau es so weit sein werde, könnten Interessierte der Website der Kulturlobby Potsdam entnehmen.

Ein Arbeitsplatz für Architekten und Zauberkünstler

Der erste Film zeichnet vor allem den schwierigen Weg hin zu dem Kreativzentrum: Nachdem unter anderem die Räume in der ehemaligen Brauerei am Leipziger Dreieck wegen Sanierung von verschiedenen Künstlern nicht mehr genutzt werden konnten, begann die Suche nach neuen Probeorten, Ateliers, Büros. Das Rechenzentrum bot sich an und wurde durch massive Einsätze der Künstler und die Gründung der Kulturlobby schließlich zum neuen Kreativzentrum. In den fünf Etagen des 5000 Quadratmeter großen Gebäudes haben sich inzwischen 250 Kreative angesiedelt. Von Bildhauern über Architekten bis hin zu Zauberkünstlern.

Manche nutzen die Räume für gewerbliche Zwecke, manche, um ihrem privaten Hobby nachzugehen, für das zu Hause kein Platz ist. Das Bedürfnis, Kontakt zu anderen Kreativen zu suchen, sei laut Film für viele ein Grund gewesen, in das Haus einzuziehen. So bezeichnet etwa der Zauberkünstler Christian de la Motte, der auch am Dienstagabend im Filmmuseum anwesend war, die Gemeinschaft des Hauses als „große Kraft“ und das Rechenzentrum als „geilen Ort“. Die Begeisterung wird jedoch getrübt: Durch den ursprünglich geplanten Bau der Garnisonkirche erhielten alle Mieter nur einen befristeten Vertrag bis zum 31. August 2018.

Viele Fenster im Rechenzentrum müssen zugemauert werden

Das bedeutete für die Künstler von Anfang an eine Art Schwebezustand, an dem sich bis heute nicht viel geändert habe, wie Anja Engel, Kulturmanagerin des Hauses, am Dienstag sagte. Allerdings gibt es Hoffnung: Da nun vorerst nur der Bau des Garnisonkirchenturms ansteht und das Rechenzentrum dafür nicht weichen muss, zeigt Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) sich offen, die Nutzung für die Kreativen „befristet zu verlängern“ (PNN berichteten). Baustatische Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass ein Weiterbetrieb des Rechenzentrums technisch möglich sei, wie die Stadt bestätigte. Allerdings: „Konkret wissen wir noch nichts“, so Engel. Erst im Herbst soll es Auskünfte geben. „Wir wünschen uns natürlich eine langfristige Nutzung, mindestens für die nächsten 20 Jahre“, sagt die Kulturmanagerin, die für das voll besetzte Kreativzentrum bereits eine Warteliste führt. Denn nur ab dieser Perspektive lohne sich auch eine Sanierung, die dringend notwendig ist, wie der zweite Film etwa am Ausfall der Fahrstühle zeigt. Dem Gemeinschaftsgefühl tut das trotzdem keinen Abbruch, wie der Maler Menno Veldhuis in der Dokumentation sagt: „Wenn man zusammen im Fahrstuhl feststeckt, weil er nicht funktioniert, kennt man eben irgendwann alle.“ Inzwischen ist der Fahrstuhl repariert – das Bangen um die Räume bleibt.

Vor allem deswegen, weil für den Bau des Garnisonkirchenturmes aus Brandschutzgründen an der südöstlichen Gebäudeecke des Rechenzentrums, die nur wenige Meter vom Garnisonkirchenturm und seinen Seitenflügeln entfernt steht, die Fenster vermauert werden müssen. Das bestätigte die Stadt auf Anfrage. Die Vermauerung betreffe voraussichtlich alle Eckräume auf allen Etagen. Wie viele Räume genau betroffen sein werden, kann die Stadt derzeit nicht sagen. Klar ist jedoch, dass die Nutzung des Rechenzentrums damit eingeschränkt werde, wie Anja Engel bestätigte. Nicht nur, dass in fensterlosen Räumen kaum jemand arbeiten möchte, auch der Baustellenlärm könnte viele Kreative zum Umzug bewegen. „Wir müssen sehen, ob sich das Haus dann noch trägt“, so Engel.

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