Zwei rechts, zwei links. In der Scheune wird regelmäßig gestrickt. Dazu gibt es Kaffee und Käsekuchen. An Nachbartischen werden Skat und Mensch-Ärgere-Dich-nicht gespielt.

Potsdam Ein Haus fürs ganze Dorf

Marquardts Kulturscheune wird zehn Jahre alt, der Heimatverein 20. Das wird gefeiert – in der Scheune.

Potsdam - Was sie hier tun? Was für eine komische Frage. „Wir stricken“, lautet die trockene Antwort. Nicht häkeln, nicht nähen. Zwei Nadeln, zwei rechts, zwei links. Oder so. Die Damen wollen sich konzentrieren, keine Zeit zum Quatschen. Jedenfalls nicht gleich. Gerade wurden Kuchenteller und Kaffeetassen weggeräumt, jetzt liegen hier Wollknäuel und Musterhefte. Wie jeden zweiten Mittwochnachmittag: Dann treffen sich in der Kulturscheune Marquardt die Strick-Liesl, die Rommé-Runde, die Mensch-Ärgere-Dichnicht-Damen und die Skatmänner. Scheunen-Managerin Rona Fietzner hat Käsetorte aufgebacken. Beim „Scheunentreff“ kostet das Kaffeegedeck drei Euro, das ist ok, sagen die Damen und Herren.

Seit zehn Jahren gibt es die Kulturscheune Marquardt, ein Haus für den Ort, für Lesungen und Konzerte, Chorproben, Tanz- und Yogagruppe, Ortsbeiratssitzungen, Trödelmarkt, Kindertreff und Feiern aller Art, von Halloween bis Hochzeit. Das Jubiläum der Halle wird am morgigen Samstag gefeiert, außerdem 20 Jahre Kultur- und Heimatverein Wublitztal e.V.

Der kümmerte sich in den 1990er Jahren vornehmlich um den Schlosspark, dann mehr und mehr ums Dorfleben. Auch dass es die Scheune gibt, ist zum großen Teil dem Verein zu verdanken. Die Idee zum Ausbau der alten Scheune oder vielmehr Lagerhalle, die es damals war, hatte man im Dorf, als es noch ein Dorf war. Dann wurde Marquardt 2003 nach Potsdam eingemeindet – und das Vorhaben stand plötzlich auf der Kippe, sagt Ortsvorsteher Peter Roggenbuck. „Der Verein und unser ehemaliger Bürgermeister Dietrich Menzer haben das damals hartnäckig umgesetzt“, sagt Roggenbuck. Gegen den Willen der Stadt Potsdam, die nicht begeistert war, dass sie das jetzt bezahlen musste. Aber die Scheune kam, dazu Fördermittel für den Betrieb inklusive Honorar für eine Managerin. Fietzner verwaltet das Haus, vermietet, organisiert und kümmert sich darum, dass am Ende des Jahres die geforderten 20 Prozent Eigenmittel erwirtschaftet werden. „Das ist schwer“, sagt sie. „Wir würden uns über mehr Vermietungen freuen.“ Vereine, Verbände oder Firmen, die hier Tagungen, Versammlungen oder Ähnliches abhalten. Die Scheune mit solider Bühne – Line-Dance-erprobt, immer sonntags – , ist möbliert und beheizbar, verfügt über Garderoben, Bar, Küche und Nebengelass. Beinahe komfortabel.

Es ist gut, dass es die Scheune gibt, sagen die Strick-Damen und Skat-Herren. Früher traf man sich an der Dorflinde gegenüber der Kirche, aber das ist lange her und die Linde längst gefällt. Dann traf man sich hin und wieder an der Scheune, wie es so ist im Dorf. Hier stand eine Dreschmaschine, die die Bauern aus dem Ort und dem Umland nutzten. Später wurde hier vor allem Obst und Gemüse gelagert. Die Marquardter brachten körbeweise Buschbohnen und Johannisbeeren aus ihren Gärten hierher, abgegeben für den Gemüsehandel der DDR. Das macht jetzt keiner mehr. Heute wird nur noch für den Eigenbedarf angebaut. Die Scheune wird als solche nicht mehr gebraucht – und ist Treffpunkt für alle. Nicht nur für Rentner und nicht nur für Marquardter – auch aus Uetz, Satzkorn und Fahrland kommen Gäste. Bei Veranstaltungen mit Stargästen wie Jörg Schüttauf oder Desirée Nick auch von weiter her – und dann ist es manchmal gerammelt voll, sagt einer der Männer am Kartentisch.

Es könnten ein paar mehr Jugendliche sein, sagt Roggenbuck. Aber von denen gehen viele in Potsdam zur Schule und vergessen Marquardt. „In der Stadt ist mehr los“, sagen zwei 18-Jährige an der Bushaltestelle. Außerdem fährt der letzte Bus am Wochenende schon vor 23 Uhr – zu früh für Freunde aus der Stadt, um die mal zu einer Veranstaltung nach Marquardt zu locken.

Den Kindern, die jetzt im Mai für das traditionelle Mittsommerfest ihre Tänze proben, ist das egal. Den Handarbeitsfrauen auch. Von Anfang an sind sie dabei, die älteste ist 83. Zur Zeit werden Schals gestickt, moderne Loops, und eine Frau zeigt einen komplizierten rosa Pulli für das Enkelkind. Außerdem jede Menge Socken in allen Größen und Farben. Was die Familie nicht braucht, wird verschenkt. Der Sockenberg lässt vermuten, dass sie schon halb Marquardt ausgestattet haben.

Bei den Damen gibt es diesen Mittwoch außerdem Geburtstagssekt und die Spielerunde lobt das Miteinander im Ort. „Die jungen Leute machen das ganz phantastisch, das alles hier zu organisieren.“ Gemeckert wird nur ein ganz kleines bisschen am Skattisch: „Schade, dass es hier kein Bier gibt.“ Die Scheunenmanagerin schüttelt ratlos den Kopf. „Das hätten sie mir ja mal sagen können.“

Jubiläumsfeier am Samstag ab 16 Uhr, mit Festrede, Fotoausstellung, Comedy, Buffet und Tanz.

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