Der Turm der Garnisonkirche wächst in die Höhe. Foto: Varvara Smirnova
© Varvara Smirnova

Positionen zur Garnisonkirche Vier Potsdamer Köpfe, vier Meinungen

Der Wiederaufbau der Garnisonkirche bewegt die Stadtgesellschaft. Vier prominente Potsdamer legen hier ihre Position dar.

Vor der Sondersitzung der Stadtpolitik zur Garnisonkirche wird in Potsdam intensiv über das Für und Wider des Projekts debattiert. Die PNN dokumentieren an dieser Stelle die Positionen von vier bekannten Potsdamern.

Es schreiben

  • Hans-Jürgen Scharfenberg, langjähriger Linken-Stadtverordneter
  • Christian Seidel (SPD), früherer Vorsitzender des Potsdamer Bauausschusses
  • Ludger Brands, Professor für Architektur aus Potsdam
  • Harald Geywitz, Mitglied des Potsdamer Kreiskirchenrats


Wie weiter mit der Garnisonkirche?
Von Hans-Jürgen Scharfenberg

Hans-Jürgen Scharfenberg, Die Linke Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Hans-Jürgen Scharfenberg, Die Linke © Andreas Klaer

Die seit dreißig Jahren laufende Diskussion um die Gestaltung der historischen Mitte Potsdams war mit heftigen Auseinandersetzungen verbunden. Das gilt in besonderer Weise für die Garnisonkirche und ihre Symbolik für die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.

Die Bemühungen um einen möglichen Wiederaufbau der Garnisonkirche waren in den 90er Jahren geprägt von der Traditionsgemeinschaft um Max Klaar, der in ungebrochener Tradition die Soldatenkirche wieder errichten wollte. Die revanchistische Sammelwut des ehemaligen Bundeswehroffiziers stieß insbesondere, aber nicht nur bei der damaligen PDS auf energische Ablehnung.

Neue Akzente setzte die evangelische Kirche, die 2001 mit ihrem Konzept von einem Versöhnungszentrum im Turm der Garnisonkirche selbst in Verantwortung ging. Dieses Konzept, das unter der Überschrift:“Veränderung ist möglich“ in offensiver Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sowohl in der geplanten inhaltlichen Arbeit als auch in der äußeren Gestalt des Turms Brüche aufzeigte, begrenzte sich ausschließlich auf den Kirchturm. Bemerkenswert sind die Bemühungen der damaligen Kirchenleitung um einen breiten Konsens bei der Erarbeitung und Diskussion dieses Konzepts. Dazu gehörten auch inhaltliche Diskussionen mit und in der PDS, die zu diesem Zeitpunkt bekanntlich die entschiedenste Gegnerin eines Wiederaufbaus unter dem Vorzeichen eines militärischen Traditionsvereins war.

Mit dem „Ruf aus Potsdam“ wurde 2004 eine Initiative gegründet, die mit einer Fördergesellschaft den originalgetreuen Wiederaufbau der gesamten Kirche mit Turm und barockem Kirchenschiff verfolgte. Dieser rekonstruktive Ansatz, der sich deutlich vom Kirchenkonzept von 2001 entfernte, erwies sich schnell als unrealistisch. Der Versuch eines Vergleichs mit dem erfolgreichen Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche ging nicht auf. Die angeblich in aller Welt vorhandenen Geldgeber blieben aus.

Ein neuer Anlauf wurde 2008 mit der Gründung der Stiftung Garnisonkirche genommen. Als Voraussetzung für den Beitritt der Landeshauptstadt zu dieser Stiftung konnte die Linksfraktion mit einem Begleitbeschluss mehrere Bedingungen als Auftrag an den Oberbürgermeister durchsetzen.

So wird vor allem eine finanzielle Beteiligung der Stadt am Bau der Kirche ausgeschlossen.

Weiter heißt es in einer klaren Vorgabe:

„Die Bemühungen um den Wiederaufbau der Garnisonkirche konzentrieren sich auf den Turm. Eine Entscheidung über einen eventuellen Wiederaufbau des Kirchenschiffs soll gesondert getroffen werden und künftigen Generationen vorbehalten bleiben.“

Mit weiteren Punkten wird auf eine aktive Friedens-und Versöhnungsarbeit und das würdige Gedenken an den von Potsdam ausgehenden Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur in der ganzen Breite sowie auf einen möglichst geringen Eingriff in den Straßenraum gedrängt.

Das Bürgerbegehren zur Auflösung der Stiftung Garnisonkirche erreichte 2014 das notwendige Quorum und wurde von der Stadtverordnetenversammlung angenommen. Allerdings war die Mehrheit im Kuratorium, wenig überraschend, nicht bereit, dem Antrag zur Auflösung der Stiftung zu folgen. Der in diesem Zusammenhang angestrebte Bürgerdialog scheiterte schon 2015, weil man sich nicht auf ein Verfahren einigen konnte.

2016 gab die Fördergesellschaft das 2004 formulierte Ziel eines Wiederaufbaus des Kirchenschiffs auf.

Jetzt schreitet der Bau des Kirchturms voran und soll bis 2022 abgeschlossen sein. Nach wie vor ist jedoch die Finanzierung des Turms trotz einer üppigen Bundesförderung nicht gesichert.

Vor diesem Hintergrund ist logische Folge, dass man sich vom Kirchenschiff verabschieden sollte.

Wenn der Oberbürgermeister jetzt mit der Begründung einer widersprüchlichen Beschlusslage eine Diskussion um das Kirchenschiff aufruft, so geht das eigentlich an den Realitäten vorbei. Schließlich haben die Stadtverordneten 2008 den Beitritt der Stadt zur Stiftung mit eindeutigen Bedingungen verbunden, die nach wie vor gelten. Unstrittig ist auch die Intention des Bürgerbegehrens von 2014 gegen einen Wiederaufbau des Kirchenschiffs gerichtet

Eine solche Sichtweise widerspiegelt sich auch erfreulicherweise mehrheitlich in den vorliegenden Stellungnahmen der an der Anhörung des Hauptausschusses Beteiligten.

Damit ergibt sich die Chance neuer Spielräume für eine konsensorientierte Diskussion um ein dauerhaftes Nebeneinanderbestehen von Garnisonkirchturm und Rechenzentrum, was zu einer breiten Akzeptanz der entstandenen Situation und damit zu einer Befriedung beitragen könnte.

Abrüstung tut Not – zur Auseinandersetzung um den Wiederaufbau der Garnisonkirche.
Von Christian Seidel

Christian Seidel, ehemaliger SPD-Stadtverordneter und Bauausschussvorsitzender Foto: Christian Seidel Vergrößern
Christian Seidel, ehemaliger SPD-Stadtverordneter und Bauausschussvorsitzender © Christian Seidel

Das Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche ist gegenwärtig die wohl prädestinierteste Projektionsfläche für fast alle Konflikte in der Stadt und darüber hinaus. Der vom Oberbürgermeister gemachte Vorschlag eines Jugendbegegnungszentrums neben dem im Bau befindlichen Kirchturm und die angekündigte (städtische) Anhörung zum Umgang mit dem Grundstück der ehemaligen Hof- und Garnisonkirche scheint geradezu eine Aufforderung, sich mit reichlich Munition in die Schützengräben zurück zu ziehen. Eine Verständigung ist fast nicht vorstellbar.

Man kann zum Wiederaufbau stehen wie man will, aber Unterstellungen, wie sie derzeit zu vernehmen sind - wie etwa die Garnisonkirche habe für Menschen eine Bedeutung, die in irgendeiner Weise in der Tradition des Nationalsozialismus stünden, für alle anderen nicht, oder, in Potsdam werde heute das gemacht, was Oberstleutnant a.D. Max Klaar vorgeschlagen habe – solche Unterstellungen wider besseren Wissens sind auch für den „neutralen“ Beobachter nur sehr schwer zu ertragen. Auf der anderen Seite wird ohne erkennbare Chance auf Mehrheiten, von einer Fraktion der Stadtverordnetenversammlung ein Bekenntnis zum Wiederaufbau der Garnisonkirche in historischer Form (Turm und Kirchenschiff) beantragt – ebenfalls wider bessern Wissens, denn die Synode der Landeskirche hat im vergangenen Jahr beschlossen, dass bei einem möglichen Wiederaufbau des Kirchenschiffes der historische Bruch auch in der Architektur erkennbar sein muss.

Die Potsdamer Garnisonkirche ist mit einer schwer verdaulichen, aber doch auch vielschichtigen Vergangenheit belastet. Sie war eben nicht nur eine der schönsten Kirchen des norddeutschen Barock, wie sie auch nicht nur auf den „Tag von Potsdam“ zu reduzieren ist. Als eine der sogenannten Hof- oder Patronatskirchen mit späterem staatlichen Zugriff steht sie damit nicht allein. So sind etwa die Stiftskirche Quedlinburg und der Braunschweiger Dom als nationalsozialistische „Weihestätten“ von SS bzw. NSDAP nicht weniger mit „brauner Soße“ besudelt gewesen. Trotzdem wurden die leicht beschädigten Kirchen glücklicherweise nach 1945 nicht abgerissen. Die Gemeinden haben sich später der verhängnisvollen Geschichte ihrer Gotteshäuser gestellt, diese aufgearbeitet und beide Kirchen stehen heute nicht im Ruf, Wallfahrtsort für Ewig-Gestrige zu sein.

Der Gemeindekirchenrat der Heilig-Kreuz-Gemeinde, die Nachfolgerin der ehemaligen Zivilgemeinde der Garnisonkirche, hat sich Anfang der 1990er Jahre in einer Stellungnahme, die seinerzeit von den zuständigen kirchlichen Gremien übernommen wurde, gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche ausgesprochen, weil die Evangelischen Kirche in Potsdam aus erkennbaren Gründen kein weiteres Großkirchen-Gebäude benötigt. Er hat damals gleichzeitig versichert, dass er sich nicht gegen einen Wiederaufbau des Kirchturms mit Hilfe privater Spendenmittel stellen wird. Als Mitglied des damaligen Gemeindekirchenrates kann ich immer noch zu diesem Beschluss stehen.

In Verantwortung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam wächst der Turm heute sichtbar von Tag zu Tag in die Höhe und die entscheidende Frage ist, welcher Geist in seinen Mauern zukünftig lebendig sein wird. Es ist ermutigend, dass die Stiftung einen unabhängigen wissenschaftlichen Beirat berufen hat, der sichtbar über bekannte Potsdamer Horizonte hinausweist. Der Vorsitzender, Prof. Dr. Paul Nolte, wies im Sommer vergangenen Jahres in einem PNN-Interview darauf hin, dass Potsdam mit der Garnisonkirche einen Ort erhält, an dem sichtbar wird, „dass Preußen nicht nur aus Schlössern, Gärten und Kulturschätzen in Museen besteht“. Er betonte, „die Garnisonkirche muss Preußen als einen wunden Punkt der Geschichte zeigen, ein Preußen, das weh tut.“ Wenn er vor diesem Hintergrund gleichzeitig und deutlich Punkte anmahnt, denen sich die Stiftung im Blick auf die geplante Eröffnung des Turms im Jahr 2023 inhaltlich stärker und detaillierter annehmen muss, dann ist es bedauerlich, dass darauf zumindest kein öffentliches Echo der Kritiker zu vernehmen war – sind es doch teilweise die gleichen Punkte, die sie anmahnen.

Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die diese Situation befriedigt? Mich nicht – allerdings habe ich gelernt, dass man mitunter unbefriedigende Situationen ertragen muss, wenn man sie nicht verändern kann. Ich will nicht über den Ausgang der Anhörung zur Garnisonkirche spekulieren und nicht darüber, welche Auswirkung diese auf die Stadtpolitik haben wird. Allerdings erwarte ich nicht, dass sie eine Befriedung der Stadtgesellschaft in dieser Frage erreichen kann. Ich bin überzeugt, der Turm muss fertig gebaut sein, eine überzeugende Arbeit im Sinn von Prof. Nolte dort stattfinden und dann wird man hoffentlich mit neuer Freiheit im Kopf darüber nachdenken können, wie die Leerstelle des früheren Kirchenschiffs räumlich und inhaltlich gefüllt wird. In der Zwischenzeit sollte die Stiftung darauf verzichten, eine Machbarkeitsstudie zum Wiederaufbau des Kirchenschiffes zu beauftragen.

Manche Dinge brauchen ihre Zeit – da es um eine Kirche geht, sei ein biblischer Bezug erlaubt. Nach dem Auszug aus Ägypten hat Gott das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste geführt, bevor es das gelobte Land betreten durfte. Drei Gründe werden genannt: um sie zu demütigen, um sie zu prüfen und um zu erkennen, was in ihrem Herzen war. Mir erscheint, dass derzeit noch zu viel spekuliert und behauptet wird, was jeweils bei denen auf der anderen Seite im Herzen sei. Solange das so ist, ist die Zeit noch nicht reif.

Garnisonkirche Potsdam - Der Stadtraum ist kein Laboratorium für moralisch und ideologisch begründetes Architekturtheater. Ein Wettbewerb für das Kirchenschiff.
Von Ludger Brands

Ludger Brands Foto: Privat Vergrößern
Ludger Brands © Privat


Die seit vielen Jahren kontrovers und zum großen Teil polemisch geführte Debatte zur Rekonstruktion der Garnisonkirche und insbesondere zur Frage eines möglichen Wiederaufbaus des Kirchenschiffs in welcher architektonischen Fassung und mit welchen Inhalten scheint sich zunehmend in eine Sackgasse zu manövrieren. Alle Argumente scheinen ausgetauscht von Befürwortern einer Wiederherstellung eines der bedeutendsten Zeugnisse norddeutscher Barockarchitektur bis hin zur unkünstlerischen architekturfreien Betrachtung eines Fluchs der politischen Geschichte, die mit diesem Bauwerk in Verbindung gebracht wird. Diese Redundanz bringt den notwendigen Ideenprozess nicht mehr weiter. Dazu stehen sich Befürworter und Gegner zu unversöhnlich gegenüber und niemand ist bereit eigens Terrain abzugeben.
Aber dieser Ideenprozess ist auch nicht abzukoppeln von der architektonisch stadträumlichen Geschichte dieses Ortes. Welche gedanklichen Fehler möglich sind, zeigen unendlich viele Beispiele Europäischer Nachkriegsstadtgeschichte, welche Potenziale in unseren Städten verborgen sind und reaktiviert werden müssen zeigen gerade die unterschiedlichsten Strategien von Rekonstruktionen der letzen 10 Jahre und ihre politischen Weichenstellungen dazu, die fast 30 Jahre zurück liegen.

Analog zur Wiederannäherung an den historischen Stadtgrundriss in Potsdams Mitte um den Alten Markt sollten, um das Gesamtensemble nicht in architektonische Beliebigkeit und modische Effektsehnsucht zu führen, einige wenige, aber essenzielle Entscheidungen gefällt werden, die als vorrangig vor funktionalen Festlegungen, Vorgaben zu formalen Ausprägungen wie „sichtbare Brüche“ etc. einzustufen sind: der Grundriss und die Kubatur des ehemaligen Kirchenschiffs. Dazu gibt es nur einen sinnvollen Weg, ein architektonischer Wettbewerb, der die unterschiedlichsten Strategien im Umgang mit diesem Ort ausloten und aufzeigen kann.

Mögliche Ansätze unter Respektierung dieser wenigen aber unverzichtbaren Rahmenbedingungen können sein:

  • die historische Rekonstruktion als baukünstlerisches Konzept (Aneignung und schöpferische Verbesserung), z.B. Sankt Maria im Kapitol, Köln, Willy Weyres, 1956 −1984
  • die interpretierende Rekonstruktion, die sich auf die Rekonstruktion des Baumonumentes ausrichtet, aber neue Bauelemente in zeitgemäßen Bauformen hinzufügt, z.B. Alte Pinakothek, München, Hans Döllgast, 1952 − 1957; Castelvecchio, Verona, Carlo Scarpa, 1957 − 1975; Wettbewerbsbeitrag Humboldtforum, Berlin, Kühn-Malvezzi, 2008,
  • die konzeptuelle Rekonstruktion (Neuerfindung statt der reinen Abbildung des Vorgängers), z.B. Haus Liebermann, Berlin, Josef Paul Kleihues, 1992 − 1999); Tate Modern, London, Herzog & de Meuron, 1995 − 2000)
  • die kritische Rekonstruktion, eher städtebaulich verortet (weder Originalaufbau der Stadt des 19. JH, noch modernistische Interventionen und unkritische Übernahme des „Modernen“), z.B. Berliner Stadtgrundriss und Stadttopographie in der Friedrich- und Dorotheenstadt nach 1990
  • die historische Simulation oder originalgetreue Rekonstruktion (Wiederherstellung der authentischen Gestalt eines Baumonuments), z.B. Goethehaus, Frankfurt a.M., Theo Keller , 1947 − 1951; Barcelona-Pavillon (M.v.d.Rohe), Ignasi de Solà-Morales Rubió, 1983 − 1986
  • Mischkonzepte, die verschiedene Strategien verwenden, Neues Museum, Berlin, David Chipperfield, 2003 − 2009; Humboldtforum, Berlin, Franco Stella, 2013 − 2021

Was bedeuten diese genannten Strategien und Projekte für den Diskurs zur Garnisonkirche? Dass dieses Vorhaben auf Augenhöhe mit den genannten Beispielen und gleichwertig im Sinne seiner Ausstrahlung nach außen über die Grenzen der Stadt Potsdam hinaus etabliert und betrieben werden muss. Jeder Klein-Klein-Diskurs und vordergründige funktionale Bedarfsbefriedigung ist nicht zielführend und beschädigt den Prozess mehr als er nützt.

In der Sehnsucht nach einer dieser Formen von Rekonstruktionen geht es zunächst:

  • um eine zutiefst geistige Auseinandersetzung mit der kulturellen Identität unserer Gesellschaft,
  • um Unverwechselbarkeit, Individualität, Sehnsucht nach Heimat, anstelle von Austauschbarkeit, Standardisierung und Rationalisierung,
  • um künstlerische, baukünstlerische und handwerkliche Aspekte, anstelle von oberflächlichem Eventgeplänkel
  • um den Umgang mit dem Thema gebauter und abgerissener Erinnerungen,
  • darum, dass unsere Zukunft auch Herkunft braucht
  • um eine Antwort auf fehlende Geschichtstiefe in unseren Städten

Der Wettbewerb zum Humboldtforum in Berlin hat gezeigt, wie groß die Bandbreite der Lösungsansätze auch im Rahmen klarer Vorgaben sein kann. Ein Vorfestlegung auf eine nur originalgetreue Rekonstruktion oder eine freie von Brüchen getragene, modische und kurzlebige Lösung zum jetzigen Zeitpunkt ist obsolet. Gönnen wir uns ein ernst gemeintes Wettbewerbsverfahren und einen ideologiefreien Diskurs. Nur auf der Basis eines Wettbewerbes kann ein inhaltlich und architektonischer Diskurs erst geführt werden. Möge sich dazu jeder bewegen.


Was ist der Stadt Bestes an der Garnisonkirche? Auf der Suche nach dem Miteinander in Potsdams Mitte.
Von Harald Geywitz

Harald Geywitz Foto: Privat Vergrößern
Harald Geywitz © Privat

Zwölf Jahre nachdem die Landeshauptstadt Potsdam der Stiftung Garnisonkirche beigetreten ist und damit den Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten und 1968 gesprengten Turms unterstützte, stehen unserer Stadtgesellschaft ein weiteres Mal grundsätzliche Entscheidungen bevor. Was kann auf dem Grund des verlorenen Kirchenschiffs entstehen? Was benötigt unsere Stadtgesellschaft an dieser Stelle? Wie geht es weiter mit dem kreativen Nukleus Rechenzentrum? Was kann man vom neugeplanten Kreativquartier erwarten?

Mich beschäftigen diese Zukunftsfragen als Potsdamer Bürger in vielen Zusammenhängen - als evangelischer Christ aus der Nikolaigemeinde, als Vorsitzender des Vereins Musik an St. Nikolai oder als Sozialdemokrat.

Ein persönlicher Anekdotenbogen sei mir eingangs gestattet. Anfang der 90er Jahre organisierte ich als Potsdamer Juso-Vorsitzender Mahnwachen zum „Tag von Potsdam“ am Glockenspiel, ein paar Meter entfernt führten Mitglieder der „Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär Potsdam“ auch eine Mahnwache durch, doch wir waren uns selbst im Mahnen nicht einig genug für gemeinsame Herumstehen. Ebenfalls als Juso-Vorsitzender ärgerte ich in dieser Zeit die SPD-Oberen mit einer Resolution und dem Titel einer Pressemitteilung „Wir brauchen kein preußisches Disneyland“. Im evangelischen Kirchenkreis diskutierten wir in den 2000er Jahren intensiv den Wiederaufbau der Garnisonkirche, verschiedene Nutzungskonzepte und architektonische Brüche. Am Ende stimmten wir demokratisch auf der Kreissynode dem Wiederaufbau des Turms zu und unterstützten fortan vor allem mit Personalmitteln und später mit zinslosem Kredit das Vorhaben eines Friedens- und Versöhnungszentrums in Potsdams Mitte. In diesem Zuge trat ich in die Fördergesellschaft zum Wiederaufbau der Garnisonkirche ein und spendete zwei Ziegel. Ein paar Jahre später trat ich wieder aus, da mir die Rückwärtsgewandheit und das von der Fördergesellschaft mit initiierte Bündnis Potsdamer Mitte, samt dem Synagogenverhinderungsverein, zunehmend missfiel.

Wie unsere Stadtgesellschaft steckt also auch mein Verhältnis zu diesem speziellen Stück Potsdamer Mitte voller Widersprüche. Das war in den letzten 28 Jahren so und wird für mich auch so bleiben. Doch bei einem bin ich mir ganz sicher: wir brauchen keine neue Kirche an dieser Stelle. Und erst recht kein historisch wiederaufgebautes Kirchenschiff. Mir kommt keine Nutzung in den Sinn, die über den großen Andachtsraum im wiederaufgebauten Turm hinausgehen könnte. Was wir dort brauchen? Vielleicht gar kein Gebäude, sondern einen offenen und öffentlichen Ort der Erinnerung, ein Ort der Mahnung an die Schrecken von Krieg, Gewalt und Hass, die auch von Potsdam ausgingen? Ein Ort, der nicht durch Seminare und Veranstaltungen zu überspielen versucht, was mich nach wie vor sprachlos macht?

Neben dem Grundstück der Garnisonkirche finden sich zwei Zukunftsprojekte, die unsere Aufmerksamkeit erfordern. Zum einen das geplante neue Kreativquartier. Kreativ, Kultur und so klingt ja immer gut - doch ist das alles durchdacht? Ein Kreativquartier gibt es bereits an der Schiffbauergasse. Sollte das nun an anderem Ort ergänzt werden oder gehört das nicht zusammen? Manche befürchten eine klassische Immobilienentwicklung mit Kulturanteil, der perspektivisch zugunsten zahlungskräftigerer Nutzer abschmelzen wird. Ich kann das nicht beurteilen. Aber ein Ersatz für die vielfältige und teilweise nicht-kommerzielle Nutzung im Rechenzentrum scheint mir das nicht zu werden.

Diese Frage führt direkt zur Zukunft des Rechenzentrums. Ein spontan und als Übergangslösung entstandener Ort, ein Nukleus für Kunst, Kultur und schöpferische Selbsterfahrungen bereichert unsere Stadt aus der Mitte heraus. Wenn das Kreativquartier dafür kein Ersatz sein kann, wo oder wie könnte dann dieser Raum sein? Ich war lange aus ästhetischen Gründen skeptisch, doch mittlerweile halte ich eine friedliche Koexistenz eines rekonstruierten und abgespeckten Rechenzentrums mit dem Kirchturm für möglich. Aus einem Nebeneinander von kreativer Unruhe und Versöhnungszentrum könnte im besten Falle ein Miteinander der Verschiedenheit entstehen. Das mag eine Vision sein. Doch danach zu streben wäre ein guter Impuls für unsere Stadtgesellschaft. Und womöglich der Stadt Bestes. 


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