Im Gespräch mit möglichen Wählern: AfD-Kandidat Tim Krause (rechts). Foto: Sebastian Gabsch
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PNN-Wahl-Serie | AfD-Direktkandidat Tim Krause Ein Mann mit vielen Gesichtern

Die PNN begleiten sechs Potsdamer Direktkandidatinnen und -kandidaten bei einem Wahlkampftermin vor Ort. Heute: Tim Krause (AfD) am Landtag in der Innenstadt.

Innenstadt - Nach 90 Minuten am Wahlkampfstand geschieht es: Tim Krause muss ein Autogramm als AfD-Direktkandidat geben. Gefragt hat an diesem Nachmittag ein älterer Radfahrer, drahtig, bärtig. Krause zückt seinen Stift, freut sich: „Das ist mein erstes Autogramm hier.“ Zuvor hat der Mann – mit typisch regionalem Akzent – von Krause wissen wollen, wie dieser zu den Ausländern hierzulande stehe: „Mir wird das hier zu vülle“.

Darauf soll Krause nun antworten. 50 Jahre ist der Kandidat alt, katholisch, er studierte unter anderem Geschichte und Wirtschaftswissenschaften, arbeitete als Drehbuchautor. Und steht in der AfD an der Seite der Landtagsfraktion, die zum radikaleren Teil der Partei gezählt wird. Der Brandenburger AfD-Landesverband wird vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft.

Zur AfD kam Tim Krause 2016. Er wollte sich unter anderem gegen die europäische Schuldenpolitik und den aus seiner Sicht bestehenden Demokratieabbau durch die EU engagieren. Nun arbeitet er als wissenschaftlicher AfD-Mitarbeiter im Bundestag. Korrekte Argumente statt „Phrasendrescherei“, sagt er, das sei ihm wichtig: „Ich arbeite gern mit Zahlen, sehe mir die Fakten an.“

"Peinlich", ruft Krause hinterher

Das will er nun auch dem Radfahrer zeigen, für den es in Deutschland zu viele Menschen aus anderen Ländern gibt. Krause macht deutlich, dass er differenzieren will, es auch Personen aus anderen Ländern gebe, die wichtig für Deutschlands Arbeitsmarkt sein könnten. Er kommt aber auch schnell auf die Flüchtlingskrise von 2015 und wartet mit Kriminalstatistiken auf. 

Eine weitere Zuwanderung in Sozialsysteme werde es mit ihm nicht geben, auch müsse man den gewaltbereiten politischen Islam bekämpfen, postuliert Krause. Viele seiner Argumente stehen auf einem handgeschriebenen Zettel, von dem er immer mal abliest. Der potenzielle Wähler klagt derweil darüber, dass auch Strafen für kriminelle Ausländer zu niedrig wären. Krause bedient sich in seiner Antwort einer unbelegten Behauptung: „Die Justiz hier ist teilweise nicht unabhängig.“

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Das Interesse an dem Stand ist an diesem Nachmittag überschaubar, mit Hilfe eines Lautsprechers hält Krause zwischendurch kürzere Reden. Dreimal pöbeln AfD-Gegner beim Vorbeiradeln gegen die Rechtspopulisten. Krause ruft ihnen hinterher: „Peinlich. Keine Ahnung, aber haten.“ Er erlebe in diesem Wahlkampf insgesamt weniger Ablehnung als früher, behauptet er. Jedoch fielen die Angriffe aggressiver aus.

Überraschendes zum Klimaschutz

Zwischendurch fragt ihn eine Schülerin zum Thema Klimaschutz. Seine Antwort fällt überraschend aus für das Mitglied einer Partei, in der viele den menschengemachten Klimawandel leugnen. Es gebe da unterschiedliche Auffassungen in der AfD, sagt Krause – er aber teile die Position der Potsdamer Klimaforscher. 

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Allerdings sei seine Antwort darauf anders als die der Grünen: So werde man mit Wind- und Solarstrom den Energiebedarf des Landes nicht decken können. Vielmehr setze er auf neueste Kernreaktoren, die keine Unfälle wie in Fukushima verursachen könnten und in denen Atommüll mit verheizt werde. Hier wirkt Krause eloquent, die Schülerin will schlussendlich sogar ein Selfie mit ihm.

Tim Krause am Wahlkampfstand am Landtag. Foto: Sebastian Gabsch Vergrößern
Tim Krause am Wahlkampfstand am Landtag. © Sebastian Gabsch

Doch nicht in jedem Augenblick ist er so beherrscht. Zu Beginn seiner Wahlkampf-Aktion will er einen Kaffee aus einem Restaurant holen. Dafür legt er seine Jacke mit AfD-Aufdruck ab. Warum? Er wolle niemanden provozieren, beim Essen sollten Bürger Ruhe vor der „Scheiß-Politik“ haben, entfährt es ihm. Später sagt er über sich selbst: „Ich bin noch nie mit dem Strom geschwommen.“ Beispiel: Corona. Eine Impfung für sich lehnt er ab – aus „Furcht vor Nebenwirkungen“ aus seiner Sicht zu wenig getesteter Vakzine.

Ein Ermittlungsverfahren: Krause bestreitet die Vorwürfe

Ärger hat er derzeit wegen seines Privatlebens. Gegen Krause ermittelt die Staatsanwaltschaft Potsdam wegen des Verdachts der Verletzung von Unterhaltspflichten, wie die Behörde bestätigt. Mitte der Woche hatte die „Märkische Allgemeine“ über eine entsprechende Strafanzeige aus dem Vorjahr berichtet. Seitdem steht der Vorwurf im Raum, dass der 50-Jährige keine Alimente für zwei seiner Kinder zahle. Von einer Strafanzeige wisse er nichts, sagt er am Stand – und behauptet: „Selbstverständlich zahle ich Unterhalt für meine Kinder.“ Die Vorwürfe wiegen schwer, auch weil Krause im Wahlkampf Kinderarmut anprangert: „Kinder dürfen kein Armutsrisiko mehr sein, sondern Wohlstandsgrundlage.“

Doch die Schlagzeilen kratzen sichtlich nicht an seinem Selbstbewusstsein. Ein Bekannter kommt am Stand vorbei. Krause scherzt: Wenn er hier gewinne, könne man den Landtag ja in AfD-Farben streichen. Das wird vermutlich aber nicht passieren: Bei der Bundestagswahl 2017 erzielte die AfD in Potsdam nur etwas mehr als 13 Prozent.

Am Samstag lesen Sie: Norbert Müller (Linke) am Platz der Einheit.

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