Cedric, Janine und Gabriel (v.l.n.r.) alle drei - noch - 15 Jahre alt, lernen in der zehnten Klasse an der Friedrich-Wilhelm-von-Steuben-Gesamtschule im Kirchsteigfeld. Gabriel wird am 23. September als 16-Jähriger seine Stimme abgeben dürfen. Foto: Martin Müller
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PNN-Serie zur Oberbürgermeisterwahl „In Potsdam wird viel zugebaut“

Viele 16-Jährige in Potsdam werden am 23. September erstmals ihre Stimme abgeben. Was die Zehntklässler Cedric, Janine und Gabriel von der Stadtpolitik erwarten? Vor allem Freiräume und mehr Angebote für Jugendliche.

Potsdam - Wenn Janine an ihre Zukunft denkt, dann kann sie sich die in Potsdam eigentlich gar nicht richtig vorstellen. Einerseits, weil der Wohnraum hier teuer ist, „zu teuer“, wie die 15-Jährige kritisiert. Aber auch, weil sie in der Landeshauptstadt keine Freiräume für Jugendliche sieht: „Es gibt keine Freizeitaktivitäten für Jugendliche – höchstens Kino, aber das kostet Geld“, sagt die Schülerin. Wenn sie mit ihren Freunden einmal grillen möchte, dann müsse sie „bis zum anderen Ende der Stadt fahren“ – vom Stern, wo sie wohnt, in den Bugapark im Bornstedter Feld – mit Grillgut und allem im Gepäck. „Das ist zu umständlich“, sagt sie. „Mehr Grillplätze“ – das ist dann auch einer der Wünsche, die sie an den neuen Oberbürgermeister oder die neue Oberbürgermeisterin hat.

Einige der Kandidaten für das höchste Amt im Rathaus hat Janine bereits persönlich kennengelernt: Gemeinsam mit ihren Mitschülern Cedric und Gabriel hat sie sich für ein Projekt des Kinder- und Jugendbüros des Stadtjugendrings zur OB-Wahl an ihrer Schule gemeldet. Im Juni trafen die Jugendlichen, insgesamt gab es rund 50 Teilnehmer, in Kleingruppen einige der Kandidaten und den amtierenden Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) für Interviews auf dem Schulhof – der fertige Film zur OB-Wahl soll nun am Freitag, dem 7. September, um 17 Uhr auf der Aktionsfläche am Bassinplatz gezeigt werden. Auch die OB-Kandidaten werden dann wieder erwartet. Eine zweite OB-Podiumsdiskussion für alle Steuben-Schüler soll es am 20. September um 16 Uhr im Lindenpark, Stahnsdorfer Straße 76, geben.

"Das sind auch nur ganz normale Menschen"

Von den Gesprächen mit den Politikern waren die Jugendlichen zumeist positiv überrascht, berichten sie. „Das sind auch nur ganz normale Menschen“, fasst es Gabriel zusammen. Mike Schubert (SPD) sei locker herübergekommen, bei Martina Trauth (parteilos, für die Linke) hätten die mitgebrachten Zettel etwas irritiert, findet Janine. Lutz Boede wiederum habe einen sympathischen Eindruck gemacht, sagt Cedric. Dass der scheidende Oberbürgermeister Jann Jakobs „zwei, drei Geschichten aus seiner Jugend erzählt hat“, lobt der 15-Jährige: „Das war auch lustig.“

Die Fragen, die die Jugendlichen an die Kandidaten haben, erstrecken sich über viele Themengebiete: Bessere Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) wünschen sie sich zum Beispiel. Angewiesen auf Bus und Tram sind alle drei: Gabriel fährt jeden Morgen aus Fahrland ins Kirchsteigfeld, Janine vom Stern, Cedric aus Ludwigsfelde. Das funktioniere zwar jeweils gut, erklären sie. Nötig seien aber bessere Busverbindungen in umliegende Dörfer, findet Janine. Dass der Verkehrsbetrieb den Linienverkehr in der Stadt in diesem Sommer wegen fehlender Fahrer sogar ausdünnen musste, sei „nicht so schön“, sagt sie.

Schwindende Grünflächen auch für Jugendliche ein Thema

Ein weiteres Thema, das die Jugendlichen beschäftigt, sind Grünflächen. „In Potsdam wird viel zugebaut“, kritisiert Cedric. Und dort, wo gebaut wird, gingen oft Grünflächen verloren. „Da, wo man sich trifft mit Freunden“, sagt Cedric. „Wo man einfach auf der Wiese liegen darf und reden“, fügt Janine hinzu. Flächen dafür gebe es praktisch kaum noch.

Dass in Potsdam kostengünstige Freizeitaktivitäten für junge Menschen rar sind, darin sind die drei sich einig. In der Stadtmitte gebe es praktisch keine Anlaufpunkte für Jugendliche, kritisiert Gabriel. Er wünscht sich mehr Angebote wie das kostenlose Stadtwerkefest. Das alljährliche Potsdam Open Air am Stern sei zwar toll, aber viel zu teuer, sagt Janine. 35 Euro kostet der Eintritt in diesem Jahr – für Schüler unbezahlbar. Es gebe einige Mitschüler, die erhielten gar kein Taschengeld.

Beim Thema Ferienjobs wünschen sich die Jugendlichen, dass Firmen auch mal mit Aushängen auf Stellenangebote für Unter-18-Jährige aufmerksam machen. „Denn wenn man’s nicht sieht, denkt man auch nicht dran“, sagt Gabriel. „Man muss aber auch faires Geld bekommen“, betont Cedric – was das Zeitungaustragen betrifft, habe er da Schlechtes gehört.

Wählen darf am 23. September allerdings nur Gabriel – er hat vorher noch Geburtstag und ist dann 16, so wie rund die Hälfte der Mitschüler im zehnten Jahrgang. Ein großes Thema seien die Wahlen bei den Jugendlichen aber dennoch nicht, berichten Cedric, Janine und Gabriel. Sie denken auch nicht, dass alle 16-Jährigen ihr Wahlrecht wahrnehmen werden. Faulheit und fehlende Lust führt Cedric an – „so ist die Jugend, überall“. Aber selbst im Familienkreis werde die OB-Wahl mitunter als weniger wichtig eingeschätzt. Janine ist – vielleicht auch durch das Wahl-Projekt – überzeugt: „Wenn man die Stadt Potsdam kritisiert und alt genug ist, um zu wählen, dann sollte man das auch tun.“ Die anderen beiden pflichten ihr bei. „Sonst ist man selbst schuld, wenn sich nichts ändert“, sagt Cedric.


Folge 6. Der nächste Teil der Serie „Potsdam-Realitätscheck“ zur Oberbürgermeisterwahl erscheint am Dienstag, dem 4. September, in den Potsdamer Neuesten Nachrichten

Cedric, Janine und Gabriel (v.l.n.r.), alle drei – noch – 15 Jahre alt, lernen in der zehnten Klasse an der Friedrich-Wilhelm-von-Steuben-Gesamtschule im Kirchsteigfeld. Gabriel wird bei der Oberbürgermeisterwahl am 23. September als dann 16-Jähriger seine Stimme abgeben dürfen. Die drei Jugendlichen engagieren sich gemeinsam mit rund 50 weiteren Mitschülern ihrer Schule seit Juni bei einem Projekt zur Wahl, das das Kinder- und Jugendbüro des Stadtjugendrings organisiert hat. Die Schüler haben unter anderem in kleinen Gruppen fünf der sechs OB-Kandidaten getroffen und interviewt.

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