Erzieher Andreas Gardow aus Potsdam. Foto: Martin Müller
© Martin Müller

PNN-Serie zur Oberbürgermeisterwahl in Potsdam „Das ist doch Wahnsinn“

Die PNN fragen Potsdamer vor der Oberbürgermeisterwahl, was sie vom neuen Stadtoberhaupt erwarten. Erzieher Andreas Gardow wünscht sich bezahlbare Wohnungen, mehr Kitaplätze und Bandprobenräume.

Potsdam präsentiert sich stellenweise märchenhaft schön. Hört man Andreas Gardow zu, drängt sich auch eine Assoziation zu einem Märchen auf. Zu dem von Hase und Igel nämlich. Egal ob es um die Suche nach einer Wohnung, einem Kindergartenplatz oder einem Bandprobenraum geht: Immer ist schon jemand da. Mit seinen Problemen weiß er sich nicht allein. Einer neuen Oberbürgermeisterin oder einem neuen Oberbürgermeister stellen sich viele Aufgaben, sagt er.

Die Stadt entwickle sich eben rasant, so der 30-Jährige. Als er 2011 aus Nauen nach Potsdam gekommen sei, hatte die Stadt rund 155 000 Einwohner, erinnert er sich. Inzwischen sind mehr als 20 000 dazugekommen. Natürlich spreche das für die Attraktivität der Stadt. Die weiß er schließlich auch selbst zu schätzen. „Potsdam ist toll. Ich bin begeistert.“ Doch das Wachstum seiner Stadt macht ihm gerade das Leben ziemlich schwer.

Gardow wurde nämlich vor einem Jahr Vater. Seitdem suchen er und seine Freundin eine größere Wohnung für die kleine Familie. Bislang erfolglos. Schöne Wohnungen gebe es ja, sagt er. Doch entweder seien sie unbezahlbar oder man bekommt sie nicht. Bei zehn Besichtigungen seien sie in den vergangenen Monaten gewesen. Mittlerweile treffe man dabei auf bekannte Gesichter. Andere Wohnungssuchende, die auch noch nichts haben. „Es muss doch möglich sein, dass man als Durchschnittsverdiener auch in Potsdam wohnen kann“, sagt Gardow. 

„Unter zehn Euro pro Quadratmeter Kaltmiete werden gar keine Wohnungen angeboten“

Derzeit wohnt er in der Teltower Vorstadt. Gardow arbeitet als Erzieher in einer Kita in Bornstedt. Momentan ist er in Elternzeit. Seine Freundin hat den gleichen Beruf. Sie arbeitet in Marquardt. „Unter zehn Euro pro Quadratmeter Kaltmiete werden gar keine Wohnungen angeboten“, so seine Erfahrung. „Das ist doch Wahnsinn.“ Angesichts der Löhne in Sozialberufen sei das nicht bezahlbar. Fast täglich schaut er sich Wohnungsangebote an. „Da gibt es 80 Quadratmeter große Neubauwohnungen am Wiesenpark, die unter dem Strich 1200 Euro Warmmiete kosten“, erzählt er.

Junge Familien würden an den Stadtrand abgedrängt oder ganz aus der Stadt hinaus. Es werde immer schwerer, sich den Alltag zu leisten, wenn das Einkommen schon für die Fixkosten draufgegangen sei. Das macht ihm Sorgen. „Wie soll man denn noch Leute für Berufe wie Altenpflege, Heilerzieher oder Erzieher begeistern, wenn die sich von dem Verdienst keine Wohnung leisten können?“

Doch nicht nur die Wohnungsfrage treibt ihn um. Als Vater und Erzieher ist er vom Thema Kinderbetreuung gleich zweifach betroffen. Mittlerweile habe man für die kleine Tochter einen Kitaplatz in der Nähe des Neuen Gartens bekommen. Doch bis dahin hat es gedauert. Immer wieder habe er gefragt, doch die Antwort war immer die gleiche: „Wir sind schon voll.“ Auch wenn die Statistik vielleicht gar nicht so schlecht aussehe, gefühlt mangele es an Kitaplätzen in Potsdam.

Vor allem die wohnortnahe Versorgung lasse zu wünschen übrig. Bekannte aus Babelsberg bringen ihr Kind jeden Tag in eine Kita in Potsdam-West, erzählt er. So etwas sei kein Einzelfall. Das Abholen und Hinbringen koste jede Menge Zeit und verursache zusätzlichen Verkehr in der Stadt. „Wir brauchen die Kitaplätze doch dort, wo die Menschen leben.“ So etwas müsse man beim Wachstum der Stadt besser mitdenken.

Gardow: Betreungsqualität in Potsdams Kitas leidet unter Personalmangel

Mit den Kitaplätzen allein sei die Sache aber noch nicht erledigt. Es müsse auch in die Betreuung in den Einrichtungen selbst investiert werden. Der Personalschlüssel reiche nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Darunter leide die Qualität der Betreuung. „Wir brauchen die dritte Betreuungsstufe“, sagt Gardow. Die sei nötig, damit die Träger auch für die Betreuung der Kinder, die länger als acht Stunden in der Kita bleiben, genug Personal anstellen können. Mit mehr Personal könnten die Erzieher viel bedürfnisorientierter auf die Kinder eingehen. Bisher zahlt das Land dafür nicht. Wenn sich das nicht ändert, solle die Stadt einspringen, fordert Gardow. „Als Landeshauptstadt sollte man symbolisch vorangehen.“ Ohne zusätzliche Mittel für mehr Personal sei die Betreuung bei 14 Kindern pro Erzieher ein Drahtseilakt, besonders wenn sich die Gruppe auch noch aus Kindern verschiedenen Alters zusammensetzt.

Auch in der Freizeit lässt Gardow die Mangelwirtschaft nicht los: Er spielte lange Jahre Bassgitarre in einer Band. Und Proberäume sind bekanntlich rar in Potsdam. Daher mussten er und seine Musiker nach Werder (Havel) und auch nach Rehbrücke ausweichen, doch schon für die Anfahrt sei viel Zeit verloren gegangen. Zudem musste man sich Räume mit anderen Bands teilen, woran wieder die nötige Flexibilität litt. Das machte es schwierig, Termine zu finden. Nötig wären mehr Probenräume in Potsdam. „Etwas wie das Rechenzentrum – nur für Bands“, sagt er. In der Vergangenheit seien solche Räume immer wieder weggefallen. „Dabei braucht man in einer wachsenden Stadt mehr davon und nicht weniger.“

Wen er am 23. September wählen wird, weiß Gardow noch nicht. Er müsse sich noch informieren. „Den Boede finde ich grundsympathisch“, sagt er über den Kandidaten der Wählervereinigung Die Andere. Der engagiere sich im Jugendfußball und gehe auch mal zum SV Babelsberg ins Stadion. „Und als Fahrradfahrer interessiert mich auch, was die Grünen so vorschlagen.“ Hauptsache sei, dass man beim neuen Oberbürgermeister das Gefühl habe, dass er oder sie die Probleme ernst nehme.

Folge 4. Der nächste Teil der Serie „Potsdam-Realitätscheck“ zur Oberbürgermeisterwahl erscheint am Samstag, dem 1. September, in den Potsdamer Neuesten Nachrichten


* In einer ersten Version des Textes hieß es noch, Andreas Gardow probe mit seiner Band im Archiv-Jugendzentrum. Hier hat sich ein Fehler eingeschlichen, dies ist so nicht richtig. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. 


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