Denis in seiner Wohnung im Staudenhof. Foto: Andreas Klaer
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PNN-Serie: Wir im Staudenhof „Abwarten und Tee trinken“

Über die Zukunft des Wohnblocks Staudenhof diskutiert Potsdam seit Jahren. Doch wer lebt dort eigentlich? Wir stellen zehn Bewohner vor. Heute: Zu Gast bei Denis.

Potsdam - Denis hat gerade zu Mittag gegessen. Das Tablett steht noch auf dem kleinen Couchtisch in Kacheloptik zwischen Schreibtisch und Bett – für einen eigenen Esstisch hat er in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung keinen Platz. Jetzt trägt er das Tablett wieder zurück in die kleine Küche, dann sind seine 30 Quadratmeter wieder vom Ess- zum Arbeitszimmer geworden – bevor sie abends wieder zum Schlafzimmer werden. Seit 2001 wohnt Denis schon im Staudenhof, er ist den Platzmangel gewöhnt. Schlimm war es nur, als er im Rollstuhl saß. „Das war echt verdammt eng“, sagt der 37-Jährige und lacht.

Denis hat eine angeborene spastische Behinderung, man braucht ein paar Minuten, um sich an seine Aussprache zu gewöhnen. Doch dann ist er gut zu verstehen – inklusive seines ab und zu aufblitzenden Galgenhumors. Geboren und aufgewachsen ist Denis im südbrandenburgischen Uebigau im Landkreis Elbe-Elster, nach Potsdam kam er wegen des Berufsbildungswerkes, das hier angesiedelt ist. In der Einrichtung vom Oberlinhaus können Behinderte eine Ausbildung machen.

Denis kam wegen der Lehre nach Potsdam

Denis fing erst mit einer Lehre zur Bürokraft an, doch schon bald merkten die Lehrer, dass dies nicht das richtige für den computerversessenen jungen Mann war. „Ich hab mir im Unterricht meine eigenen Programme geschrieben, damit ich nicht selber rechnen muss“, erzählt Denis und lacht. Jemand schlug eine Ausbildung zum Informatikkaufmann vor – „das war genau das Richtige für mich“.

Nach der Ausbildung fing Denis dann bei einem Pflegedienst in der Verwaltung an, doch glücklich wurde er dort nicht. „Der Vertrag war unbefristet, aber ich wurde ausgenutzt und diskriminiert“, sagt er kopfschüttelnd. Danach war er lange arbeitslos, schrieb unzählige Bewerbungen. „Behinderte stellt eben niemand gerne ein“, sagt er trocken.

Ein Song von Silbermond brachte die Wendung

Dann kam die Band Silbermond nach Potsdam, das Plakat hängt bis heute über Denis’ Bett in seiner Wohnung im Staudenhof, mit persönlicher Widmung. Zum Tag der Einheit 2005 spielte die deutsche Pop-Rock-Band im Lustgarten, Denis war dabei. Als sie das Lied „Mach’s dir selbst“ spielten, in dem es darum geht, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, fasste er einen Entschluss. Er wollte sich selbstständig machen.

Tatsächlich, Denis besuchte ein Seminar und gründete seine eigene Firma, die DHS Media. Vor allem baut er Internetseiten und programmiert, wenn mal kein Auftrag da ist, auch für sich selbst, wie er sagt. Zum Beispiel ein Computer-Programm für die Küchenlogistik. „Mein Bruder ist Koch und hat mir erzählt, was man brauchen könnte in der Küche.“ Ob und wann er es an den Mann bringt, weiß er noch nicht, aber er ist zuversichtlich: „Das ist meine Altersvorsorge.“

Ein Unfall hatte Denis zurückgeworfen

Meist arbeitet Denis von zu Hause aus, nur selten ist er bei Kunden. An seiner Wohnungstür ist ein Aufkleber mit seinem Firmenlogo zu sehen, in der Wohnung nimmt der Schreibtisch mit Computer und Drucker den meisten Platz ein. Darüber hat er gerahmte Zertifikate aufgehängt, zum Beispiel für einen Kurs am Hasso-Plattner-Institut (HPI). Die ersten Jahre sei es ganz gut gelaufen, erzählt Denis, doch dann hatte er einen schweren Unfall. Er musste ins Krankenhaus, war lange arbeitsunfähig – und saß im Rollstuhl.

In seiner Wohnung bleiben konnte er trotzdem, denn der Staudenhof ist trotz seines Alters weitgehend barrierefrei. Der Haupteingang Richtung Bibliothek ist über eine Rampe zu erreichen, drinnen gibt es einen Aufzug, Türschwellen gibt es nicht. Nicht nur deshalb will Denis gerne hier bleiben. Eine teurere Wohnung könnte er sich momentan nicht leisten.

Seit dem Abriss der Fachhochschule ist der Blick auf den Staudenhof frei. Foto: PNN / Ottmar Winter Vergrößern
Seit dem Abriss der Fachhochschule ist der Blick auf den Staudenhof frei. © PNN / Ottmar Winter

Auch, wenn sich die Nachbarschaft ziemlich verändert hat, wie er erzählt. „Früher war es hier zum Beispiel sauberer“, sagt Denis. Auch habe er das Gefühl, dass vermehrt Menschen „von der Straße“ in den Wohnungen untergebracht würden, die psychische Probleme hätten und Alkoholiker seien. Manche schimpften auch auf die Ausländer, die dazugekommen seien, aber Denis glaubt nicht, dass die es sind, die für den Dreck verantwortlich sind. „Viele sind super nett und fragen mich oft, ob sie was helfen können.“

"Gefühlt gab es schon fünf oder sechs Abrisstermine"

Denis wohnt in Richtung Burgstraße, was ihm während der lauten und staubigen Abrissarbeiten an der Fachhochschule zugute kam. „Ich habe davon fast nichts mitbekommen“, sagt er. Dafür hat er eine andere Geräuschquelle, die ihm manchmal den Schlaf raubt: Die Glocken der Nikolaikirche. „Das ist richtig, richtig laut“, sagt Denis und lacht schon wieder. Er lässt sich die Laune eben nicht so schnell vermiesen.

Denis blickt von seinem Balkon Richtung Burgstraße - hier rechts im Bild.  Foto: PNN / Ottmar Winter Vergrößern
Denis blickt von seinem Balkon Richtung Burgstraße - hier rechts im Bild.  © PNN / Ottmar Winter

Dass der Staudenhof wirklich abgerissen werden soll, glaubt Denis erst, wenn es soweit ist. „Gefühlt gab es schon fünf oder sechs Abrisstermine“, sagt er und macht eine wegwerfende Bewegung. „Ich lass mich nicht verrückt machen. Erstmal abwarten und Tee trinken.“


HINTERGRUND 

Der Wohnblock mit der Adresse Am Alten Markt 10 wurde 1971 bezogen. Benannt ist er nach der gleichnamigen, bereits abgerissenen Grünfläche.  

182 Wohnungen gibt es in dem Wohnblock, die meisten haben ein Zimmer und sind genau 30,25 Quadratmeter groß. Nur einige wenige an der nordwestlichen Gebäudeecke haben vier Zimmer und rund 100 Quadratmeter - wie jene von Ludmila und ihrer Familie. 30 Wohnungen werden außerdem als Flüchtlingsunterkunft genutzt, der sogenannte Wohnungsverbund wurde 2014 gestartet. 

Wie es mit dem lange unsaniertem Bau weitergeht, ist noch nicht entschieden. Die Eigentümerin, die kommunale Pro Potsdam, favorisiert einen Abriss. Auch viele Stadtpolitiker sind gegen Erhalt und Sanierung. 

Die nächste Folge der Serie erscheint am Donnerstag. Dann stellen wir den Bewohner Matthias vor. Wenn Sie keine Folge verpassen wollen, lesen Sie bis zu 30 Tage gratis zur Probe.

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