Im Bornstedter Feld ist eine WG für Demenzerkrankte eröffnet worden. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Pflege in Potsdam WG für Demenzerkrankte im Bornstedter Feld eröffnet

Die Gemeinschaftswerke haben ihre erste WG für Demenzkranke in Potsdam eröffnet. Betroffenen soll dort ein eigenständiges Leben ermöglicht werden. Sechs weitere WGs sind geplant.

Potsdam - Noch ist es ein bisschen leer in der 366 Quadratmeter großen Wohnung: Erst zwei Bewohnerinnen leben in der Wohngemeinschaft in der Jochen-Klepper-Straße für demenzkranke Senioren, Platz ist für insgesamt elf Menschen. Doch schon jetzt scheint es den beiden Damen in der hellen Wohnung mit den bodentiefen Fenstern sehr zu gefallen: "Ein paar Tage nach dem Einzug haben wir Musik angemacht und für den Karneval geschmückt, sie sind richtig aufgeblüht", sagt Oliver Anderle, der Leiter der Gemeinschaftswerke in Potsdam, die die Einrichtung ins Leben gerufen hat. "Viele spüren: Das ist kein Ende, sondern ein neuer Anfang. Ähnliches habe ich auch schon in anderen Senioren-WGs von uns erlebt."

Die Bewohner:innen sollen ein eigenständiges Leben führen, Betreuer sind nur Gäste

Die gemeinnützigen Gemeinschaftswerke sind vor allem im Havelland, Oberhavel und Potsdam aktiv und betreuen hier insgesamt 14 Wohngemeinschaften. Die neue Einrichtung im Bornstedter Feld ist die erste Demenz-WG der Gemeinschaftswerke in Potsdam: Senioren:innen sollen hier anders als in Pflegeheimen ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben führen, nur eine Präsenzkraft begleitet die WG-Bewohner im Alltag, hilft bei Problemen und passt auf, dass sich niemand verläuft. "Wir sind nur Gäste in der WG", sagt Anderle. "Wir betreuen nach Bedarf."

Im selben Haus in der Jochen-Klepper-Straße befindet sich auch eine Tagespflege und eine Begegnungsstätte. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Im selben Haus in der Jochen-Klepper-Straße befindet sich auch eine Tagespflege und eine Begegnungsstätte. © Andreas Klaer

Die Gemeinschaftswerke setzen auf das Prinzip der geteilten Verantwortung und ein soziales Netz verschiedener Akteure: Zum einen achten die WG-Bewohner:innen gegenseitig aufeinander, zum anderen werden auch die Angehörigen sowie viele ehrenamtliche Mitarbeiter:innen bei der Betreuung eingebunden. Pflegefachkräfte unterstützen ambulant bei der körperlichen Pflege und der medizinischen Versorgung, im Haus selbst befinden sich auch noch eine Tagespflegeeinrichtung und eine Begegnungsstätte der Gemeinschaftswerke.

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Die gesamte Wohnung ist barrierefrei und verfügt neben einer großzügigen Küche, einem Wohn- und Esszimmer und vier geräumigen Bädern auch über eine Gemeinschaftsdachterrasse. Der reichliche Platz sei elementar für den Alltag der Senior:innen, sagt Jana Loitz, die die Demenz-Beratungsstelle im selben Haus leitet: "Für Menschen mit Demenz ist das extrem wichtig. Sie haben eine Hin- und Weglauf-Tendenz."

Jeder bringt eigene Möbelstücke mit - ein Stück Heimat

Die elf Einzelzimmer sind zwischen zwölf bis 16,3 Quadratmeter groß, der Preis liegt bei 584,44 bis 663,82 Euro Nettokaltmiete. Alle Bewohner:innen bringen ihre eigenen Möbel mit, ihr eigenes Stück Heimat: "Es war schön, mit anzusehen, wie sie angekommen sind und sich sofort zuhause gefühlt haben", sagt Loitz. "Jeder kann sich zurückziehen, es gibt keine Anweisungen, wie der Tag abzulaufen hat", so Oliver Anderle.

Vor dem Einzug wird zusammen mit den Angehörigen eine Biographie erstellt und nach besonderen Vorlieben oder Bedürfnissen gefragt: "Im Alltag können wir so auf bestimmte Verhaltensweisen oder Tagesrhythmen eingehen und das Verhalten unserer Bewohner in verschiedenen Situationen besser verstehen", sagt Loitz. Vor dem Einzug neuer Mitbewohner:innen wird genau geschaut, ob der "Neuzugang" auch in die WG passt.

Alternative zum Pflegeheim, aber auch Herausforderung

Viele Angehörige stünden dem Konzept der Demenz-WG zunächst einmal skeptisch gegenüber, sagt Anderle: "Natürlich ist es eine Herausforderung, aber dank geteilter Verantwortung kann das gelingen. Viele haben hinterher zu uns gesagt, ‚Ein Glück, dass wir das gemacht haben!'" Für Anderle geht gar kein Weg an Demenz-WGs vorbei: "Da gibt es einen Riesenbedarf, die Menschen werden immer älter und die Pflegeheime sind oft überlastet."

"Tatsächlich ist das Konzept nicht neu: Bereits 2009 wurde in Babelsberg eine Demenz-WG für acht Bewohner:innen auf Initiative von Angehörigen gegründet, 2014 eröffnete das privat geführte „Omi und Opi-Haus“ in der Heinrich Mann-Allee. Auch die Gemeinschaftswerke planen neue WGs: Im März 2022 sollen in der Großbeerenstraße nahe dem Filmpark zwei weitere Demenz-WGs für jeweils neun Bewohner:innen entstehen, zum gleichen Zeitpunkt sollen weitere vier Demenz-WGs für jeweils fünf Bewohner:innen und eine Tagespflege in der Roten Kaserne eröffnen. Sowohl für die Senioren-WGs als auch für Tagespflegeeinrichtungen und Sozialstationen suchen die Gemeinschafswerke in Potsdam noch Mitarbeiter:innen."

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