Rita Schulze-Gahlbeck. Foto: Andreas Klaer
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Oberbürgermeisterwahl in Potsdam „Man will doch gut aufgehoben sein bis zuletzt“ 

Bei der Barrierefreiheit hat Potsdam Fortschritte gemacht. In der Pflege bleibt aber viel zu tun, findet Rentnerin Rita Schulze-Gahlbeck.

Potsdam - Rita Schulze-Gahlbeck ist eine dynamische Frau. Drei Mal pro Woche macht die 69-Jährige Sport, Fitness oder Wassergymnastik. Die Rentnerin besucht auch andere Senioren, um Bewegung in deren Alltag zu bringen. Sie hat sich als „Gesundheitsbuddy“ ausbilden lassen, viel gelernt zu sportlichen Übungen und den Möglichkeiten, auch mit körperlichen Einschränkungen. „Davon haben beide Seiten etwas, man trifft sich, tauscht sich aus und bleibt aktiv“, sagt Schulze-Gahlbeck, die ursprünglich aus Luckenwalde stammt. Der Seniorin ist wichtig, den Kontakt zu anderen Menschen nicht zu verlieren, raus zu gehen, in Bewegung zu bleiben. „Dafür muss man aber auch selbst etwas tun“, sagt sie. „Wenn ich zurückgezogen in meinem Kämmerlein lebe, kann mir auch keiner helfen.“
Rita Schulze-Gahlbeck ist eine Frau, die immer erst auf die positive Seite der Medaille schaut. „Meckern hilft doch niemandem weiter“, sagt sie. In Potsdam, so sieht es die 69-Jährige, hat sich einiges getan für Senioren in den letzten Jahren. „Vieles hat sich positiv entwickelt“, lobt sie. „Potsdam ist im Vergleich zu anderen Städten schon recht weit.“ Gerade in der Innenstadt sei mittlerweile immer mehr barrierefrei, die Bordsteinkanten seien vielerorts abgesenkt. Nur das Kopfsteinpflaster mache ihr manchmal zu schaffen, gerade, wenn sie ihre 90-jährige Mutter im Rollstuhl spazieren schiebt. „Aber wenn der Übergang über die Straße zu schwierig ist, hilft einem immer einer“, sagt die Rentnerin. Auch Aufzüge gebe es vermehrt. „Die funktionieren leider nicht immer, der an der Alten Fahrt ist öfter kaputt. Aber trotzdem eine schöne Sache, dass sie daran gedacht haben“, sagt sie. 

Günstigerer öffentlicher Nahverkehr, genug Einkaufsmöglichkeiten und Ärzte

Schulze-Gahlbeck ist schlecht zu Fuß, da zählt manchmal jeder Meter. „Ein paar mehr Bänke in den Parks wären schon schön“, merkt sie an. Wichtiger aber wäre ihr ein günstigerer öffentlicher Nahverkehr. Die Idee eines kostenlosen Tram- und Busverkehrs findet sie deshalb verlockend. Sie selbst wohnt in der Innenstadt. Seit 40 Jahren lebt sie mit ihrem Mann, mittlerweile 76 Jahre alt, in einer Wohnung in der Burgstraße. Eine gute Lage, findet sie, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte und Freizeitangebote in der Nähe. „Ich kann nicht klagen“, sagt sie. Einkaufen geht sie am liebsten bei Kaufland in den Bahnhofspassagen. Nicht weit, aber zu weit für sie zu Laufen. „Wenn ich mit meinem Mann zusammen einkaufen gehe, lohnt es sich einfach nicht, die Straßenbahn zu nehmen. Das ist zu teuer“, sagt sie. „Als Rentner kann man sich ja auch nicht alles leisten“, sagt sie. Also nimmt sie häufig das Auto. 
Auch, um ihre Mutter im Pflegeheim zu besuchen, wo diese seit einem Jahr lebt. Mit dem Heim sei sie zufrieden. Aber einen Platz zu bekommen, sei sehr schwierig gewesen. „Wir brauchten von einem Tag auf den anderen einen Platz nach einem Krankenhausaufenthalt meiner Mutter. Wir haben alles abtelefoniert, Termine gemacht und hatten am Schluss einfach Glück“, so erinnert sich Schulze-Gahlbeck. Pflegenotstand ist also durchaus ein Stichwort, bei dem sie hellhörig wird. „Alles steht und fällt mit dem Personal. Wir brauchen eine bessere Bezahlung und mehr Leute in dem Bereich“, erklärt sie. Wenn sie sehe, dass dort manchmal zwei oder drei Pflegekräfte für einen ganzen Flur zuständig seien, werde ihr ganz anders. „Man will doch gut aufgehoben sein bis zum letzten Atemzug.“ 

„Der Egoismus und die Abkapselung der Menschen machen mir Sorge“

Damit es nicht so schnell dazu kommt, dass man einen Heimplatz braucht, bräuchte es wieder mehr gegenseitige Unterstützung, findet Schulze-Gahlbeck. „Der Egoismus und die Abkapselung der Menschen machen mir Sorge“, erklärt die Seniorin. Gegen die Indiviualisierung würde sie sich mehr Nachbarschaftshilfe wünschen – und Initiativen in diesem Bereich sollte aus ihrer Sicht auch die Politik stärker würdigen. Natürlich brauche Teilhabe zwei Seiten, sagt sie. Wer nicht selbst Interesse zeige, werde auch nicht einbezogen. Aber: „Gerade im Alter ist es so wichtig, dass man Kontakt zu anderen hat und gegenseitig aufeinander achtet“, sagt die Rentnerin, die früher mal für die Universität gearbeitet hat und auch schon einige Jahre lang ein Gästehaus geleitet hat. 
Ein weiterer Wunsch von Rita Schulze-Gahlbeck an die Stadtpolitiker ist mehr Dialog. „Ich bin mir sicher, viele gerade ältere Menschen, würden sich eher ernst genommen fühlen, wenn es mehr Gespräche in den Hausgemeinschaften gäbe“, betont sie. Manche fühlten sich nicht mitgenommen, nicht gehört, hätten Schwierigkeiten, ihre Anliegen vorzubringen. Bürgernähe dürfe nicht nur ein Stichwort sein, findet sie. Deshalb wünscht sie sich, dass Stadtverordnete oder Beigeordnete öfter zu offenen Gesprächen direkt zu den Bürgern kommen. „Nicht nur im Wahlkampf.“


Lesen Sie auch die anderen Teile unserer Serie „Potsdam-Realitätscheck“ zur Oberbürgermeisterwahl.

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