Die Tierheime in Potsdam und der Region sind ausgelastet. Foto: Ottmar Winter
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Neues Zuhause gesucht Tierheime vor dem Kollaps

Kaum Interessenten und Geldnot: Heime in Potsdam und Umgebung können keine Tiere mehr aufnehmen.

Potsdam - Kein Platz mehr frei: Die Tierheime in der Region platzen aus allen Nähten. „Alles ist voll, die Lage ist wirklich sehr schwierig“, sagt der Potsdamer Tierarzt Gordon Ebeling, der auch Mitglied des Tier e.V. ist, der in Geltow ein Tierheim betreibt. „Eigentlich haben wir bislang noch nie Katzenkinder ablehnen müssen, doch dieses Jahr mussten wir das erstmals tun“, so Ebeling. Es sei ein „extremes Katzenjahr“ mit vielen Würfen gewesen. Warum das so ist, könne er nicht sagen, doch allein in seiner Tierarztpraxis habe er in diesem Jahr bereits 100 Katzen kastriert, davon viele wilde Katzen, die anschließend wieder ausgesetzt werden. In den Vorjahren lag dieser Wert bei 30 bis 60 Kastrationen – im ganzen Jahr. 

Ein weiterer Belastungsfaktor ist die Urlaubssaison: „In den letzten Wochen mussten die Einrichtungen viele ausgesetzte Tiere bei sich aufnehmen“, schreibt der Landestierschutzverband Brandenburg e.V. in einer Pressemitteilung. „Manche Tierhalter versuchen sich ihrer Verantwortung zu entziehen und geben ihre Tiere als vermeintliche Fundtiere aus.“ 

Bei Fundtieren handelt es sich um verirrte oder entlaufene Haustiere ohne bekannte Halter:innen. Alarm schlug auch das seit Monaten überlastete Tierheim Berlin in Falkenberg, das kürzlich einen Aufnahmestopp für Tiere aus privater Haltung verhängte. „Wir müssen leider jetzt die Notbremse ziehen“, sagte Leiterin Mareen Esmeier. Das Tierheim betreut täglich etwa 1400 Tiere; würden alle Anfragen angenommen, wären es rund 300 Tiere mehr.

Tierpflegerin Kathrin Wickel kümmert sich um Kater Teo und seine Artgenossen.  Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Tierpflegerin Kathrin Wickel kümmert sich um Kater Teo und seine Artgenossen.  © Ottmar Winter

Ähnlich sieht es im Tierheim Potsdam aus: Hier gibt es schon seit Anfang Juli einen Aufnahmestopp, was aber vor allem mit der kleinen Größe der Einrichtung zu tun hat. „Wir haben in den letzten Wochen viele Anfragen für Urlaubspensionen bekommen, aber wir sind voll belegt“, sagt Leiterin Antje Schwarze. Derzeit beherbergt das Tierheim zwölf Hunde, 28 Katzen und 16 Kleintiere wie Kaninchen oder Meerschweinchen.

Doch warum sind die Tierheime so voll? „Während der Pandemie haben sich die Leute massiv Tiere angeschafft, deshalb ist der Markt nun gesättigt“, sagt Ebeling. Die Folge: Es gibt zu wenig Interessenten für Adoptionen von Tieren aus dem Tierheim, deshalb werden keine Plätze für neue Tiere frei. „Auch bei uns in Geltow ist die Zahl der Anfragen deutlich zurückgegangen“, so Ebeling. Ein weiterer Faktor sei die unsichere wirtschaftliche Lage, in der sich viele Menschen gerade befänden: „Wenn ich nicht weiß, ob ich mir nächstes Jahr noch Lebensmittel leisten kann, überlege ich mir zweimal, ob ich mir ein Tier anschaffe.“

Antje Schwarze, Leiterin des Potsdamer Tierheims. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Antje Schwarze, Leiterin des Potsdamer Tierheims. © Ottmar Winter

Ob die Urlaubszeit etwas mit der Zahl der ausgesetzten Tiere zu tun hat, kann Ebeling nicht einschätzen: „Seit Beginn der Sommerferien hat sich da eigentlich nicht viel verändert.“ Schon seit April beobachte er in Potsdam, dass extrem oft Kleintiere ausgesetzt würden, Hunde und Katzen hingegen weniger. „Es werden immer wieder Kaninchen im Wald ausgesetzt, zum Teil mit ihren Ställen“, sagt Ebeling. Die Zahl der Fundtiere, die in Potsdam gefunden werden, ist im Vergleich zu 2021 recht hoch: Waren es im letzten Jahr insgesamt 154 Fundtiere, sind jetzt schon 110. Die meisten davon sind Hunde und Katzen.

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Die Überlastung der Kapazitäten und die geringe Nachfrage nach Vermittlungen sind nicht die einzigen Probleme, mit denen sich die Tierheime der Region derzeit herumschlagen müssen: Viele Einrichtungen sind personell unterbesetzt und von Spenden abhängig, sagt Ebeling. „Doch die Spenden sind in letzter Zeit sehr zurückgegangen.“ Ein weiteres Problem sind die gestiegenen Betriebskosten: Der Tier e.V. betreibt noch ein zweites Tierheim in Wiesenburg, geheizt wird mit Erdgas. Im letzten Jahr zahlte der Verein laut Ebeling 1400 Euro, um seinen Gastank vollzumachen, in diesem Jahr waren es 3800 Euro.

Im Tierheim Geltow sind auch Schildkröten zuhause. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Im Tierheim Geltow sind auch Schildkröten zuhause. © Ottmar Winter

Auffangstation in Brandenburg an der Havel geschlossen

Ein Blick nach Brandenburg an der Havel zeigt, in welche Bedrängnis Tierheime aktuell kommen können: Anfang der Woche schloss die Stadt die renommierte Tierauffangstation von Marko Hafenberg, wo sich ein Team von Ehrenamtlichen um mehr als 200 Tiere gekümmert hatte. Das Veterinäramt begründete den Schritt damit, dass die Unterbringung, Betreuung und Pflege der Tiere nicht dem Tierschutzgesetz entsprechen würden. Ebeling vermutet, dass es die engagierten Mitarbeiter:innen der Auffangstation nicht über‘s Herz gebracht haben, Tiere abzuweisen, weshalb es zu einer Überlastung der Einrichtung gekommen sei. „So geht es gerade vielen Einrichtungen, wo viel Arbeit auf wenigen Schultern lastet“, sagt Ebeling.

Ähnliche Probleme hat der komplett spendenfinanzierte Notkleintiere e.V. aus Wensickendorf, der nahe Oranienburg einen Gnadenhof betreibt: Mitte Juli hatte der Landkreis Oberhavel den Ehrenamtler:innen die Aufnahme weiterer Wildtiere untersagt, außerdem soll der Tierbestand des Gnadenhofs reduziert werden. Der Verein wehrt sich mit einer Petition gegen den Schritt. „Die Lage der Tierheime ist sehr problematisch, eigentlich müsste die Politik da reagieren“, sagt Ebeling. 

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