In Krampnitz hat die Altlastensanierung begonnen.  Foto: PNN / Ottmar Winter
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Neubau-Stopp Verzögerung beim Tram-Ausbau bremst Krampnitz

Knapp 4000 Liter krebserregendes Reinigungsmittel lagern in Krampnitzer Boden. Elf Jahre soll es dauern, bis die Sanierung abgeschlossen ist. Doch die Entwicklung des Wohngebiets verzögert sich aus anderen Gründen.

Potsdam - Um die Verzögerung beim Tram-Ausbau nach Krampnitz abzufedern, will die Stadt Potsdam bei der Entwicklung des neuen Vorzeigestadtteils auf die Bremse treten. Alle von der Pro Potsdam geplanten Neubauten auf dem Gebiet sollen erst fertiggestellt werden, wenn die Straßenbahnlinie in den neuen Stadtteil in Betrieb ist, sagte der Geschäftsführer der stadteigenen Bauholding Pro Potsdam, Bert Nicke, am Dienstag auf PNN-Nachfrage.

Die Sanierung der Altbauten hingegen sei nicht aufschiebbar, da die denkmalgeschützte Bausubstanz sonst weiter erheblichen Schaden nehmen würde, so Nicke weiter. „Unser Ziel ist es, dass solange die Tram nicht bis Krampnitz fährt, dort maximal 5000 Menschen leben.“ Diese Menge sei auch mit einem vorläufigen Buskonzept zu bewältigen, sagte der Pro Potsdam-Chef.

Deutsche Wohnen vermietet ab 2021

Wie berichtet sollen in Krampnitz bis Mitte der 2030er-Jahre eigentlich rund 10.000 Menschen leben. Neben der Pro Potsdam baut dort auch die Deutsche Wohnen AG. Dem Immobilienkonzern gehört in Krampnitz der Großteil der denkmalgeschützten Kasernengebäude, die er sanieren und ungeachtet der Verzögerungen beim Tram-Ausbau ab Ende 2021 vermieten will. 

Bei der Entwicklung des Stadtteils wird bekanntlich darauf Wert gelegt, dass die Bewohner möglichst wenig auf den individuellen Kraftverkehr angewiesen sind. So sollen auf mehreren Gewerbeflächen auch neue Jobs entstehen, das Pendeln zum Arbeitsplatz also möglichst reduziert werden. Was darüberhinaus an Mobilität benötigt wird, soll der Öffentliche Nahverkehr stemmen. Der neuen Tramstrecke kommt dabei eine wesentliche Funktion zu. „Die Straßenbahn ist das Rückrat der Erschließung“, bestätigte Nicke gestern erneut.

Planung der Tramstrecke mangelhaft

Aber der Ausbeu verzögert um mehrere Jahre. Eigentlich sollte die Strecke schon Ende 2025 fertig sein. Grund für die Verzögerungen ist offenbar unter anderem eine bisher mangelhafte Planung. Bekannt wurden die Probleme im Mai. Kurz zuvor wurden wie berichtet die Verträge der beiden Geschäftsführer des Potsdamer Verkehrsbetriebs (ViP), Martin Grießner und Oliver Glaser, vorzeitig aufgelöst. Den früheren ViP-Chefs wurden rathausintern auch Verfehlungen bei der Planung der Krampnitz-Tram angelastet. Daraufhin übernahm Potsdams Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos) die Federführung bei der Tramerweiterung. 

Auf eine Jahresangabe, wann die Straßenbahn nach Krampnitz tatsächlich fahren wird, wollte sich Rubelt am Dienstag erneut nicht festlegen. Zuletzt machte das Jahr 2028 die Runde. „So schnell wie möglich, sagte Rubelt dagegen gestern. „Die Vorplanungen werden in den nächsten Wochen abgeschlossen, dann geht es in die Planfeststellung“, so der Dezernent. Bis ein entsprechender Beschluss vorliege, könne es erfahrungsgemäß nochmals zwei bis drei Jahre dauern. Für die reine Bauzeit müsse mit weiteren gut drei Jahren gerechnet werden, so Rubelt.

Altlastensanierung hat begonnen

Unterdessen haben in Krampnitz umfangreiche Maßnahmen zur Altlastensanierung begonnen. Insgesamt knapp 4000 Liter giftiges Trichlorethen sind nach Angaben der Stadt auf dem ehemaligen Kasernengelände der sowjetischen Armee von Mitte der 1980er-Jahre bis 1991 in den Boden gesickert. Auf einer Fläche von etwa vier Hektar wurden so das Grundwasser und Teile des Erdreichs verseucht. Mit einem komplexen Drainagenetz und der Zugabe von Zuckerrübensirup soll nun das krebserregende Gift entsorgt werden. In voraussichtlich elf Jahren soll das Areal im nördlichen Bereich der früheren Kaserne wieder sauber sein.

Über die Frage, wer für die Entsorgung der giftigen Altlasten aus Armeezeiten aufzukommen hat, wurde zwischen dem Land Brandenburg und der Stadt Potsdam wie berichtet heftig gestritten. Sogar eine gerichtliche Auseinandersetzung soll im Raum gestanden haben. Nun zahlt das Land die gesamte Zeche. Insgesamt 7,56 Millionen Euro soll die Sanierung kosten. Allein 4,6 Millionen Euro verschlingt demnach der Aufbau der komplexen Sanierungstechnik, unter anderem die geplante Grundwassersanierungsanlage. „In den letzten Wochen haben wir wieder einmal gemerkt, wie wichtig uns das Wasser ist“, sagte Potsdams Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos) am Dienstag vor Journalisten auf einem Vor-Ort-Termin.

Vor allem unter der Wäscherei ist der Boden verseucht.  Foto: PNN / Ottmar Winter Vergrößern
Vor allem unter der Wäscherei ist der Boden verseucht.  © PNN / Ottmar Winter

Weder Mensch noch Tier sind direkt gefährdet 

Insgesamt sind laut Stadt 200.000 Kubikmeter Grundwasser in Krampnitz kontaminiert. Da das Gift aber sehr tief im Boden lagert, seien weder Mensch noch Tier direkt gefährdet. 

Verwendet wurde das Trichlorethen in Krampnitz als Reinigungsmittel. Aufgrund seiner guten fettlösenden Eigenschaften wurde es früher zudem bevorzugt in der Druckindustrie und in metallverarbeitenden Betrieben eingesetzt. 2014 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung, kurz IARC, Trichlorethen als krebserregend ein. Vor allem Nierenkrebs soll das giftige Lösungsmittel auslösen. Zudem wirkt es stark narkotisierend. Akute Vergiftungen können den Angaben zufolge außerdem zu Hirnschäden, Erblindung und zum Verlust der Geruchs- und Geschmacksempfindung führen.


Wahrscheinlich gab es Lecks in der Leitung

Laut Lars Schmäh, Leiter des Bereichs Umwelt und Natur der Stadt Potsdam, wurde das Reinigungsmittel in Krampnitz in einem großen Tank zwischengelagert und dann über Leitungen in die Wäscherei befördert. Dort seien damit vermutlich unter anderem auch Uniformteile und andere Ausrüstungsgegenstände gewaschen worden. Unter anderem durch Lecks in den Leitung sei das Mittel dann wohl auch auf den Erdboden getropft und von dort aus ins Grundwasser gesickert. „Es ist aber auch gut möglich, dass größere Mengen einfach mal so weggekippt wurden“, sagte Schmäh.

Anders als vor Jahren gemutmaßt, hält sich laut Stadt die Belastung außerhalb des Kasernengeländes in Grenzen. Das nördlich von Krampnitz gelegene Naturschutzgebiet Döberitzer Heide der Heinz-Sielmann-Stiftung sei nicht betroffen, stellte Stadtexperte Schmäh klar. Gefährdet ist aber offenbar das sogenannte Große Luch, ein Feuchtwiesengebiet zwischen dem Kasernengelände und der Döberitzer Heide. Mit den Sanierungsmaßnahmen soll ein weiteres Abfließen belasteten Grundwassers in das Luch vermieden werden. Dazu wurde bereits entlang der Grenze zum Luch in zwölf Metern Tiefe ein rund 120 Meter langes Drainagesystem eingegraben, bestehend aus einer Kiesschicht, Drainagerohren, Pumpen und diversen Messvorrichtungen. Auf etwa der Hälfte der Länge wurde zudem bereits ein Schacht mit einem Durchmesser von drei Metern ausgehoben. Dort soll das von der Drainage eingeleitete Wasser gesammelt und zur Reinigung in die Grundwassersanierungsanlage geleitet werden. Danach wird das nun saubere Wasser wieder in die Natur befördert.

Der kontaminierte Boden wird in speziellen Behältern gelagert

An zwei Stellen mit besonders großer Belastung, unter anderem im Bereich des alten Tanklagers, wird derzeit zudem verseuchtes Erdreich aus einer Tiefe von bis zu neun Metern ausgehoben und entsorgt. Der kontaminierte Boden wird in luft- und wasserdichten Behältern gelagert und unter anderem zu einem Spezialbetrieb in Berlin gebracht. „Noch im November soll der Probebetrieb starten. Im Juli 2020 soll es dann richtig losgehen“, kündigte Daniela Trochowski, Staatssekretärin im brandenburgischen Finanzministerium auf dem Termin an.

Daniela Trochowski, Staatssekretärin Finanzministerium des Landes Brandenburg und Bernd Rubelt, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bauen, Wirtschaft und Umwelt.  Foto: PNN / Ottmar Winter Vergrößern
Daniela Trochowski, Staatssekretärin Finanzministerium des Landes Brandenburg und Bernd Rubelt, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bauen, Wirtschaft und Umwelt.  © PNN / Ottmar Winter

Parallel zu der aufwendigen technischen Reinigung setzen Stadt und Land auf die Selbstheilungskräfte der Natur. Mit kontinuierlichen Melasse-Injektionen, also Sirup aus der Zuckerrübenverarbeitung, soll der mikrobiologische Abbauprozess der giftigen Kohlenwasserstoffe angefeuert werden. Den Experten zufolge dient die Melasse den natürlich im Boden vorkommenden Mikroorganismen als Nährstoff.

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