Der Angeklagte und sein Verteidiger Matthias Schöneburg (r.) (Archivfoto). Foto: Carsten Holm
© Carsten Holm

Mordprozess in Potsdam „Mein Bruder hat versucht, unsere Mutter zu retten“

Wolfgang L. soll seine Frau in einem Gartenteich in Glindow ertränkt haben. Im Landgericht schilderte die zwölf Jahre alte Tochter den letzten Tag im Leben ihrer Mutter. 

Potsdam - Theodor Horstkötter, Vorsitzender Richter der 1. Großen Strafkammer, hat die zwölf Jahre alte Schülerin Charlotte* L. am gestrigen Montagmittag zu sich an den Richtertisch gebeten. Sie möge sich, wenn sie es sich zutraue, Fotos eines Tatorts in der Elisabethhöhe im Werderaner Ortsteil Glindow ansehen. 

Es sind Bilder einer Ferienwohnung und eines Goldfischteichs. Zweieinhalb Meter neben ihr steht Charlottes Vater, der 65 Jahre alte Wolfgang L. Er ist angeklagt, Charlottes Mutter, die 40-jährige Polin Dorota L., am 11. Mai vergangenen Jahres in dem Teich ertränkt zu haben, nachdem er sie vorher mit einem Messer schwer verletzt hatte.

Wiedersehen vor Gericht

Vater und Tochter haben sich seit diesem Tag nicht wiedergesehen. Sie spricht nicht mehr wie vor der Tat von ihrem „Papa“, sondern nur von „Wolfgang“. Sie würdigt ihn keines Blickes, so Mitleid erregend er auf Krücken gestützt auch neben ihr steht. Er hatte unmittelbar nach der Tat einen Suizidversuch mit einem Auto unternommen, aber mit schwersten Verletzungen überlebt. L. sitzt jetzt in der Justizvollzugsanstalt in Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) ein. Zwischen die beiden hat sich Matthias Schöneburg positioniert, der Verteidiger des Angeklagten, mit seinem breiten Rücken wirkt er ein wenig wie eine Schutzwand zwischen ihnen.

Eineinhalb Stunden hat Charlotte im Saal 8 des Potsdamer Landgerichts zuvor mit fester Stimme beschrieben, wie ihr Vater ihre Mutter vor ihren Augen und denen ihres Bruders ertränkt hat. Es war der bemerkenswerte Auftritt eines jungen Mädchens, das nur vier, fünf Meter von dem Teich entfernt stand. Sie sah, wie ihr damals 14-jähriger Bruder versuchte, das Leben seiner Mutter zu retten. Und sie sah, wie deren Körper auf einmal leblos auf dem Wasser schwamm.

Tochter schildert den letzten Tag ihrer Mutter

Charlotte L., deren Mutter die Wohnung der Familie in Marquardt verlassen hatte und mit ihren Kindern in die Ferienwohnung nach Glindow gezogen war, schilderte den letzten Tag im Leben von Dorota L. Sie habe ihrem Mann Wolfgang erzählt, dass sie einen neuen Partner kennengelernt habe und ihn verlassen wolle. An jenem Tag habe Wolfgang L. einen Besuch in Glindow angekündigt. Schon nach zwei bis drei Minuten hätten sie einen Schrei ihrer Mutter aus dem Erdgeschoss gehört: „Nein, Wolfgang, bitte!“ Dort habe Wolfgang L. nahe ihrer Mutter gestanden, einen Schreckschussrevolver in der einen und ein Messer in der anderen Hand. Er habe sie gefragt: „Kommst du zu mir zurück?“.

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„Ich habe ihm zugerufen. Was machst du da? Hört auf“, so Charlotte L., „aber es war ihm egal, was wir sagten“. Ihre Mutter sei in großer Angst nach draußen geflüchtet, ihr Vater rannte hinterher. Dann sei Dorota L. ausgerutscht und dann in den flachen Teich gerutscht. Die Schülerin sah wie ihr Bruder zu Vater und Mutter in den Teich sprang, „er hat versucht, unsere Mutter zu retten”. Dann fiel ein Schuss. Ihr Vater hatte mit dem Schreckschussrevolver auf seinen Sohn geschossen, der den Teich mit brennenden Schmerzen im Gesicht verlassen musste. 

Das Lächeln ihres Vaters wird sie kaum vergessen

Charlotte L. stand auf dem Holzsteg neben dem Teich, während ihr Vater ihre Mutter unter die Wasserlinie drückte. Sie sah auch, wie ihre Mutter „noch einmal ein Auge öffnete”, sie registrierte, dass ihre Mutter im Bereich der Schulter Verletzungen hatte: „Als wir sie aus dem Teich herausgezogen haben, war sie voller Blut”. Und sie wird das Lächeln ihres Vaters kaum vergessen, nach dem er die Tat vollendet hatte.

Charlotte L. gab tiefe Einblicke in das Martyrium, das die Familie mit ihrem Vater all die Jahre erleiden musste. Sie hatte einen epileptischen Anfall, aber ihr Vater hielt es nicht für erforderlich, einen Arzt zu konsultieren. Als seine Frau es dennoch tat, schrie er nur herum.

Einfühlsam fragte die Beisitzende Richterin Anita Meybohm die Zeugin, wie es ihr gehe. „Besonders am Anfang war es eine sehr schwere Zeit”, antwortete die Schülerin. Sie habe Medikamente gegen Schlafstörungen und psychologische Hilfe bekommen. Jetzt wohne sie mit ihrem Bruder bei ihrer Großtante in Werder, die Tante und Freunde stützten sie sehr. In der Schule gebe es „Tage, an denen ich viel nachdenke und mich nicht gut konzentrieren kann”.

„Es war immer sehr verletzend”

Schon bisher hatten Zeuginnen das Verhalten von Wolfgang L. als cholerisch und herrisch beschrieben. Am Montag berichtete Jacqueline B., eine Tochter des Angeklagten aus einer früheren Ehe, dass er ihr erzählt habe, „sich lieber einen Jungen gewünscht” zu haben. Außerdem habe er ihr immer wieder an ihrer Figur herumgenörgelt und daran, „wie fürchterlich ich aussehe”. „Es war immer sehr verletzend”, sagte B. 

Über seine spätere Ehefrau Dorota habe er schon zu Beginn der Beziehung vor etwa 20 Jahren gesagt, sie habe „an der Straße gearbeitet”. Ihr Vater, so erinnert sie sich, habe große Hunde wie eine Dogge und einen Dobermann besessen, habe einem von ihnen wehgetan, um zu demonstrieren, „dass sie ihm trotzdem gehorchen”. 

Die Selbstgewissheit und der Hang zur Rechthaberei reichten bei Wolfgang L.. bisweilen offenbar bis ins Groteske. Jacqueline B. erzählte, er habe ihr drei Tage nach ihrem Geburtstag gratulieren wollen und behauptet, dies sei das korrekte Datum. Als er bei ihrer Hochzeit als einziger Gast erst nach der Trauung kam, sagte er, so habe es auf seiner Einladung gestanden.  

Wenig Nettes wusste auch Doreen E. über L. zu erzählen. Sie war eine Ziehtochter des Angeklagten und berichtete, er habe ihre Mutter „immer wieder geschlagen”, was blaue Flecken, und blaue Augen und auch mal eine blutige Nase zur Folge hatte. Zudem habe er auch damit gedroht, „sie umzubringen, wenn er sie verlässt”. 

Und dann erfuhren das Gericht und die Zuschauer eine Überraschung: Doreen E. sprach über einen Moment der Reue nach böser Tat. Irgendein Verhalten habe Wolfgang L. irgendwann einmal leid getan. Da habe er einen Blumenstrauß gekauft und ihrer Mutter ein Versprechen abgegeben: „Das kommt nie wieder vor.”

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