Auf dem Trockenen. Noch liegt das Schiff in der „Bolle-Werft“ in Derben. Foto: Promo
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Mit Batterie über die Havel Erstes Fahrgastschiff mit Elektroantrieb startet in Potsdam

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Die Weisse Flotte lässt derzeit einen neuen Dampfer bauen – das erste Fahrgastschiff Deutschlands mit Elektroantrieb. Im April soll die „MS Schwielowsee“ ihre Jungfernfahrt antreten.

Mit ihren etwa 50 bis 60 Jahren zählt die MS Paretz zu einem der ältesten Schiffe, über das die Weisse Flotte in Potsdams Innenstadt derzeit verfügt. Da der Schifffahrtsbetrieb für dessen Erneuerung hätte viel Geld investieren müssen, fiel kurzerhand die Entscheidung, sich von dem alten Dampfer zu trennen. Er steht nun zum Verkauf. Als Ersatz folgt nun eine hochmoderne Variante, die in Deutschland bislang einzigartig ist: Als erster Schifffahrtsbetrieb in Deutschland setzt die Weisse Flotte im Frühjahr kommenden Jahres erstmalig ein Fahrgastschiff mit Elektro-Antrieb ein. „Die Diskussion über Dieselmotoren geht ja nicht an uns vorbei“, sagt Jan Lehmann, einer der drei Geschäftsführer der Weissen Flotte, die seit Jahren immer mehr Fahrgäste über die Havel und den Wannsee geleitet. Auch in der Fahrgastschifffahrt könne man sich dem Thema nicht verschließen, sagt er. Deshalb hätten sie nun etwas Einmaliges wagen wollen.

Mit aufgeladener Batterie bis zu einer Dreiviertelstunde unterwegs

„Wir wollen ein Schiff bauen, das umweltfreundlich ist, aber keine Nachteile hat“, erklärt Lehmann. Wichtig sei es ihnen, weiterhin das gastronomische Angebot in vollem Umfang sowie die Klimatisierung gewährleisten zu können. Das neue Schiff verfügt daher nicht nur über einen Elektromotor, sondern hat einen Hybridmotor mit zwei zusätzlichen Dieselgeneratoren. Ein ausschließlich elektronisch betriebenes Fahrgastschiff sei derzeit noch nicht denkbar. Das gebe die Technik noch nicht her, erklärt der Geschäftsführer. Mit einer aufgeladenen Batterie sei derzeit eine Fahrt von etwa einer halben bis zu einer Dreiviertelstunde möglich. Für längere Fahrten über Havel und Wannsee reicht das nicht. Aber die Batterietechnik entwickele sich ständig weiter, sodass irgendwann vielleicht ein rein elektrisch betriebener Motor denkbar sei. Von dem Elektromotor werden zunächst vor allem auch die Potsdamer profitieren. „Wir wollen im Stadtgebiet von Potsdam mit Batterie emissionsfrei fahren“, erklärt Lehmann.

Pionier. Jan Lehmann ist einer der Geschäftsführer der Weissen Flotte. Foto:Ronny Budweth
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Noch ist die MS Schwielowsee, wie das neue Schiff bei seiner Jungfernfahrt bei der traditionellen Flottenparade am 14. April 2019 getauft werden soll, noch nicht auf dem Wasser. Derzeit befindet sich der Schiffsneubau in der „Bolle-Werft“ in Derben, Sachsen-Anhalt, wo die Weisse Flotte bereits mehrere andere Schiffe – über insgesamt zehn verfügt der Betrieb – bauen ließ.

Vor Kurzem hat laut Lehmann der Innenausbau der MS Schwielowsee begonnen, Elektrik und Fenster würden nun eingebaut. Im März kommt das Schiff nach Potsdam und wird nach ersten Probefahrten im Fahrgastbetrieb eingesetzt. Das Schiff verfügt über insgesamt 250 Plätze und hat mit seinen 41 Metern Länge und 6,50 Metern Breite laut Lehmann ähnliche Maße wie der Vorgänger, die MS Paretz.

Bau des Schiffes kostet knapp drei Millionen Euro

Eine Besonderheit auf dem neuen Schiff seien auch die etwa 30 Fahrradstellplätze. Sie würden oft feststellen, dass immer mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs seien, begründet Lehmann. Mit der Möglichkeit der Fahrradmitnahme könnten Gäste beispielsweise eine Tour mit dem Schiff zurücklegen und den Rückweg mit dem Rad antreten. Außerdem gibt es einen rollstuhlgerechten Zugang sowie ein Behinderten-WC.

Der Bau des Schiffes kostet laut Lehmann insgesamt knapp drei Millionen Euro. Etwas ärgerlich findet er, dass der Betrieb – anders als elektrobetriebene Autos – keinerlei staatliche Unterstützung erhalte. „Wir kriegen keinen Cent Förderung“, moniert der Geschäftsführer. Selbst kümmern muss sich der Betrieb auch um die Ladestationen. In Zusammenarbeit mit der Energie und Wasser Potsdam GmbH würden zwei Ladestationen entstehen, eine davon im Potsdamer Hafen, die zweite im Technik-Hafen der Weissen Flotte an der Großen Fischerstraße.

Weitere Investitionen plant der Schifffahrtsbetrieb vorerst nicht. In den vergangenen Jahren hätten sie bereits viel investiert, sagt Lehmann. Dazu zählt die Erneuerung der Flotte. Vor drei Jahren wurde außerdem ein neues Servicegebäude am Hafen sowie ein neues Gebäude für das mediterrane Restaurant „El Puerto“ gebaut. Es wird laut Lehmann sehr gut angenommen.

Kosten für Diesel einsparen

Stabil sind weiterhin mit knapp 300 000 pro Jahr auch die Fahrgastzahlen, sodass die Weisse Flotte die Saison verlängert hat und auch Fahrten in der Weihnachtszeit sowie zu Silvester anbietet. Erst für die Mitte der 2020er-Jahre sei ein weiterer Neubau am Hafen geplant, so Lehmann.

Nun steht aber erstmal das aktuelle Projekt an, mit dem der Schifffahrtsbetrieb gewissermaßen Neuland betritt. „Wir sind da der Vorreiter“, sagt Lehmann. Viele andere Schifffahrtsbetriebe würden neugierig schauen, wie sich das Hybrid-Schiff im Fahrgastbetrieb so mache, vermutet Lehmann. Gespannt sind aber auch die Geschäftsführer der Weissen Flotte. „Neue Technik heißt immer Spannung“, sagt Lehmann. Langfristig hofft der Betrieb, durch den elektrobetriebenen Antrieb die Kosten für Diesel einzusparen. Etwa 30 Prozent plus x, nennt Lehmann einen groben Schätzwert. „Das werden wir herausfinden“, sagt er. Sorgen macht er sich jedenfalls nicht. „Wir sind da sehr optimistisch, dass das alles funktioniert.“

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